Spirituelle Praxis im Alltag – Neues braucht Zeit, zu gedeihen

Fewa_Lake_of_Pokhara

Dies ist der dritte Teil meiner Reihe “30 Tage in einem buddhistischen Kloster in Nepal”. Ich empfehle euch meine beiden vorigen Artikel (“Der Novemberkurs im Kloster von Kopan ist so ganz anders” und “Die Begegnung mit meinen inneren Widerständen“) als Lektüre vorweg. Ich gehe nun auf meine Zeit nach dem “Novemberkurs” ein und schildere, wie ich das Gelernte im Alltag anwende.

Als ich das Kloster Kopan verlasse, arbeite ich an den folgenden Punkten, um sie mehr in mein Leben zu integrieren:

  1. Minderung der Selbst-Zentriertheit und der Macht des Egos
  2. Mitgefühl für andere
  3. Erkennen, dass alles, was ich wahrnehme, nur Projektionen meines Verstandes und daher nur Illusionen meiner eigenen Vorstellung sind. Das Leben folglich flexibler und als etwas Fließendes sehen, anstatt starr und den eigenen Kategorien von “gut” und “schlecht” zu entsprechen.
Und dann fängt die Übung an. Ich verrenne mich immer wieder in der Wunschvorstellung, dass ich die positiven Veränderungen in mir sofort nach dem Kurs beobachten und stolz über meine Fortschritte sein kann. Daran ist ja im Grunde nichts verkehrt. Allerdings gaukelt mir mein Verstand vor, wie denn solche Wachstumsschritte auszusehen hätten.

Die Realität scheint anderes mit mir vorzuhaben; es gilt zu begreifen, dass Arbeit am Selbst viel subtiler ist und das innere Wachstum erstmal ganz banal auf unterster Stufe anfängt:

Sich selbst beobachten

Ich werde erstmal eine Woche krank, habe eine Lungeninfektion und fühle mich körperlich sehr schwach. Während ich mein Hotelzimmer in Kathmandu kaum verlasse, fällt mein Verstand erstmal in ein tiefes Loch. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich wollte eigentlich nach der langen Zeit im Kloster die Gelegenheit zur Reflexion nutzen und schauen, wie ich all das Gelernte im Alltag anwenden kann. Den Erwartungen meines Verstandes wird ein Strich durch die Rechnung gemacht. Ich habe mich im Kloster Kopan so lange bewusst in der Ablösung von Erwartungen und Abhängigkeiten geübt – wo ist das alles hin?

Dann setzt die lange Phase des Beobachtens meines Verhaltens und emotionaler Reaktionen im Alltag ein. Dies macht oft keinen Spaß und frustriert. Als ich wieder einigermaßen genesen bin, setze ich mich in einen Bus nach Pokhara, eine kleinere Stadt an einem schönen See. Die Luft ist hier viel besser als in der Hauptstadt, und ich erhoffe mir die besten Voraussetzungen für meine persönliche Reflektionszeit.

Natürlich habe ich die innere Stimmung und die Emotionen mitgenommen, anstatt sie in Kathmandu zurückzulassen. Doch selbst der schönste Ort ändert nichts an der inneren Verfassung. Ich werde wieder krank und muss drei Tage das Bett hüten. Ich verbringe viel Zeit mit mir selbst und in meinem Kopf. Ich kann nicht aufhören, mich selbst für meine Reaktionen zu kritisieren.

Ich beobachte zum Beispiel, wie ich wütend werde, als sich eine andere Person in meinem Gasthaus auf einen Stuhl setzt, den ich mir vor mein Fenster in die Sonne gestellt hatte. Ich gebe unreflektiert meiner emotionalen Reaktion nach und weise die Frau darauf hin, dass dies “mein Stuhl” sei, woraufhin diese mich nur verwirrt anguckt und weggeht. Danach fühle ich mich miserabel. Für wen halte ich mich eigentlich? Und warum bewahre ich in solchen Situationen keinen flexiblen Geist?

