Über die Wahrnehmung der Wirklichkeit – Ein Annäherungsversuch

Meinung

Ich behaupte:

In der Wahrnehmung der Welt entstehen für jeden Menschen zwei Wirklichkeiten. Das ist einmal die ‚physisch erfahrbare, praktische Wirklichkeit‘ (ich hau mir den Kopf an es tut weh) und zum anderen die ‚vorstellbare, theoretischabstrakte Wirklichkeit‘ (ich lese in der Zeitung, dass es in der Gegend, in der ich gerade bin, viele Raubüberfälle gibt). Ohne dass ich das selbst erlebt oder praktisch erfahren hätte, verändert sich nun aber meine theoretischabstrakte Wirklichkeit; mein Bild von dieser Gegend hat sich verändert.


Seltenst unterscheidet der Mensch in seinem eigenen Bewusstsein zwischen diesen beiden wahrgenommenen Wirklichkeiten.


Die physisch erfahrbare, praktische Wirklichkeit und die vorstellbare, theoretischabstrakte Wirklichkeit stehen in ständigem Austausch und in wechselseitiger Beziehung zueinander.

(Der Einfachheit halber werden ich die beiden Wirklichkeiten ab jetzt die ‚praktische‘ und die theoretische Wirklichkeit‘ nennen).


Was ich praktisch erfahre wird in meiner theoretischen Wirklichkeit einen Abdruck hinterlassen und was ich theoretisch „erfahre“ wird auf meine praktische Wirklichkeit Einfluss haben.


Im Folgenden werde ich versuchen, die theoretische Wirklichkeit, von der ich spreche, genauer zu definieren.


Es handelt sich um eine vorerst unpersönliche Wirklichkeit, um eine ‚allgemeine‘ theoretische Wirklichkeit, die sich hauptsächlich aus allgemeinen, universellen Informationen speist und in
dieser speziellen Weise nur in Gesellschaften und Gemeinschaften entstehen kann, sprich, dort wo mehrere bis viele Menschen miteinander in Interaktion treten. Ob der Inhalt dieser Wirklichkeit
wahr ist bzw. ob sich der Inhalt mit einer allgemeinen praktischen Wirklichkeit vereinbaren lässt, spielt erst mal keine Rolle.


Auch wird sehr oft diese allgemeine theoretische Wirklichkeit als eine persönliche wahrgenommen; vor allem dann, wenn sich in der persönlichen Wirklichkeit eines Individuums viele Erfahrungen bieten, die sich gut in Zusammenhang bringen lassen, mit der allgemeinen theoretischen Wirklichkeit.


Diese theoretische Wirklichkeit könnte man auch als ‚die gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit‘ bezeichnen und betrachten.


