#METOO

Ich war mit meinen Freunden beim Essen. Es wurde viel gelacht in unserer Küche auf dem Unicampus – ein typisches Studentenessen, gekocht mit den beiden einzigen Zutaten, die im Kühlschrank zu finden waren, und begleitet von endlosen Unterhaltungen.

Alles war okay – so lange, bis mich jemand fragte: „Wie war’s denn in Istanbul?“ Und da warst du plötzlich wieder! In diesem Moment, nach fast einem Monat, in dem ich versucht habe, dich aus meinem Gedächtnis zu vertreiben, wurde mir klar, wie sehr du mich gebrochen hast. Wie etwas in mir zerstört wurde in dieser Nacht am Bosporus.

Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie du dich mir genähert hast. Ich ging am Sultan-Ahmet-Platz spazieren und wartete auf das Ende der Gebetszeit, um die Blaue Moschee besichtigen zu können. Die Zigarette schon zwischen den Lippen, suchte ich nach meinem Feuerzeug. Du bist zu mir gekommen, hast mir die Zigarette angezündet und eine Unterhaltung angefangen. Der typische Smalltalk: Woher kommst du? Gefällt dir die Stadt? Was willst du noch alles machen? Du hast mir Hilfe dabei angeboten, die interessantesten Orte der Stadt auszusuchen und meine To-do-Liste für den nächsten Tag zu planen.

Du hast zunächst einen ganz netten Eindruck gemacht. Du warst selbst ein Tourist, warst aber davor schon einige Male in Istanbul gewesen. Ich war alleine in der Stadt und ein wenig verloren, um ehrlich zu sein, außerdem extrem müde. Und so dachte ich: Warum nicht? Schon so viele Male war ich unterwegs zufällig über irgendwen gestolpert, und viele dieser Begegnungen haben einige meiner letzten Reisen unvergesslich gemacht und mit schönen Erinnerungen bereichert. Wir gingen etwas trinken, und hast mir auf dem Stadtplan gezeigt, was ich nicht versäumen sollte. Du hast mein Programm für den nächsten Tag geplant, denn ich hatte nur zwei Tage in Istanbul.

Dann überquerten wir die Brücke, um den gegenüberliegenden Teil der Stadt und den Galata-Turm zu besuchen. Auf dem Rückweg wollte ich noch ein bisschen am Wasser sitzen – ich wollte die Aussicht auf den Bosporus bei Sonnenuntergang und die leichte Brise genießen, die Vapurs beobachten, die Fähren, zwischen der asiatischen und der europäischen Seite hin und her fuhren, und die Minarette betrachten, die die Skyline dominierten.

Lass uns ein bisschen weiter gehen, hier sind zu viele Leute“, hast du gesagt und dich vom Gedränge entfernt. Da bekam ich langsam das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich bestand darauf, in der Nähe der anderen Leute zu bleiben, und wir blieben neben ein paar Anglern stehen.

Da hast du dich verändert. Du hast angefangen, davon zu reden, dass du einsam bist, und kamst dabei näher und näher. „Weißt du, ich hatte schon seit acht Monaten keinen Sex mehr.“ Dieser Satz und der Blick in dein Gesicht machten mir eine Gänsehaut. Ich versuchte, das Thema zu wechseln, und wich zurück, Zentimeter um Zentimeter. „Dieses Bier bringt mich um, ich muss mal pinkeln. Es dauert nur eine Minute, geh nicht weg!“ In diesem Moment war mein erster Gedanke: Hau ab! Und dieser Impuls wurde noch stärker, als ich bemerkte, dass du gar nicht pinkeln wolltest. Sondern masturbieren.

Ich hatte nicht einmal Zeit, um zu realisieren, was da gerade wirklich vor sich ging, als du wieder da warst, mit offenem Hosenreißverschluss. Du bist wieder näher gekommen, hast begonnen, mich zu berühren, hast versucht, meinen Hals zu küssen und dich an mich gedrückt. Niemand schien irgendetwas zu bemerken. Ich hatte das Gefühl, über mir selbst zu schweben und mich von außen zu beobachten. „Wenn du nicht aufhörst, schreie ich!“, sagte ich. „Wenn du schreist, macht es mehr Spaß. Auch für dich.“ Genau das war deine Antwort: „Ich mag das.

Ich versuchte, dich wegzuschieben, und du wurdest wütend. „Was hast du denn erwartet? Ich brauche das! Es würde schon reichen, wenn ich dich dabei nur anschaue, aber du musst hierbleiben, ich muss es machen.“ Ich war verängstigt und wie gelähmt. Ich erinnere mich, dass ich gedacht habe: Du wirst mich vergewaltigen oder mich schlagen.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie ich aus der Situation herausgekommen bin. Ich redete weiter und versuchte, das Thema zu wechseln, versuchte, ruhig zu bleiben, wollte dich nicht wütend machen. Plötzlich hast du dich noch einmal verändert, und es sah so aus, als ob es dir leidtäte. In diesem Moment begann ich wegzugehen. Du bist mir wieder gefolgt und hast gesagt, dass der Platz mit der Moschee in der anderen Richtung liege.

Ich ging weiter in Richtung des Minaretts der Blauen Moschee und versuchte, meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn zu vertrauen. Plötzlich waren deine Arme um mich. „Lass mich dich nur in den Arm nehmen, ich mache sonst nichts.“ So ließ ich es zu. Ich ließ deinen Arm auf meinen Schultern ruhen, deinen Körper nahe an meinem, während wir zum Platz gingen. Ich fühle mich jetzt noch immer schuldig und schmutzig deswegen. Ich winkte, um so zu tun, als habe ich eine paar Freunde gesehen. Und da bist du endlich weggegangen, nicht ohne mir noch zu sagen, wie geil ich dich gemacht habe und wie unfreundlich ich zu dir war. Ich wartete noch zehn Minuten am Sultan-Ahmet-Platz, mich dabei ständig umsehend, bevor ich zurück zu meinem Hostel und direkt in mein Zimmer ging.

