Menschenhandel – Realität in Europa

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Veranstaltungsdaten

Datum
24. 11. 2017
Veranstalter
EUSDR Priority Area 10 "Institutional Capacity and Cooperation" & Regional Implementation Initiative on Preventing and Combating Human Trafficking
Ort
Rathaus, Wien
Veranstaltungsart
Diskussionsrunde
Teilnehmer
Helga Konrad, Leiterin der Regionalen Implementierungsinitiative gegen Menschenhandel für das Institut für Donauraum und Mitteleuropa (IDM)
Enrico Ragaglia, Projektmanager von ICMPD (Anti-Trafficking Programme)
Mike Dottridge, Unabhängiger Berater und Experte über Prävention von Menschenhandel
Stefano Volpicelli, Trainer und Forscher im Bereich Migration und Menschenhandel
Evelyn Probst, Koordinatorin von IBF - Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel
Marc Van den Reeck, NGO "The Smile of the Child"
Shams Asadi, Leiterin des Menschenrechtsbüros in Wien

Unter dem Titel „Danube Cities against Human Trafficking“ (soviel wie “Donaustädte gegen Menschenhandel”) wurde am 24. November 2017 im Wiener Rathaus eine Diskussionsrunde organisiert, bei der die Bekämpfung und Prävention von Menschen- und Kindeshandel in Europa auf lokaler Ebene im Mittelpunkt stand. Die Veranstaltung sollte dazu dienen, eine zukünftige Koordination und Kooperation der anwesenden Institutionen zu ermöglichen. Gleichzeitig solle auch Achtsamkeit für dieses Thema in der Gesellschaft gefördert werden.

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Derzeit beschäftige die sogenannte Migrations- bzw. Flüchtlingskrise den Großteil der Menschen in Europa so sehr, dass auf Probleme wie Menschenhandel einfach vergessen werde, meint Helga Konrad, Leiterin der Regionalen Implementierungsinitiative gegen Menschenhandel für das Institut für Donauraum und Mitteleuropa (IDM). Mit Menschenhandel ist die Ausnutzung hilfloser Menschen in persönlicher und wirtschaftlicher Not durch kriminelle Netzwerke gemeint.

Staatliche Institutionen und Regierungen, die eigentlich die Verantwortung hätten, dagegen vorzugehen, seien nicht einmal bereit, das Problem an sich anzuerkennen. Andauernd höre man die Regierungen nur über Staatssicherheit anstatt über die Sicherheit von Menschen sprechen, so Konrad.

Im Moment gebe es immer noch zu viele Regierungen und Autoritäten, die glauben würden, sie müssten gar nichts in Bezug auf Menschenhandel unternehmen – mit der Begründung, davon seien sowieso „nur“ Migranten betroffen, so Marc Van den Reeck von der Nichtregierungsorganisation The Smile of the Child. Vorfälle von Menschenhandel seien schon in ganz Europa vorgekommen. Dabei handele es sich um eine Angelegenheit viel größeren Ausmaßes als die Annahme, dass nur Migranten davon betroffen seien. Seiner Ansicht nach seien 80-85% der Opfer von Menschenhandel nicht Migranten aus Afrika oder dem Nahen Osten, sondern Bürger aus anderen europäischen Ländern. Unweigerlich bestehe ein Link zwischen Menschenhandel und der sogenannten Flüchtlings- bzw. Migrationskrise, doch das Problem gehe laut Van den Reeck über diese Krise hinaus.

In seiner Präsentation nannte Mike Dottridge, unabhängiger Experte und Berater gegen Menschenhandel, die häufigsten Tätigkeiten, in denen gehandelte Menschen beschäftigt sind. Aus Sicht von Dottridge zählen hauptsächlich das Gastgewerbe (Restaurants und Hotels), die Landwirtschaft, Baustellen, erzwungenes Betteln, Anbau und Verkauf von Cannabis sowie Prostitution zu den Haupttätigkeiten. Gehandelte Menschen würden in präkere Arbeitsverhältnisse gezwungen und infolgedessen von Kriminellen abhängig gemacht.

