Spiritualität in Bewegung

Spiritueller Hochmut

Clash der Weltbilder

Die vorderste Front der modernen Wissenschaften stößt in Bereiche vor, die bislang die Arena von Philosophie und Religion waren. Es wird sehr ernsthaft über die Möglichkeit diskutiert, dass die Realität eine Simulation sein könnte, dass alle Teilchen in Wirklichkeit vielleicht nur eines sind, welches sich in der Zeit myriadenfach hin- und herbewegt und so zahllose scheinbare Kopien von sich herstellt, auch dass es 11 Dimensionen und unendlich viele Paralleluniversen geben könnte, dass die Zeit, wie wir sie wahrnehmen, vermutlich eine Illusion ist – und noch zahlreiche andere Ideen, die man für glatte Science-Fiction halten könnte.

Auch immer mehr faszinierende Überlappungen von uralter Weisheit mit neuen Erkenntnissen werden offenkundig. Aber anstatt einer Auflockerung der Fronten und einem Willen, das Universum neu zu überdenken, ergibt dies nur weitere Zuspitzung zwischen den Anhängern des Zahnrad-Universums und jenen, die unhinterfragt alles glauben, so lange es nur in Regenbogenfarben präsentiert wird.

Befassen wir uns heute mit der zweiten großen New Age-Halbwahrheit, die einer wirklich abscheulichen, spirituell verbrämten Mitleidlosigkeit Vorschub leistet:

Du rufst jede Erfahrung selbst in dein Leben und bekommst immer nur so viel zugemutet, wie du aushältst

Tatsächlich? Die Selbstmörder und Obdachlosen, die Suchtkranken, Depressiven und psychisch schwer Erkrankten haben somit alle nur nicht richtig aufgepasst, als das Leben ihnen eine wichtige Chance zum Wachstum angeboten hat? Anders als die meisten salbungsvollen Halbwissenden, die mit weiser Stimme mehr Dankbarkeit für die Lektionen des Universums einmahnen, haben diese Leute vom Schicksal keine aufmunternden Klapse, sondern einen rechten Haken mit dem Schaufelbagger abbekommen.

Erzählen Sie jemandem, der seine ganze Familie verloren hat, dass diese Erfahrung für sein Wachstum nötig war. Erklären Sie es einem verhungernden Kind, einem krebskranken Alleinerzieher, den zahllosen weltweiten Opfern von Verstümmelung und Massenvergewaltigung.

Ob in einem viel, viel größeren Zusammenhang die beteiligten Seelen vielleicht über die Spanne mehrerer Leben tatsächlich etwas aus der Erfahrung von unermesslichem Leid lernen können, mag zutreffen oder auch nicht. Es ändert aber absolut nichts daran, dass sie realer Folter, Pein und Not ausgesetzt sind und wir ihnen als Menschen zu begegnen haben, die sich im Hier und Jetzt befinden, nicht als unantastbare ätherische Höhere Wesen, die ihnen möglicherweise innewohnen. In unseren mit jedem Komfort eingerichteten Wohnzimmern sitzend anderer Leute Qualen einfach zur Seite zu wischen, weil sie „noch Karma aufzuarbeiten haben“, ist jedenfalls hartherzig, grausam und schlichtweg beschämend – und doch kommen derlei Ungeheuerlichkeiten vielen Erleuchtungssuchenden vollkommen unhinterfragt über die Lippen.

Mitleidlosigkeit aufgrund einer spirituellen Vermutung

So hart dieser Vergleich auch klingt, die Begründung der Inquisition für ihr Handeln war desselben Geistes Kind – aktive Folter ist lediglich das Ende des ableitbaren Verhaltensspektrums. Die Inquisitoren meinten, dass sie durch die begangenen (jeder Vorstellung trotzenden) Grausamkeiten ihre eigenen Seelen im Versuch riskierten, andere zu bekehren und somit das größte denkbare Opfer brächten. Sollten sie also im Unrecht sein, würden sie ihre Strafe im Jenseits hinnehmen müssen. Vermutlich war daran die Hoffnung gebunden, dass sie aufgrund dieser noblen Selbstaufopferung letzten Endes mit einem himmlischen Pardon rechnen konnten.

Was ihnen nie in den Sinn kam, war die Möglichkeit, dass ihr gesamtes Glaubensgebäude unzutreffend sein könnte. Wie wäre die tausendfache Folterung und Tötung von Mitmenschen zu beurteilen, wenn es kein Leben nach dem Tod gibt, sondern die Existenz jedes Einzelnen einmalig und unwiderruflich ist?

Bescheidenheit angesichts der eigenen Unzulänglichkeit

In jedem menschlichen Belang ist die Bereitschaft, eigenen Irrtum in Betracht zu ziehen, stets die Qualität, welche Suchende von Fanatikern unterscheidet. Als einzig vernünftige und verantwortungsbewusste Herangehensweise stellt sie für uns ahnungslose Menschlein die angemessene Einstellung dar. Was jeder für sich glaubt, ist seine oder ihre Sache – wo andere jedoch in Mitleidenschaft gezogen werden, hat unsere arrogante Überzeugung, die Wahrheit gefunden zu haben, bedingungslos zu enden und stattdessen nach den verlässlichsten Fakten und dem bestmöglichen Beurteilungssystem entschieden zu werden.

