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Veganismus, Rigorosität und Rationalität – ein Lösungsversuch

In unserem ersten Teil, den wir mit einer rhetorischen Frage beendet haben, haben wir die oft unhinterfragte prinzipielle Rigorosität gewisser Lebenspraktiken, aus welcher guten Absicht sie auch erfolgen mag, zumindest skizzenhaft problematisieren können. Mit einigen weiteren Beispielen wollen wir diese Problemstellung nunmehr fernerhin verdeutlichen und schließlich auf ihren prinzipiellen Kern bringen. Am Ende des Artikels werden wir dagegen eine lebensnahe Alternative vorschlagen im Sinne einer ganzheitlich-flexiblen und handlungsweisenden grundsätzlichen WRichtungsorientierung”. Zurück also zu unserem Gedankengang.

Wenn die der veganen Lebensweise zugrundeliegende Werthaltung im Wesentlichen auf einem Verbundenheitsgefühl mit der Natur beruht, wie ist dann zu begründen, dass jemand ein halbes Laborprodukt als Ersatzprodukt mit allerlei Zusatzstoffen einem viel natürlicheren Lebensmittel vorziehen würde, das beispielsweise von dem Hof nebenan mit Liebe zubereitet wurde, um der Klarheit des Konfliktes wegen diesen romantischen Gemeinplatz zu bedienen. Man vergleiche nur den Artikel „Kein Fleisch macht auch nicht glücklich“ in der “Zeit” von Kathrin Zinkant.

Ich spreche dagegen von einsehbar guten Bedingungen der Haltung und auch nicht unbedingt dem Verzehr von Fleisch, der mit dem notwendigen Tod des Tieres verbunden wäre. Ferner, wie kann jemand ein pflanzliches Produkt mit problematischer Ökobilanz, beispielsweise Avocados oder Kokosnüsse, nicht-saisonales und/oder plastikverpacktes Gemüse und Obst, wie kann er diese Dinge regional, artgerecht und nachhaltig erzeugten tierischen Produkten vorziehen – und so weiter? Ich konstruiere diese Extremfälle wegen der Deutlichkeit unseres Gedankenganges: Denn in ihnen wird die eminente Wirklichkeitsverzerrung augenfällig, die solch strikter Rigorosität zugrundeliegt. In ihrer Starrheit vermag sie dem eigentlichen Leben nicht mehr zu entsprechen und wird zur Karikatur. Ja, sie verselbstständigt sich auf komische Weise gleich einer Maschine. Es liegt offensichtlich eine lebensferne rationalistische Verkürzung vor.

Oder wir nehmen den bei Fremden gedeckten Tisch, zu dem man mit aller Herzlichkeit geladen wird: Verwehrt man prinzipiell die problematische Speise, obgleich sie ohnehin bereits auf dem Tisch steht und womöglich ansonsten gar noch weggeworfen würde? Obgleich nicht wie anders bei einem regelmäßigen Kontakt verhindert werden solle, dass der Gastgeber dann eben den Verzehr der eigentlich problematischen Produkte für einen selbst stets bereits mit einplant und deswegen noch mehr davon erwirbt, als er es täte bei eigenem Verzicht? Und obgleich man gar deren Geschmack mag und – sagen wir – keine unmittelbare Abneigung spürte beim Verzehr?

Man wird einwenden können, dass mit der Abgewöhnung auch der Appetit auf bestimmte Dinge vergehe, dass also – zeitweise – eine gewisse Rigorosität und Disziplin notwendig sei, um sein rational eingesehenes Ziel zu erreichen. Das ist auch richtig. Die Betonung aber liegt auf zeitweise. Denn anderenfalls wäre ebenso zu erwarten: Dass man auf allen relevanten Gebieten der zugrundeliegenden Werthaltung die gleiche Rigorosität an den Tag legte, wollte man eine solche Rigorosität überhaupt mit Konsequenz begründen.

