Auf die andere Seite des Meeres

Zum ersten Mal in unserer Geschichte hat die Anzahl aus ihrer Heimat vertriebener Menschen einen neuen Rekord erreicht: 65,3 Millionen. Unter ihnen sind fast 21,3 Millionen Geflüchtete, von denen über die Hälfte unter 18 Jahre alt ist. Jeden Tag werden 34.000 Menschen aufgrund von Konflikten und Verfolgung aus ihrer Heimat vertrieben. Dies sind keine kleinen Nummern mehr. Und insbesondere sind es nicht nur einfach Nummern oder gesichtslose Statistiken die sich in UNHCR Berichten finden.

Dies sind Menschen. Menschen die wichtiger sein sollten als Grenzen. Es hätte auch uns treffen können, du könntest an ihrer Stelle sein.

Mittels dieser Reihe von Artikeln möchte ich die Geschichten der Menschen erzählen, die ich in Flüchtlingslagern in Italien und Griechenland in den letzten Jahren kennenlernen durfte. Und möchte einen Dialog beginnen. Aufmerksamkeit erregen. Den Menschen, die geflüchtet sind und von denen wir in den Nachrichten hören, ein Gesicht geben. Ich glaube, dass das der einzige Weg ist, den Menschen zu danken, die mich berührt haben und die mir mehr gegeben haben, als ich ihnen jemals zurückgeben könnte.

Ihre Geschichten zu erzählen ist die einzige Möglichkeit. Der einzige Weg, sie bei mir und bei uns zu behalten, auch wenn das Interesse und die Titel der Zeitungen bereits wieder schwinden. Bevor diese Menschen wieder aus den Augen und aus dem Sinn sind.

Bitte gib auch du das weiter.

Der „Friedhof der Rettungswesten“ auf Lesbos (Griechenland), dem Hauptankunftsort für Geflüchtete aus Richtung der türkischen Küste. Berge von Rettungswesten aufeinandergestapelt, zerrissene Beiboote und Heizdecken.
Auf der anderen Seite des Meeres. Von Eritrea nach Frankreich. Die Geschichte von H.

Der neunte September ist wie ein Geburtstag für mich.

An diesem Tag vor genau einem Jahr besuchte ich erstmals das Erstaufnahmelager im Mailänder Hauptbahnhof. Es hat mich nachhaltig beeindruckt. Dieser Tag und dieses Lager für Geflüchtete veränderte mich so sehr, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

Vieles ist mittlerweile anders, und es hat sich viel getan seit jenem neunten September. Wir sind umgezogen vom ersten Lager, das noch unter den Bögen der Bahnstrecke war, zu einem neuen, größeren Standort – ungefähr zwei Kilometer entfernt vom Hauptbahnhof. Eine Klinik, Duschen, das Anmeldepult, ein Spielraum für die Kinder, Computer um Kontakt mit denen aufzunehmen, die zurückgelassen werden mussten – und 75 Betten.

Die Stadt ist mit Süditalien über Züge und Busse verbunden. Am Standort können Geflüchtete und Migranten erste Hilfe finden, bekommen Kleidung und Essen, bevor sie in eine Übergangsunterkunft gebracht werden. Üblicherweise bleiben sie ein paar Tage, bevor sie wieder weggehen. Zumindest war es so, bevor die Schweiz, Österreich und Frankreich begannen, hart gegen Migranten durchzugreifen.

Mailand kann nun als neuer „Flaschenhals“ bezeichnet werden, wo Menschen, die verzweifelt davon träumen weiter nach Nord- und Zentraleuropa zu reisen, für Wochen oder Monate feststecken.

Und das Erstaufnahmelager in Mailand ist längst kein Erste-Hilfe-Lager mehr. Oder besser gesagt, es wurde zu etwas anderem. Während ich diesen Artikel verfasse, kämpfen Freiwillige darum, ungefähr 670 Männer, Frauen, Kinder und sogar Babys im Lager unterzubringen – und erreichen damit einen neuen Rekord. Die Betten im Lager reichen nicht aus.

Die Stadt, die seit Oktober 2013 ungefähr 106.000 Migranten aufgenommen hat, darunter 21.000 Kinder, bereitet sich auf einen neuen Ausnahmezustand vor.


Um diese Zeit letztes Jahr wurde ich mit den grellorangefarbenen Westen vertraut und lernte, welch große Mengen an Käsesandwiches und Gläsern mit heißem Tee zuzubereiten und zu verteilen waren, dieses Jahr habe ich eine Nachricht von einem Freund bekommen. Wir haben uns im Lager im November kennengelernt, am Tag an dem er ankam. Er kommt aus Eritrea, ist 23 Jahre alt. Ich werde ihn J. nennen.