Hinterfragen, Denken und Zweifeln verboten

Freilich ist es sämtlichen Religionen ebenso wie der New Age-Bewegung gemein, diese Art von Demut, die durch das Wissen um unsere Fehlerhaftigkeit klar vorgegeben sein sollte, zu unterbinden, indem sie unbedingten Glauben zur Bedingung machen. Woran das wohl liegen mag? Welche von Täuschung und Lüge freie Lehre hätte es nötig, kritisches Hinterfragen zu verbieten? Ihre Wahrheit würde, ganz im Gegenteil, sogar umso stärker und unmittelbarer erfahren, wenn sie aus hinterfragendem Zweifel geprüft und dann aus eigener Überlegung oder gar Erfahrung heraus als zutreffend bestätigt würde – die Suche danach müsste also ermutigt und sogar gefordert sein, weil sie zwangsläufig zu einer Vertiefung des Verstehens führt.

Nicht so in Religion und New Age: In der Eso-Zauberei ist die Pönale für Zweifel, dass das Wünschen nicht funktioniert und Negativität angezogen wird (Du musst dich voll und ganz darauf einlassen!), in der Religion gar ewige Verdammnis in die Hölle.

Unsicherheit ist der einzig ehrliche Zugang zu Spiritualität

Somit wird von allen, die das kritische Denken an den Haken gehängt haben, munter im Rundumschlag missioniert, gepredigt, geächtet und ignoriert. Wer sein Körnchen Wahrheit gefunden hat, fühlt sich umso sicherer, je rückhaltloser er daraufhin gleich die Gesamtheit einer Lehre übernehmen und nicht nur zu seiner, sondern jedermanns Lebensmaxime erklären kann.

Aufgepolstert mit den Namen einer Reihe von Weisen, Märtyrern und Heiligen und einer möglichst langen Tradition, erscheinen die nachgeplapperten Weisheiten gleich noch viel gewichtiger. (Und sind es teilweise eventuell auch, aber nur wenn man sie persönlich für sich nachempfindet und voll versteht, was aber eben nur im Geiste des ewigen Schülers möglich ist. Wer glaubt, angekommen zu sein, irrt sich und kappt mit dieser Überzeugung gleichzeitig die Verbindung zu allem, was das Wissenssystem an Gutem anbietet.)

Wir leben im Hier und Jetzt – und unsere Aufgaben liegen unübersehbar vor uns!

Solange die Aufforderung verbreitet wird, sich die Probleme der Welt nicht auf den Rücken zu laden, sondern am eigenen Glück zu arbeiten und den Rest zu verdrängen, wo (friedliche und konstruktive!) Handlungsaufforderungen sehr viel angebrachter wären, stecken wir hoffnungslos fest – zumindest, wenn wir uns von der verlockenden Botschaft der Verantwortungslosigkeit einlullen lassen.

Spiritualität bedeutet nicht Lossagung von der Welt – ganz im Gegenteil!

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Spiritualität in Bewegung Spiritualität in Bewegung Maria Signore CC BY-SA 4.0

Diskussion (4 Kommentare)

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  1. Endlich ein Plädoyer für Sinnsuche und Verantwortlichkeit!

    1. Danke! Ja, genau so meine ich es. Die beiden gehören zusammen – in der materiellen Welt zum verantwortungslosen Kind zu werden und zu glauben dass man dann geistige Höhenflüge erreicht ist meiner Ansicht nach ein Holler vom Feinsten. Man muss beide Bereiche ernst nehmen, pflegen, verstehen und sich engagieren wenn man wachsen will 🙂

  2. vielen Dank. meine Rede…so viele Gurus welche mich aus Ihrem „Sein“ warfen, weil ich zu fragen getraute, weil vieles nicht stimmig war…Fazit: Ich hätte nicht begriffen. Ich sei noch lange nicht am Ziel, Ich müsse mehr Vertrauen entwickeln usw! Und so warte ich bis heute auf dieErleuchtung! 🙂

    1. Gurus sind im Allgemeinen nichts für Freigeister – wer den Leitstier einer Religionsgemeinde am Nasenring zupft wird nicht geduldet. Natürlich trifft das doppelt zu, wenn die Lehre tatsächlich auf wackeligen Füßen steht oder sogar bewusste Irrtümer enthält. Bitte bewahren sie sich ihren analytischen Verstand und lesen sich das Wissen lieber selbst an – die Leute von denen man wirklich etwas lernen kann sind üblicherweise nämlich ohnehin zu bescheiden, um einen Haufen Schüler um sich zu versammeln 🙂 Mögen uns beiden viele von ihnen über den Weg laufen!