Ich legte mich ins Bett und begann, all die Fotos zu löschen, die ich am Bosporus gemacht habe, kurz bevor das alles geschah. Ich wollte vergessen. Ich fühlte mich beschmutzt und verseucht durch etwas, was extrem falsch war. Ein Teil von mir wollte meinen Körper ausziehen wie ein Kleidungsstück und ihn weglegen.

Doch das Verlangen, zu vergessen, war stärker, und so ging ich nicht duschen, zog mich nicht einmal aus, lag einfach so im Bett. Die Schuldgefühle begannen, mich niederzudrücken. War es meine Schuld gewesen? Hätte ich irgendetwas anders machen sollen?

War es meine Schuld? Es dauerte etwas, bis ich verstand, dass es nicht meine Schuld war. Ich war nicht der Grund für diese Situation, vielmehr das Opfer. Es lag alles an dir.

Ich war nicht dazu bereit, meinen Eltern, meiner Familie und meinen Freunden zu erzählen, was geschehen war. Wenn ich es getan hätte, dann hätte ich die Angst und die Panik auf ihren Gesichtern gesehen, und meine Angst und meine Schuldgefühle wären nur noch größer geworden. So täuschte ich mir weiterhin vor, dass das alles nicht real war. Es war nicht ich, und das warst nicht du. Doch an diesem Abend mit meinen Freunden, als sie mich nach meiner Zeit in Istanbul fragten, wurde mir klar, dass ich das, was du mir angetan hattest, in gewisser Weise verharmlost hatte.

Ich hatte Angst davor, dass man mir sagen würde, ich hätte es herausgefordert, indem ich alleine verreise; ich hatte Angst, dass man mir die Schuld geben würde, so wie ich selbst es am Anfang getan hatte. „Ich wurde fast vergewaltigt, aber das ist nicht so schlimm, mir geht es gut.“ Doch es ist sehr wohl schlimm, und es ist nicht meine Schuld.

Das mit uns war wie einer dieser Autounfälle, über die man in der Zeitung liest. Du bist in mich gekracht und hast mich kaputt gemacht, wie ein Auto. Und nein, ich bin ziemlich sicher, dass kein Auto Spaß daran hat, wenn es von einem anderen Auto gerammt wird. Und ich bin auch ziemlich sicher, dass dieses Auto nicht nach einem anderen gesucht hat, das mit ihm zusammenstößt.

Du hast mir etwas weggenommen. Meine Energie, meine Sicherheit, mein Selbstvertrauen und, letzten Endes, meine eigene Stimme. Ich ertappte mich dabei, wie ich die Begegnung mit Männern vermied, die ich vor meiner Türkeireise kennengelernt hatte, weil alleine die Vorstellung, berührt zu werden, mich umbrachte. Die Vorstellung, wie jemand meinen Hals berührt, wurde zu meinem schlimmsten Albtraum. Du hast mir meine Unabhängigkeit genommen und den Stolz, den ich deswegen hatte. Du hast es sogar geschafft, dass ich mich schuldig fühle, weil du mich nicht wirklich vergewaltigt hast, weil meine Verletzungen mehr innerlich als äußerlich waren. Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich gar nicht das Recht hätte, zu leiden.

Manchmal denke ich darüber nach, dass das nie passiert wäre, wenn ich nicht alleine nach Istanbul gereist wäre. Doch dann wird mir klar, dass es trotzdem passiert wäre – nämlich irgendeiner anderen Frau. Du hättest irgendeine andere gefunden!

Was hast du erwartet?“ hast du zu mir gesagt – als ob ein Bier und eine Unterhaltung dir einen Freischein für alles Weitere gegeben hätten. Aber das ist nicht so. Du hast keinen Anspruch auf den Körper irgendeiner Frau. Und an diesem Abend hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, dass irgendjemand einen Anspruch auf meinen Körper erhebt.

Wenn du nach einer Definition suchst, was ein „sexueller Übergriff“ ist, dann wirst du herausfinden, dass es „jegliche Art von sexuellem Kontakt oder Benehmen ist, das ohne die explizite Zustimmung der anderen Person stattfindet.“ Und wenn du „Street Harassment“ nachschlägst  (was soviel wie „Straßenbelästigung“ bedeutet), dann wirst du herausfinden, dass es „eine Form sexueller Belästigung ist, die aus unerwünschten Bemerkungen, Nachpfeifen, ‚Catcalling‘ und anderen Aktionen Fremder in öffentlichen Bereichen“ besteht. Gratuliere, du hast beides geschafft!

Du hättest mir das niemals antun dürfen.

Frauen sind mehr als die Summe ihrer Teile. Sie sind nicht nur irgendein Körper, der dazu da ist, um dich anzumachen. Sie sind Persönlichkeiten.

Allen Frauen, die Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe oder Street Harassment erlebt haben, möchte ich sagen:

Denk daran, dass du wichtig, unantastbar und schön bist. Und niemand kann dir das wegnehmen.

Denk daran, dass man dich zu respektieren und wertzuschätzen hat.

Denk daran, dass du mächtig bist.

Und nein, es ist nicht deine Schuld.

An alle Frauen: Ich bin eine von euch.

Von #metoo zu #wetoogether.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

Image Title Autor License
#METOO #METOO Sara Marzorati CC BY-SA 4.0

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