Was haben Indiens Feste mit Naturschutz zu tun?

Banyanbaum

Wir können unter den Ländern dieser Welt ein steigendes Bewusstsein gegenüber der Wichtigkeit der Natur und ihres Schutzes beobachten. Die Bereitschaft, sich für Umwelt- und Naturschutz einzusetzen, nimmt in allen Ländern zu, nachdem die Auswirkungen von Verschmutzung und rücksichtloser Ausbeutung der Natur auf unterschiedliche, aber drastische Art deutlich zu werden beginnen. Als ein Ergebnis davon haben Übereinkünfte und Rahmenpläne über Umweltschutz inzwischen einen zentralen Platz in der internationalen Politik eingenommen: Verschiedene Länder mit verschiedenen Interessen haben darin übereingestimmt, zusammenzuarbeiten, um Aktivitäten, die zu Verschmutzung und Umweltzerstörung führen, zu verhindern oder ihre Auswirkungen rückgängig zu machen.

Das Thema des diesjährigen Weltumwelttages (World Environment Day) lautete „Die Menschen mit der Natur verbinden“ (“Connecting People to Nature”). Es brachte mich zum Nachdenken darüber, wie ein so schönes und sorgfältig gewähltes Thema auf den Kontext in Indien angewendet werden kann. Und so entschloss ich mich, über die Bedeutung der Natur und ihres Schutzes in der Kultur und dem Glaubenssystem meines Heimatlandes zu recherchieren. Mein Interesse erwuchs aus meinem Grundwissen darüber, dass es in vielen traditionellen indischen Festen um die Verehrung der Natur geht.

Sofort begann ich, einen Blick auf mein Alltagsleben zu werfen, um Verbindungen zwischen der indischen Kultur und dem Naturschutz zu finden. Zu meiner Überraschung traf ich auf viele uralte Traditionen, die direkt mit den Themen Natur und Naturschutz in Verbindung stehen.

Ich liege sicherlich nicht falsch, wenn ich behaupte, dass Indiens Hingabe zur Bewahrung der Natur schon ewig existiert, denn ihre Wurzeln reichen in sehr lange zurückliegende Zeiten. Ich würde sogar sagen, dass dies eine Reflexion der uralten Kultur unseres Landes ist und daher weit über alle internationalen Übereinkünfte und politischen Beschlüsse hinausgehen kann. Diese Liebe zur Natur zeigt sich in einer Vielzahl traditioneller Feste in Indien.

Viele indische Feste versinnbildlichen eine tiefe Verbindung zwischen der menschlichen Gesellschaft und der Natur. Wenn man tiefer in die Bedeutung der verschiedenen Feste in Indien eintaucht, wird schnell klar, dass die meisten davon Mutter Natur sowie ihre Macht und ihre Freigiebigkeit feiern. Tatsächlich ist die Verehrung der Natur eine uralte Praxis in Indien, die auf der Einsicht beruht, dass die Natur die Grundlage für unser Leben und unser Wohlergehen ist. Daher wird die Natur in Indien nicht nur als schützenswert, sondern sogar als verehrungswürdig angesehen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Natur in Indien verehrt wird, um ihre Macht und ihre Gaben zu würdigen. Doch da ist noch eine weitere Dimension dieser uralten Praxis: Feste, die eine Naturverehrung beinhalten, weisen auf offensichtliche, aber dennoch subtile Weise auf die Notwendigkeit des Naturschutzes hin. Eine offensichtliche Analogie ist, dass wir das, was wir verehren, nicht zerstören werden. So sind Feste, die eine Naturverehrung beinhalten, auch eine Erinnerung an die Notwendigkeit, die Natur zu bewahren und ihre Ressourcen vor unbekümmerter Ausbeutung und Zerstörung zu schützen. Daher kann man sagen, dass sich viele traditionelle indische Feste direkt mit dem Schutz der Natur befassen.

