Mobbing – die seelische Folterkammer

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Die beiden vorhergehenden Artikel hatten Traumatisierung und ihre langanhaltenden Folgen zum Thema. Einmalige, zutiefst erschütternde Erlebnisse können lebenslange Beeinträchtigungen nach sich ziehen, ebenso wie jahrelange Todesangst, Gewalt oder fortlaufender Missbrauch. Es gibt jedoch eine weitere, viel mondänere und verbreitetere Art der Traumatisierung, deren größte Bürde für die Opfer es ist, dass sie stark verharmlost wird oder niemand die teils bizarren Schilderungen überhaupt glauben will.

Toxische soziale Umfelder

Der ständige Alarmzustand, indem man sich zwischen feindseligen Familienmitgliedern, Partnern, Arbeitskollegen oder innerhalb einer ablehnenden Dorfgemeinde befindet, wirkt sich im Verlauf vieler Jahre fast ebenso zerstörerisch aus wie die in den vorangegangenen Artikeln beschriebenen Bedrohungsszenarien für Leib und Leben.

Ein wichtiger Unterschied

Die Angst vor Drohnen, Bomben und Überfällen wird zumindest von der gesamten Umwelt geteilt und wirkt so als verbindender Faktor. Auch wer sie nicht selbst erlebt hat, kann sofort nachvollziehen, dass die fortwährende Ausnahmesituation Menschen hart an die Grenzen des Erträglichen – und oft genug weit darüber hinaus – belastet.

Ganz anders wird das private Leiden gehandhabt, das die Opfer kollektiver Ablehnung durchmachen. Obwohl zahlreiche Mobbingopfer in Krankheit oder gar Selbstmord getrieben werden, bleibt diese Form der seelischen Belastung im öffentlichen Bewusstsein bloß eine Randnotiz.

Den Betroffenen wird Überempfindlichkeit, Verfolgungswahn und unangemessene Theatralik vorgeworfen – und die darauffolgende berechtigte Irritation als nachträglicher Beweis ihrer Unleidlichkeit gewertet. Damit ist die Würde des Opfers endgültig untergraben.

Gerade die Unvermittelbarkeit des Unfriedens, der ihre gesamte Lebensrealität durchwächst, ist somit die größte Belastung für Menschen, die – aus welchem Grund auch immer – in die Rolle des Sündenbockes und Blitzableiters gedrängt werden. Nicht nur schwarze Familienschafe und gemobbte Büroangestellte, auch Angehörige jeder beliebigen anderen, als unliebsam abgestempelten Gruppe können diese Erfahrung bestätigen. Ob es Arbeitslosigkeit, Übergewicht, die Zugehörigkeit zur falschen Volks- oder Religionsgruppe, sexuelle Orientierung oder schlichte Verschrobenheit und Introversion ist – landet man im Fokus der allgemeinen Feindseligkeit, so bedeutet der Alltag ein Minenfeld voll unerfüllbarer Erwartungen und Vorschriften.

Mobbing funktioniert genau deshalb, weil sogar das Opfer selbst zunächst an seinem eigenen Verstand zweifelt: Die Taktik ist simpel genug. Angriffe, die im Nachhinein geleugnet und als Missverständnis oder Überempfindlichkeit dargestellt werden, angebliche Übertretungen, die unterstellt werden, Arbeitsaufträge, bei denen wichtige Informationen absichtlich vorenthalten werden. Wer auf dieser Art von Anklagebank sitzt, hat längst ausgespielt – denn die Spielregeln ändern sich ständig und willkürlich.

Gibt man einem Menschen indes das Gefühl, dass alles, was er sagt und tut, falsch, unangemessen und unerwünscht ist, so treibt man ihn über kurz oder lang tatsächlich in nervöse Fehler. Auf ständige Alarmbereitschaft folgt irgendwann zwangsläufig Erschöpfung und schließlich Resignation. Wer sich an einem Arbeitsplatz dieser Art befindet, kann und sollte schleunigst den Hut nehmen – doch leider gibt es nicht aus jeder Situation einen so einfachen Ausweg.

Fest steht: Je früher im Leben und je länger anhaltend ein Mensch der anlasslosen Grausamkeit anderer ausgesetzt ist, desto tieferschürfend und anhaltender die Folgen (siehe Artikel Wer ist anfällig für Drogen). Druck, Hänseleien, Mobbing, Vorurteile und Ausschluss aus der Gemeinschaft sind keineswegs harmlos, sondern stellen echte, tiefe Verletzungen dar, die im Gehirn dieselben Areale aktivieren wie physischer Schmerz – und einen Menschen psychisch und körperlich krank machen können.

Ich möchte betonen, dass es mehr Schaden als Nutzen anrichtet, hierfür eine auf Verboten basierende Handhabe zu konstruieren. Das Beleidigen anderer unter Strafe zu stellen, mag gut gemeint sein, führt aber – wie man ja beobachten kann – zu mehr als bedenklichen Einschränkungen der freien Meinungsäußerung und kann ohnehin niemals mit der Erfindung neuer Beleidigungen mithalten. Wer verletzend sein will, wird stets einen Weg finden, während die politische Korrektheit verzweifelt versucht, die Löcher im Damm schnell genug zu stopfen. Letzten Endes bewirkt dies nur, dass selbst wohlmeinende Menschen, die den immer komplexer werdenden Anforderungen nicht mehr folgen können, schließlich die Flinte ins Korn werfen. Dies gibt wiederum tatsächlicher Hassrede eine willkommene Legitimation.

Ich sehe hier nur einen sinnvollen Ansatz, und zwar bedingungslose, sinnvolle und reale Hilfe für die Opfer. Das bedeutet grundlegendes Wissen über mentale Gesundheit und Wehrhaftigkeit von klein auf. Es bedeutet Zugang zu Coaching, Therapie und gesundheitlichen Maßnahmen. Es bedeutet Zugang zu Selbstverteidigungskursen – nicht, um auf verletzende Worte mit gebrochenen Knochen zu antworten, sondern um sich stark genug zu fühlen,  auch den Mund aufzumachen.

Wir werden die Täter nicht mehr ändern können. Sorgen wir stattdessen dafür, dass ihnen die Opfer ausgehen.

Credits

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2839978988_48f1156f76_o 2839978988_48f1156f76_o Jesús Gorriti CC BY-SA 2.0

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