Die Frage bliebe, wie man ohne Eremitendasein, und wie lange man eine solche Beschränkung des eigenen Lebens aushielte, oder nicht doch wieder, im Umkehrschluss, ganz davon abkehrte, da man auf die Dauer entweder sich zu viel Gewalt antun, oder aber, um die eigenen hohen Ansprüche in Konsequenz durchzusetzen, sein ganzes Leben beinahe allein darauf ausrichten müsste, um überall mit derselben Strenge seine Einsicht durchzusetzen. Es hieße, konkret, nicht nur vegan zu leben, sondern nichts, überhaupt nichts zu unterstützen, das dem der veganen Lebensweise zugrundeliegenden Wert entgegensteht. Anderenfalls könnte man seine Rigorosität im Einzelfall niemals begründen.

Denn Fakt ist: Prinzipialität ist per se immer universell, und sie ließe sich im Einzelnen rational nur rechtfertigen, wo sie es auch allgemein ist – und ist selbst dann noch gefahrvoll lebensfremd. Stattdessen aber ist rigorose Prinzipialität, wo sie nur einen herausgelösten Einzelaspekt des Lebens betrifft, per se irrational. Sei auch die ihr zugrundeliegende Einsicht rational. Wenn sie absolut gesetzt wird, führt sie zu einer nur noch eingeschränkten Wahrnehmung der Wirklichkeit, d.h. schließlich einer Wirklichkeitsverzerrung, die in psychologischem Sinne gerade irrational ist. Selbst ein Pragmatismus in einem Sinne wie: “Wenn ich auch nicht die ganze Welt verändern kann, so achte ich wenigstens auf diese eine Sache“, rechtfertigt keine rigorose Prinzipialität.

So wünschenswert selbst dieser Pragmatismus im Einzelfall sei, so erspart er keine weitere Bemühung um individuelles ganzheitliches Wachstum und den steten Willen zur Annäherung an das eigene Ideal. Wo er aber prinzipiell wird, ist er oft ein heimliches Anzeichen der Überforderung angesichts der Vielzahl gesellschaftlicher wie auch individueller Probleme, und er dient dann womöglich dazu: zu vereinfachen, das eigene Gewissen zu beruhigen und schlimmstenfalls gerade keiner weiteren allgemeinen (und grundsätzlichen) Bemühung nachzugehen.

Auch die enorme identitäts- wie sinnstiftende Wirkung der quasi-religiösen rigorosen Ausprägung des Veganismus beispielsweise ist nicht zu unterschätzen. Wie leicht wird es in dieser komplexen Welt, zu sagen: “Ich bin Veganer.” Sogar der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit kann solche Festsetzung aber im Wege stehen, wo sie sie anfangs im Entschluss sogar noch befördert hat. Hier wie überall aber gilt, seine Freiheit auch sich selbst gegenüber zu wahren und sich fortwährend, mit Freiheit und Vernunft, vernünftig und flexibel auf das Leben einzulassen.

Ohne rigorose Prinzipialität ist also ein solches stetes Wachstum der eigenen Bemühung, Einsicht und Umsetzung auch gerade wünschenswert. Es sollte aber vielleicht eher im Sinne einer Grundsatzentscheidung stattfinden, nach der ganzheitlich, allgemein und nachhaltig flexibel das Leben mehr und mehr und nach und nach ausgerichtet wird. Das wäre ein mehr lebensnaher, ganzheitlich rationaler Umgang ohne (rationalistische) Einseitigkeit und ohne individuelle Überforderung.

Schließlich geht es vor allem darum, ganz aus der Mitte seiner eigenen Existenz leben zu lernen, wobei man sich zugleich am eigenen eingesehenen Ideal ausrichtet und dabei nicht durch etwas Äußeres Gewalt antut – sei dieses Äußere auch selbstgesetzt. Es bedeutet u.a. auch einzusehen und beispielsweise zu berücksichtigen, dass für eine nachhaltige Veränderung, d.h. Verbesserung, ebenso die strukturellen gesamtgesellschaftlichen Grundlagen geschaffen werden müssen, wie auch, dass das konkrete individuelle Verhalten im einzelnen Einzelfall nicht die Welt verändert – und dennoch von Bedeutung ist.


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