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Meine Erlebnisse in einer der ältesten Städte der Welt: Jericho

Die erste Stadt Palästinas, in die ich meinen Fuß setzte, war Jericho, wo unser Aufenthalt arrangiert worden war. Ich weiß nicht, ob dies eine glückliche Fügung oder bloßer Zufall war – doch ich war euphorisch, als ich erfuhr, dass wir in Jericho wohnen würden. Historische Orte hatten schon immer eine besondere Anziehungskraft auf mich; die alten Monumente und Gegenstände begeistern mich und finden stets meine Bewunderung. Doch ich hätte mir kaum vorstellen können, dass ich – ohne es wirklich geplant zu haben – einmal die Chance bekäme, diese Stadt der antiken Schätze zu besuchen!

Jericho ist eine Stadt, in der viele große Zivilisationen der Antike zuhause waren. Tatsächlich wird sie als die älteste durchgehend bewohnte Stadt der Welt angesehen, schon seit 12.000 Jahren siedeln hier Menschen! Wer sich für Geschichte und Archäologie interessiert, wird von dem Detail begeistert sein, dass Jericho die wichtigste Fundstätte der als „Präkeramisches Neolithikum“ bezeichneten Epoche ist.

Um rund 258 Meter unter dem Meeresspiegel im Jordantal und nicht einmal zehn Kilometer vom Toten Meer entfernt gelegen, ist Jericho eine fruchtbare, grüne Oase mit zahlreichen Palmenhainen.

Ich war begierig darauf, einen ersten Blick auf die Landschaft um Jericho zu werfen. Da wir aber, nach dem stundenlangen Aufenthalt an der Allenby-Brücke, erst in der Nacht dort ankamen, war von der Landschaft praktisch nichts zu sehen.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte und meine Augen öffnete, konnte ich von dem Fenster meines Zimmers einen ersten Blick auf Jericho werfen. Es war schön. Allerdings auch ein bisschen anders, als ich es erwartet hatte, denn ich hatte eine ganz andere Vorstellung von einer Oase gehabt.

Doch mit jedem weiteren Tag sah ich mehr von den verschiedenen Gesichtern Jerichos und seiner Umgebung: die vollständig vegetationslosen Landstriche aus welligen Wüstenhügeln um die Straßen, die Jericho mit anderen Städten verbinden; die Straßen der Stadt, die von wunderbaren Palmen verziert werden; fruchtbare, grüne Landstriche am Stadtrand; halbwüstenhafte Gebiete; der schöne und friedvolle Blick auf das Tote Meer von der Stadt aus und noch vieles mehr.

Manchmal fand ich, dass diese kontrastierenden Szenerien überhaupt nicht zueinander passten. Aber glaubt mir, gerade diese ausgeprägte Nichtübereinstimmung hat etwas Faszinierendes!

Die Innenstadt war die Gegend von Jericho, in der wir die meiste Zeit verbrachten. Es ist ein kleines Gebiet, nicht viel mehr als eine einzige Straße in der Neustadt von Jericho mit vielen kleinen Geschäften. Jeden Tag verbrachten wir nach unseren Touren zu diversen anderen Städten des Westjordanlandes noch etwas Zeit im innerstädtischen Marktgebiet, um uns in einem Café oder einer Schischa-Bar zu entspannen oder etwas einzukaufen, bevor wir zu unserer Unterkunft gingen.

Ich möchte ein Ereignis erwähnen, das mich wirklich faszinierte: Nach unserer Fahrt nach Hebron machten wir wie üblich am Innenstadtmarkt Halt. Während sich die meisten in die nahen Cafés oder Läden begaben, hatten einige von uns die Idee, Fahrräder zu mieten und damit die Umgebung der Innenstadt zu erkunden. Ich schloss mich ihnen an.

Ich hatte sehr lange kein Fahrrad mehr benutzt, aber da kaum Autos auf den Straßen fuhren, machte es wirklich Spaß. Die Luft war kühl und angenehm. Wir genossen die Fahrt so sehr, dass wir fast die palästinensische Grenzstation am Al-Karama Gate erreichten. Einer unserer palästinensischen Freunde riet uns, zurückzufahren, weil es in der Grenzregion möglicherweise nicht sicher sei.

Auf der Rückfahrt sahen wir einige spannende Graffitis an den Mauern neben der Straße. Eine meiner indischen Freundinnen wollte ein paar Bilder davon machen; sie stellte ihr Rad ab und begann zu fotografieren, während der Rest unserer Gruppe zu einem anderen Stadtteil fuhr.

Als wir alle unsere Mieträder zurückbringen wollten, fanden wir sie alleine und völlig ratlos vor dem Fahrradgeschäft vor; sie erzählte, dass jemand ihr Rad gestohlen habe, während sie mit dem Fotografieren beschäftigt war. Einer unserer palästinensischen Freunde erklärte dem Ladenbesitzer die Situation auf Arabisch. Unsere indische Freundin bot ihm an, das gestohlene Rad zu ersetzen.

Doch zu unserer Überraschung lehnte der Vermieter die Entschädigung ab und sagte: „Ihr seid unsere Gäste. Ich kann das Geld nicht annehmen.“ Das war eine wirklich schöne Geste von diesem durchaus nicht wohlhabenden Ladenbesitzer. Seine Gastfreundschaft berührte uns sehr, und doch es gab noch weitere Ereignisse, bei denen mich die Menschen dieser Stadt sehr beeindruckten.