Ein Problem bei der Identifizierung der Opfer von Menschenhandel bestehe darin, dass die meisten, die Menschenhandel erfahren hätten, sich nicht selbst als Opfer davon wahrnehmen, so Stefano Volpicelli, Trainer und Forscher über Migration und Menschenhandel. Dieser Umstand sei darauf zurückzuführen, dass diese Menschen keine Ahnung vom offiziellen Protokoll über Menschenhandel hätten und sich deshalb auch nicht als Betroffene davon wahrnehmen. Es sei deshalb schwierig, konkrete Opferzahlen zu nennen.

Auch wenn sich Betroffene einem juristischen Verfahren unterziehen, so Volpicelli, erhalten sie weder ökonomische noch moralische Kompensation für ihre Kollaboration mit der Justiz. Dieser Umstand gelte anscheinend überall. Stattdessen würden die Opfer häufig sogar vor Gericht als Mittäter eines Verbrechens angesehen werden.

Speziell auf die Rechtslage in Österreich bezogen bestehe derzeit kein Rechtsverfahren bezüglich des Umgangs mit Menschenhandelsopfern, so Evelyn Probst, Koordinatorin der Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel. Aufgrund dessen hätten die Betroffenen auch keine Rechte, falls sie Opfer von Menschenhandel würden. Mit 1. Jänner 2018 sei auf Landesebene für Wien vorgesehen, dass ein Gesetz in Kraft tritt, das Opfern von Menschenhandel das Recht auf ein Verfahren zusprechen würde. Es bestehe jedoch durch die neue türkis-blaue Regierung die Gefahr, dass diese das Gesetz aufheben könnte, so Probst.

Neben Gewährung von Rechten für Opfer von Menschenhandel auf juristischer Ebene und Verantwortungsübernahme von Regierungen sei vor allem die Koordination und Kooperation auf lokaler Ebene wichtig, meint Dottridge. Wichtige Faktoren dabei seien die Identifikation von Situationen, in denen Menschenhandel geschieht, und eine frühestmögliche Intervention. Wesentlich sei für die involvierten Parteien, ihre Aufmerksamkeit für solche Situationen zu erhöhen. Es solle direkt aktiv eingeschritten werden anstatt die Situation zu vernachlässigen oder gar zu ignorieren.

Um auf lokaler Ebene effektiv gegen das Problem vorzugehen, sollen multidisziplinäre Teams gebildet werden, in denen Mitarbeiter sozialer Einrichtungen, des Gesundheitswesens, der Schulen, von NGOs und der Polizei gemeinsam zusammenarbeiten. Für Regierungen sei es außerdem notwendig, so Dottridge, ein Auge auf die Strukturen und Machenschaften krimineller Wirtschaftszweige zu werfen, die auf lokaler Ebene agieren, um deren Ausführungen zu unterbinden.

Damit Staaten dazu ermutigt werden, ihre Aufmerksamkeit auf dieses Problem zu lenken, sei es notwendig, handlungsfähige Autoritäten von Missständen wie Menschen- und Kinderhandel zu überzeugen. Die Meldung von Europol im letzten Jahr, dass 10.000 Kinder offiziell in Europa als vermisst gelten, solle laut Van den Reeck den staatlichen Autoritäten das Problem von Menschen- bzw. Kindeshandel in Europa klar vor Augen führen. Aber nach wie vor sei aus deren Sicht Staatssicherheit statt Menschensicherheit vordergründig.

Um das Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung für die tragische Realität von Menschenhandel zu erhöhen, würden vor allem die Medien eine wichtige Rolle einnehmen, indem sie diese Realität aufzeigen und zum Handlungsbedarf animieren, während der Einzelne es als Thema innerhalb seines Bekanntenkreises ansprechen solle, so Van den Reeck.

Die Existenz von Menschenhandel innerhalb einer „fortschrittlichen“ Gesellschaft könnte als eine Rückentwicklung empfunden werden. Oder entspricht es nicht eher einer Realisation, weil davor weggeschaut wurde?

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d-caht-runder-tisch-wien_127_18 d-caht-runder-tisch-wien_127_18 Claudia Singer Mit freundlicher Genehmigung von Priority Area 10 - EU Strategy for the Danube Region
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