Überreichtum: Im Gespräch mit Martin Schürz, Markus Marterbauer und Barbara Blaha

Veranstaltungsdaten

Datum
11. 3. 2020
Veranstalter
Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen

Der vom griechischen Philosophen Platon geprägte Begriff Überreichtum ist der gleichnamige Titel des neuen Buches von Mag. Dr. Martin Schürz, seines Zeichens Ökonom bei der österreichischen Nationalbank und Kindertherapeut. Unter der Leitung von Richard Sattler diskutieren die Leiterin des Momentum Instituts, Mag.a Barbara Blaha, und der Leiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien, Mag. Dr. Markus Marterbauer, gemeinsam mit dem Autor über gerechte Vermögensverteilung.

Schürz legt in seinem Buch Fakten auf den Tisch: Die Aussage des Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, es solle keine Menschen mit Milliardenvermögen geben, da dies gerade für eine demokratische Gesellschaft gefährlich sei, bestätigt der Autor mit Zahlen, aber auch mit Erfahrungen aus der Psychotherapie. In der Diskussion gehe es nicht um die Auslebung von Luxus, sondern um konkrete Macht: Einflussnahme auf politische und wirtschaftliche Entwicklungen. Adam Smiths Theorie der ethischen Gefühle zeigt auf, dass Menschen jene, die sich gesellschaftlich unter ihnen befinden, verachten, während sie jene oberhalb bewundern. Dies mag einer der Gründe sein, warum über Maßnahmen gegen die wirklich Reichen selten ernsthaft diskutiert wird. Bei einer gerechten Vermögensverteilung gehe es nicht um die Mittelschicht, sondern um einige Wenige ganz oben in der Vermögenshierarchie. Schürz unterstellt den Reichen nicht per se charakterliche Verfehlungen – die moralische Kategorisierung überlässt er Platon – , sondern es geht rein um die Möglichkeit, mit sehr viel Vermögen die Demokratie zu gefährden.

An mehreren Beispielen zeigt Barbara Blaha, wie macht durch wohlhabende Menschen konkret in der Öffentlichkeit ausgeübt wird. Österreichs Medien sind großteils in der Hand von Privatpersonen bzw privaten Organisationen; 100 der reichsten Österreicher finanzieren den Think tank Agenda Austria. Obwohl 90% der Österreicher für eine Vermögenssteuer sind, schreiben ¾ aller Artikel der letzten 15 Jahre negativ darüber. Das ist kein Zufall: welche Themen eine Gesellschaft diskutieren, entscheiden zumeist die Medien.

Drei Dinge sind laut Markus Marterbauer notwendig, bevor man in die Diskussion um eine Vermögenssteuer einsteigt: die Sichtung der Daten (deren Erhebung immer wieder massiv erschwert wird), dann deren Analyse – und daraus ableitend politische Forderungen. Gerade bei den Vermögen ist die Datenlage weltweit sehr schlecht, wobei sich dies in den letzten 10 Jahren verbessert hat, nicht zuletzt durch die Arbeit von Thomas Piketty: In seinem neuen Buch Kapital und Ideologie zeigt er auf, dass es über die Jahrhunderte hinweg nur sehr wenige Phasen gab, in denen es (auch) in der Vermögensverteilung zu mehr Gerechtigkeit kam. Der sozialdemokratische Beitrag im 20. Jahrhundert dazu war die Regulierung der Märkte (Mieten, Börse etc), der Ausbau des Sozialstaates und progressive Einkommens- und Vermögenssteuern. Letztere sollen laut Piketty sehr weit gehen (inklusive einer Vermögensobergrenze), um das Vermögensproblem rasch in den Griff zu bekommen. Laut Marterbauer sei es aktuell wichtig, die Diskussion über Obergrenzen und Überreichtum breit zu führen, bevor man in Detailfragen einsteigt.

Wenn man in Bezug auf Vermögen über Leistung diskutiert, rutscht man sehr schnell vom Vermögens- in den Einkommensbereich ab, so Schürz. Das Leistungsprinzip ist allerdings bei Vermögen nicht anwendbar, denn bei der Vermögensakkumulation geht es vor allem um leistungslose Erbschaften, und nicht um erarbeitetes Vermögen. Leistungsbezogener Vermögensaufbau endet für die überwiegenden Mehrheit der Menschen – wenn überhaupt – in einer kleinen Immobilie. Die Diskussion über hohe Vermögen wird auch dadurch erschwert, dass sich die meisten Menschen die zu diskutierenden Summen kaum vorstellen können; deshalb wird oft auf die leichter fassbare Einkommensebene gewechselt, meint Barbara Blaha.

Unter Einbindung des Publikums wird das Thema an Hand vieler interessanter Fragen weiter vertieft.

Credits

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Ueberreichtum Wolfgang Müller CC BY SA 4.0