J. ist jetzt in Deutschland und wartet darauf, dass sein Asylantrag fertig wird. Wir haben seit dem Tag, an dem er Mailand verließ, Kontakt gehalten, unsere Konversationen fanden dabei auf Englisch, Tigrinya, Deutsch und Italienisch statt. Das Resultat aus einer Mischung der Sprachen war nicht immer hilfreich, aber wir schafften es letztendlich doch einander irgendwie zu verstehen. Die Nachricht war denen ähnlich, die ich in den Monaten zuvor öfter bekommen hatte. Er bat um Hilfe für einen Freund, der ein paar Tage zuvor auf Sizilien angekommen war, dem Hauptankunftsort aller Geflüchteten, die das Mittelmeer von Libyen aus überqueren wollten.

Liebes Schwesterchen, ich möchte dich etwas fragen, wenn du es bist, mein kleiner Bruder ist in Mailand, er ist mir nachgekommen.
Sariye, kannst du ihm helfen, wenn du kannst… Wenn es möglich ist
Ich kenne sonst niemanden, der es könnte

Am Ende des Textes war eine Telefonnummer. H.s Nummer. Ich rief ihn an, da mir gesagt wurde, dass er ein wenig Englisch spreche, aber die Antwort auf jede meiner Fragen war immer nur „okay, okay“. Also versuchte ich, ihm zu schreiben, da ich hoffte, dass es einfacher für ihn sei. Es klappte tatsächlich, da ich endlich verstand, dass er Catania (Sizilien) verließ, um einen Tag später in Mailand zu sein. Ich sagte ihm, dass ich ihn dort treffen würde.

Am folgenden Tag reiste ich nach Mailand und erhielt eine Nachricht eines unbekannten Senders. „Ich bins, H. Kannst du mich bitte anrufen?”. Ich rief die Nummer an und ein eritreischer Mann, der in Italien lebte, antwortete mir auf Italienisch. Er hatte H. und seinen Freund in Lampugnano, einem Vorort von Mailand, an der Busstation getroffen.

Ist es okay für dich, wenn du sie in Mailand Cadorna triffst? Ich kann ihnen erklären, wie sie dorthin kommen.

H. und seinen Freund in einem der frequentiertesten Bahnhöfe von Mailand zu finden, war eine echte Herausforderung. Ich kann gar nicht genug betonen, wie froh ich war, einen meiner Freunde, nämlich A., dabei zu haben. Warum? Weil er Arabisch sprechen kann. Wie der Zufall es wollte, hatte H. einige Zeit im Jemen gearbeitet und sprach auch Arabisch. Es würde eine große Erleichterung sein, so kommunizieren zu können.

Ich musste ihnen schließlich die Situation an den Grenzen erklären – denn J. meinte, dass H. unbedingt nach Frankreich wolle – und außerdem musste ich ihnen mitteilen, welche Hilfe ich ihnen in Mailand geben konnte. Wir wussten nur, dass er ein rotes T-Shirt trug und dass er dort, wo er stand, den Zug Nummer Neun sehen konnte. Nachdem wir zehn Minuten die Station abgesucht hatten, fanden wir H. und seinen Freund A. endlich. Sie warteten ziemlich versteckt direkt draußen vor der Station, weit genug entfernt von den Soldaten, die am Eingang patrouillierten.

So wie die meisten Migranten und Geflüchteten, die ich traf, wollten auch sie wie Geister sein: so unsichtbar wie möglich. Zumindest für die italienischen Behörden. Ihre größte Angst ist es, dass sie gestoppt, identifiziert und ihnen die Fingerabdrücke abgenommen werden, was dann nämlich – nach dem Dublin-Abkommen – bedeutet, dass sie nur in Italien einen Asylantrag stellen dürfen.

Eine von H.s ersten Fragen bezog sich auf dieses Thema:

In Catania haben sie einen Fingerabdruck genommen. Ich habe mich geweigert, den anderen auch noch nehmen zu lassen, weil ich nach Frankreich will. Sie können nichts machen, wenn sie nur einen haben. Sie müssen zwei haben, oder?

H. und A. sehen unglaublich dünn und jung aus. Sie sind erst 17 und 18 Jahre alt, und sie hatten bereits ganz allein die entbehrungsreiche Reise von Eritrea nach Italien zurückgelegt. Sie hatten nichts bei sich, lediglich die Kleidung, die sie trugen, ein Paar gute Schuhe (und das ist keine Selbstverständlichkeit) sowie ein altes Telefon.

Wir haben einen Pullover mitgebracht, weil wir dachten, wir müssten eventuell draußen übernachten,

sagte H. und zeigte den Rest seiner Habseligkeiten.

Was mich am meisten erschreckte, war die Tatsache, dass H. so komplett anders aussah, als auf den Facebook-Fotos, die J. mir am Tag zuvor geschickt hatte. Kaum wiederzuerkennen. Das passierte ständig.

Jedes Mal, wenn ich von Menschen, die ich aus dem Erstaufnahmelager kenne, eine Freundschaftsanfrage auf Facebook oder WhatsApp erhalte, schaue ich in Gesichter und Augen, die ich kaum wiedererkennen kann. Es scheint so, als ob der abgemagerte, müde Junge, der vor mir steht, nur noch zu einem Bruchteil der Person gleicht, die er einmal war.