Nach einer Weile sahen wir zwei Burschen, die zu dem Ladenbesitzer kamen und ihn fragten, ob das sein Fahrrad sei – sie sagten, sie hätten es an einer Ecke gefunden und sich entschlossen, nach dem Besitzer zu suchen.

Zuweilen sind kleine gute Taten mehr als ausreichend, um uns zu beeindrucken und uns davon zu überzeugen, dass das Gute angesichts des offenbar überall zunehmenden moralischen Verfalls dennoch überdauert. In meiner Heimat könnte ich mir solche Gesten nur schwer vorstellen, doch hier in diesem Land, das von der ganzen Welt als extrem gefährlich angesehen wird, überwiegen Freundlichkeit und Idealismus noch immer.

Die ältesten Städte der Welt tragen stets die Erinnerung an Aufbau und Zerstörung, an Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, an Nächstenliebe und Grausamkeit in sich. Unsere Besuche der historischen Sehenswürdigkeiten Jerichos verteilten sich auf verschiedene Tage; als Erstes war das Sankt-Georgs-Kloster dran, ein griechisch-orthodoxes Kloster auf dem „Berg der Versuchung“. Es heißt, das Kloster sei ursprünglich von Mönchen oder Einsiedlern erbaut, im Jahr 614 aber zerstört worden. Während der Epoche der Kreuzzüge wurde es durch die Mönche wieder aufgebaut.

Der Glaube sagt, dass dies die Stätte sei, wo Jesus in einer Höhle 40 Tage und Nächte lang fastete. Interessanterweise befindet sich dieser Ort 350 Meter über dem Meeresspiegel, während der Rest der Stadt unterhalb des Meeresniveaus liegt. Wir gingen den ganzen Weg zu Fuß hinauf, wurden dann aber nicht hineingelassen. Es fühlte sich nicht gut an, doch die Großartigkeit dieses Ortes und die Aussicht aus dieser Höhe genügten, um die unschönen Gefühle zu verdrängen.

So wurden wir an diesem ersten Tag Zeugen einer Schönheit, die die Brutalität sowohl des Menschen als auch der Natur überdauern kann.

Sankt-Georgs-Kloster

Das nächste Monument Jerichos, das wir besuchten, hat sowohl Aufbau als auch Zerstörung erlebt: Es war von Menschen errichtet und von der Natur zerstört worden. Und schließlich wurde es von beiden bewahrt, sodass wir es gleichzeitig bewundern und bedauern können.

Es war der Palast des Hischam, im Arabischen als Khirbat al-Mafdschar bekannt, der mich absolut faszinierte. Er ist das bedeutendste archäologische Monument Palästinas, errichtet zur Zeit der Umayyaden-Dynastie und vermutlich durch ein Erdbeben zerstört. Die Mosaikfußböden waren eine wahre Wohltat für meine Augen und beschäftigten mich eine längere Zeit: Ich konnte einfach nicht aufhören, die Fähigkeiten der Handwerker zu bewundern, die diese Mosaiken mit so viel Geduld und Leidenschaft erschaffen hatten.

Die Ruhe zwischen diesen Ruinen löste ein melancholisches Gefühl in mir aus.

Ich liebte dieses Gefühl und wollte diesen Ort nicht verlassen. Doch ich musste. Wir hatten wenig Zeit, und es waren noch so viele Orte zu besuchen.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Jericho unter all den Orten, die ich in Palästina besuchte, derjenige ist, der mich heute am meisten nostalgisch werden lässt. Durch die Gassen in der Nähe unserer Unterkunft streifen, in den Cafés und Schischa-Bars sitzen, Souvenirs in den kleinen Läden des Innenstadtmarktes einkaufen, lokale Spezialitäten an den Straßenverkaufsständen probieren – all dies, und besonders die dabei stattfindenden Begegnungen mit den Menschen, hinterließ einen bleibenden Eindruck in meiner Erinnerung.

Manchmal vermisse ich diesen Orten und seine Wärme wirklich!

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

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Hischam-Palast Hischam-Palast Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Mosaikboden im Hischam-Palast Mosaikboden im Hischam-Palast Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Hischam-Palast Hischam-Palast Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Sankt-Georgs-Kloster Sankt-Georgs-Kloster Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Graffiti Graffiti Sumana Singha CC BY-SA 4.0
mit dem Rad durch Jericho mit dem Rad durch Jericho Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Geschäfte Geschäfte Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Lebensmittelladen in der Stadt Lebensmittelladen in der Stadt Sumana Singha CC BY-SA 4.0
in der Innenstadt Jerichos in der Innenstadt Jerichos Sumana Singha CC BY-SA 4.0
der Blick auf das Tote Meer der Blick auf das Tote Meer Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Straßen in Jericho Straßen in Jericho Sumana Singha CC BY-SA 4.0
die Straße von Jericho nach Ramallah die Straße von Jericho nach Ramallah Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Landschaft von Jericho Landschaft von Jericho Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Blick aus meinem Fenster Blick aus meinem Fenster Sumana Singha CC BY-SA 4.0
Jericho-title-pic Jericho-title-pic Sumana Singha CC BY-SA 4.0