In Indien findet man oft Menschen, die einzelne, ganz bestimmte Bäume oder andere Pflanzen verehren. So zum Beispiel beim Vat Vriksha Puja (ein Puja oder Poojan ist ein hinduistisches Gebetsritual): Im Verlauf dieses Festes umkreisen Gläubige (vor allem Frauen) einen Banyan-Feigenbaum und bringen ihm Wasser und andere Opfergaben wie Kurkumapulver, Zinnober und Sandelholz dar. Während der Puja bitten verheiratete Frauen um ein langes Leben ihrer Ehemänner; doch es ist wichtig zu verstehen, dass dieses Ereignis eine direkte Verbindung zu der Notwendigkeit des Schutzes der hoch verehrten Banyanbäume hat.

Die Banyans werden als heilige Bäume angesehen und in uralten hinduistischen Schriften explizit erwähnt. Es ist offensichtlich, dass die religiöse Bedeutung des Vat Vriksha Puja ihren Ursprung in den lebensbereichernden Eigenschaften und der Erhabenheit der Banyanbäume hat. Das Fest ist nichtsdestotrotz ein einzigartiger Weg, um die Bewahrung dieser so wichtigen Bäume sicherzustellen. Doch stärken solche Feste auch ganz generell den Sinn für die Naturverbundenheit unter den Menschen. So wird etwa auch die Tulsi-Pflanze, das Indische Basilikum, verehrt.

Das “Chhath Puja“-Fest ist ein Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber dem Sonnengott Surya und wird an den Ufern der Flüsse gefeiert. Unverzichtbarer Bestandteil der Rituale dieses Festes ist ein Bad im Wasser des Flusses in Anerkennung der Wichtigkeit des Wassers in jedem Aspekt unseres Lebens. Auf ähnliche Weise wird beim „Kua Puja“ der Brunnen oder eine andere Trinkwasserquelle verehrt. Dieses Puja wird während Hochzeiten oder nach der Geburt eines Kindes gefeiert.

Traurigerweise werden diese Feste heute jedoch auf eine Art gefeiert, die dem Sinn der Naturverehrung widerspricht. Auf ähnliche Art sind Feste wie Godavari Pushkaram, Bihu, Raja Parba, Mesha Sankranti, Makar Sankranti, Pongal und viele weitere auf fundamentale Art mit der Natur verbunden und tragen die ewige Botschaft vom Respekt gegenüber der Natur und ihrem Schutz mit sich.

Ungeachtet dieser starken Verbindung zwischen der Natur und den verschiedenen Traditionen in Indien, sind das Bewusstsein und der Elan gegenüber der Wichtigkeit des Naturschutzes unter den meisten Indern jedoch ausgesprochen niedrig.

Es ist kein Geheimnis, dass die Umweltverschmutzung in Indien ziemlich hoch ist. Die Menschen in diesem Land scheinen diesem Thema allerdings ziemlich gleichgültig gegenüber zu stehen: Jeder in Indien beklagt sich über die Verschmutzung, doch nur wenige scheinen darüber wirklich beunruhigt zu sein. Nur wenige realisieren, dass jeder Einzelne aufeinander aufbauende Schritte unternehmen muss, um seinen eigenen Beitrag zur Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt zu verringern. Vorschriften vonseiten der Regierung alleine können nicht ausreichen, um die Bemühungen, die für den Erhalt unserer Umwelt nötig sind, in Gang zu bringen.

Die Notwendigkeit unserer Zeit ist es, unter den Menschen das Bewusstsein für die wirkliche Bedeutung von Indiens uralten Traditionen in Bezug auf die Bewahrung der Natur zu verbreiten. Interessanterweise ist die allgemeine Weltanschauung unter der indischen Bevölkerung sowie ihr Verständnis verschiedenster Angelegenheiten tief in den kulturellen und religiösen Kontext eingebunden. Und eine solche Disposition kann kanalisiert werden, um eine starke Verbindung mit der Natur zu entwickeln.

Das Thema „Die Menschen mit der Natur verbinden“ („Connecting people with nature“) war auf eine schöne Art verwoben mit dem Leben der Inder durch ihre traditionellen Feste, bleibt jedoch bedauerlicherweise von der heutigen Generation unbeachtet.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Banyanbaum Banyanbaum Ahoerstemeier CC BY-SA 3.0