In der Konstruktion dieser Wirklichkeit können verschiedenste Mittel zum Einsatz kommen, welche sich meist dem theoretischen Teil des Lebens zuordnen lassen. Als Beispiel möchte ich zuerst
nennen: Die mediale Geschichtserzählung in allen Formen; sei es Film, Fernsehen, Radio, Zeitung oder Werbung; die verschiedensten Formen von Kunst und Kultur können starke Mittel sein, und in der Politik werden oft mehrere der genannten Mittel vereint. Das »Geschichten erzählen« ist dabei stets ein zentrales Element. Für die Konstruktion kann aber auch praktisch Erfahrbares bedient werden: Es können Gegebenheiten und Lebensumstände in einer Gesellschaft kreiert werden, die in
ihrer Form, Bedeutung und Wirkung die herrschende theoretische Wirklichkeit unterstützen und/oder bestätigen und dabei praktisch erfahrbar sind. Solche praktisch erfahrbaren Konstruktionsmittel können für die Stabilität und Aufrechterhaltung einer theoretischen Wirklichkeit unabdingbar sein; dies sei insbesondere in Bezug auf eine theoretische Wirklichkeit erwähnt, welche sich nicht mehr oder kaum noch mit einer (allgemeinen) praktischen Wirklichkeit vereinbaren lässt. Denn solange die beiden Wirklichkeiten in ihrem Inhalt übereinstimmen, bestätigen sie sich fortwährend gegenseitig. Entkoppelt sich eine theoretische Wirklichkeit von einer praktischen, was in der Regel ein bewusst gesteuerter Prozess sein muss, entsteht eine Dissonanz. Und nun muss, wenn diese entkoppelte theoretische Wirklichkeit mit ihrem Inhalt bestehen bleiben soll, auf eben diese, oben genannten praktisch erfahrbaren Konstruktionsmittel zurückgegriffen werden; es müssen bewusst Lebensumstände und Gegebenheiten erschaffen werden, welche den entkoppelten Inhalt der theoretischen Wirklichkeit durch ihre praktische Erfahrbarkeit bestätigen. Hat man einmal dieses Rad ins Rollen gebracht und wurde die entstandene Dissonanz von der Mehrheit nicht bewusst wahrgenommen, so kann man davon ausgehen, dass nun die Mehrheit der Menschen, welche im Rahmen der eben beschriebenen Situation leben, selbst anfangen wird, das praktisch Erfahrbare der theoretischen Wirklichkeit anzupassen; und so werden diese Menschen, auf unbewusste Art und Weise, selbst zu Erschaffern von Lebensumständen und Gegebenheiten, welche die praktische und die theoretische Wirklichkeit wieder in Einklang bringen sollen. Man kann in diesem Zusammenhang auch von einer kognitiven Dissonanz sprechen, die überwunden bzw. aufgelöst werden muss. Aus dem Bauch heraus wird man möglicherweise annehmen, dass es meist die theoretische Wirklichkeit ist, die sich der praktischen angleichen muss. Dies ist jedoch nicht zwingend der Fall; je nachdem welcher Mittel sich die theoretische Wirklichkeit in ihrer Konstruktion bedient hat, kann es nicht selten geschehen, dass auf die eigenen Sinne, mit welchen die praktische Wirklichkeit erfahren wird, weniger vertraut wird, als auf die internalisierte Stimme der (gesellschaftlich) konstruierten theoretischen Wirklichkeit.


So kann also eine praktische Wirklichkeit nach dem Abbild einer neu konstruierten theoretischen Wirklichkeit transformiert werden.


Die damit verbundene oft im Unbewussten schlummernde Fähigkeit des Menschen, unter imaginierten Umständen wahrhaftig zu empfinden, zu handeln und zu leben, muss vom Individuum
bewusst erfasst und durchdrungen werden, denn nur dann kann dieselbe in gesunder Art ihre Kraft entfalten und dem einzelnen Individuum helfen, sich frei zu entfalten und sich zu dem zu
entwickeln, was er/sie seiner/ihrer Möglichkeit nach ist. Wird diese Fähigkeit nicht bewusst erfasst und durchdrungen, so kann sie leicht von anderen Menschen missbraucht werden und man wird selbst Werkzeug und Diener für die Verwirklichung fremder Visionen.


Tritt mit mir in einen Diskurs.

Credits

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Wahrnehmung der Wirklichkeit Wolfgang Müller 1

Diskussion (2 Kommentare)

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  1. „Wie wirklich ist die Wirklichkeit ?“ sir Karl Popper!

  2. Sehr guter Beitrag.

    Der letzte Absatz beschreibt perfekt des Menschen inhärente Kraft Realität zu schöpfen, die jedoch durch die Konstruktionsmittel der Gesellschaft (Medien/Kunst/Politik) vereinnahmt wird und mit Visionen gespeist wird, die eine bewusste Wahrnehmung dieser Kraft und der daraus folgenden Entfaltung des geistlichen Individuums und seines Bewusstseins, unterbinden.

    Wenn der Mensch bemerkt, dass sein täglicher Konsum von „Nachrichten“, ihm in einen hypnotischen Zustand bringt, gerade diese Informationen gedanklich neu zu konstruieren, immer wieder, bis diese Informationen selbstständig wird und ein Eigenleben führt (Meme/Elementarbild) und ein Bezweifeln/Hinterfragen unter keinen Umständen mehr möglich ist, dann wird er vielleicht erkennen was für eine große Macht in ihm schlummert, individuell wie kollektiv.

    Danke!