Ich beobachte mich im Laufe der Zeit in ähnlichen Situationen, in denen mein Ego seine Ansprüche stellt, ich es nicht kontrollieren kann und ich die negative Emotion überhandnehmen lasse.

Einmal spricht mich eine Frau in Pokhara an. Sie ist sehr freundlich und fragt mich als erstes, wie es mir geht. Ich weiß sofort, dass sie etwas von mir will, was höchstwahrscheinlich mit Geld zu tun hat, und weise sie darauf hin, dass ich nichts kaufen möchte. Sie sagt, dass sie im tibetischen Flüchtlingscamp lebe und Schmuck verkaufe, ich könne doch mal einen Blick darauf werfen. Ich wiederhole, dass ich kein Interesse habe, und unsere Interaktion ist beendet. Eine Sekunde später hat die Frau die nächste Touristin im Visier und läuft mit einem freundlichen “How are you?” auf sie zu. Die Angesprochene reagiert offen und ebenso freundlich. Ich beobachte diese viel positivere Interaktion, in der Offenheit, Respekt und Mitgefühl präsent sind, während ich der hilfebedürftigen Frau mit Widerstand und Voreingenommenheit entgegengetreten bin.

Es kommt mir vor, als ob ich tausend Schritte zurückgefallen bin auf meinem Weg des Geist-Trainings. Was im Rahmen des Kurses im Kloster viel einfacher zu verstehen und umzusetzen war, fällt im Alltag plötzlich viel schwieriger aus. Ich suche das Gespräch mit anderen. Ich möchte nicht in meinem eigenen Kopf hängen bleiben. Jemand weist mich darauf hin, dass ich mich selbst nicht so anzweifeln solle. Dies sei schließlich Teil des spirituellen Weges:

Zuerst beobachtet man sich erstmal selbst in all seinen schönen und nicht so schönen Facetten. Und die Urteile fallen hier automatisch härter aus, weil ich inzwischen mehr über die ungesunde Natur von selbst-fokussierten Handlungen weiß. Und außerdem ist es doch schon ein Fortschritt, eine gute Distanz zum Selbst aufbauen und objektiv Situationen erkennen zu können.

Viele spirituell Übende aus dem Westen machen den Fehler, alles sofort richtig gut machen zu wollen. Wir wollen am Anfang nicht erkennen, dass Arbeit am Selbst eine undefinierbare Zeit dauern kann, um zu reifen und zu gedeihen. Außerdem haben wir eine ganz genaue Vorstellung davon, wie Erfolg auszusehen hat – und zwar soll er möglichst schnell einsetzen und möglichst perfekt sein, ohne zu wissen, wie das eigentlich funktioniert.

Wir sind sehr streng mit uns selbst und möchten die Fehler und Rückfälle auf dem Weg vermeiden – dabei gehören diese zum spirituellen Weg unweigerlich dazu. Ohne Fehler kein Wachstum. Das ist erstmal ein Dämpfer für die Motivation, da es nicht immer offensichtliche Erfolgserlebnisse, die Früchte für die eigene Arbeit an sich selbst gibt.

Zum Ausgleich übe ich mich darin, mich mehr auf die positiven Aspekte anstatt auf die schlechten zu konzentrieren, die ich schon integriert habe. Es gibt Dinge, die ich gut mache, und Dinge, die ich nicht so gut mache. Warum mir also nicht ausnahmsweise mal selbst anerkennend für die positiven Dinge auf die Schulter klopfen? Und wie bereits in meinem vorigen Artikel erwähnt: Nach so einem intensiven Kurs kann man schnell kleine Fortschritte und innere Veränderungen erkennen. Man wird dankbarer und offener für das Leben. Kleine Fehler und Rückfälle gehören dazu, schließen aber all das Positive absolut nicht aus.

01_Kerzen im Tempel

Credits

Image Title Autor License
Fewa_Lake_of_Pokhara Fewa_Lake_of_Pokhara Pitambar Bhattarai CC BY-SA 4.0
01_Kerzen im Tempel 01_Kerzen im Tempel Lisa Dau CC BY-SA 4.0

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