Ich erkläre H. und A. kurz, wie genau die Erstaufnahme in Mailand funktioniert, was dank A.s Übersetzungshilfe auch gut klappt, und biete ihnen unsere Begleitung ins Lager für die Nacht an. Und wieder ist die Hauptfrage die Registrierung und Abnahme der Fingerabdrücke.

Keine Fingerabdrücke. Nur Name und Herkunftsland. Es ist nur für die Stadt, um den Überblick über die Menschen zu behalten und die Hilfe angemessen organisieren zu können,

versichern wir ihnen.

Sobald wir die U-Bahn erreichen, rufe ich Gianluca an, um sicherzustellen, dass sie bald ein Bett und etwas zu essen bekommen, da sie sehr erschöpft sind. Gianluca ist einer der zuständigen Leute im Lager und arbeitet für die Fondazione Progetto Arca, eine italienische NGO, die gefährdeten Gruppen hilft – z.B. Obdachlosen, Familien in Schwierigkeiten, Senioren, Geflüchteten und Migranten. Er ist jeden Tag anwesend, von morgens bis spät in die Nacht.

Auf dem Weg zur U-Bahn hatten wir etwas Zeit zum Reden. H. und A. fingen an, sich auf Arabisch zu unterhalten und lachten viel, während ich und H.s Freund sie nur anstarrten und uns versuchten vorzustellen, worüber sie wohl redeten. H. wollte Reden und Lachen. Um ins Leben zurückzufinden, wahrscheinlich. Wir stellten Fragen über ihre Reise. Von Eritrea nach Sudan. Von Sudan nach Libyen. Und dann nach Italien.

Sie brauchten mehr als einen Monat und verbrachten einige Tage in der Wüste, bis sie Libyen erreichten – oder besser gesagt, die Migrantenhölle. In Libyen, auf dem Fluchtweg entlang der Küste, ist das Risiko von Menschenhändlern verschleppt zu werden, extrem hoch. Nach Aussagen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gibt es in Libyen eine Millionen Migranten und ein riesiges Netzwerk von Menschenhändlern.

Sie haben uns kein Essen gegeben und uns mit Rohren geschlagen.

Mädchen und Frauen werden wiederholt vergewaltigt und den jungen Mädchen, die wir im Lager empfangen merkt man das an.

H. und A. waren in der Lage, Libyen hinter sich zu lassen. Nachdem sie einen Tag im Mittelmeer herumgetrieben waren, wurden sie von der italienischen Küstenwache aus einem sinkenden Beiboot gerettet.

Wir konnten Haie sehen,

erzählt H. In Eritrea haben sie auf dem Land gearbeitet, was ziemlich schwere Arbeit ist.

Das autoritäre Regime von Diktator Afewerki, herrscht in dem Land schon, seitdem Äthiopien 1993 die Unabhängigkeit erlangte. Die Menschenrechte werden immer wieder verletzt und es gibt weder eine Verfassung noch eine freie Presse. Die Angst vor dem Staat und seinen Gefängnissen dominiert alles. Der Militärdienst für junge Männer ist verpflichtend und wird oft auf unbestimmte Zeit verlängert. Darüber hinaus sind sie Lebenserhaltungskosten enorm hoch.

Hier müssen wir raus. Nach zehn Minuten Fußweg erreichen wir endlich das Lager. Die Sonne hat schon begonnen unterzugehen. Hunderte von Menschen stehen Schlange, um Essen zu bekommen oder mit einem Bus in vorläufige Unterkünfte gebracht zu werden. Gianluca kommt uns entgegen. Während er H. und A. die Hände schüttelt, sagt er immer wieder „willkommen, willkommen“. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich diesen Mann liebe! Uns wurde gesagt, es sei Platz für die beiden in einem der Busse, der zu einem zweiten Aufnahmelager (SPRAR) fährt.

Es blieb nur noch Zeit für ein schnelles: „Pass auf dich auf!“ und: „Ich rufe dich morgen an“.

Am darauffolgenden Tag riefen A. und ich H. an, um sicherzugehen, dass es den beiden gut ging. Die Kommunikation war nach wie vor schwierig, aber definitiv sehr viel entspannter. Es ging ihm endlich besser. In den folgenden Tagen hielten wir Kontakt und A. besuchte sie in ihrem Lager. Vor zwei Wochen schrieb H. mir, dass sie im Begriff seien, nach Ventimiglia an der französisch-italienischen Grenze, aufzubrechen. Sie wollten nach Frankreich rüber, der letzte Schritt auf ihrer Reise auf die andere Seite des Meeres.

H. und A. ließen alles hinter sich. Niemand wartete auf sie und es gab auch keinen Ort, an den sie hätten zurückkehren können. Sieben Tage hörten wir nichts von ihnen, und H.s Telefon war nicht zu erreichen. Dann endlich gute Nachrichten: Sie haben es geschafft. Sie sind jetzt in Frankreich.

Übersetzung ins Deutsche: Hannah Kohn

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