Junges Mädchen mit Kopftuch, Varanasi Benares India

Wie die Mythologie die Rolle der Frauen in Indien beeinflusst hat

Es würde wohl jeder der Aussage zustimmen, dass es eine Menge Angelegenheiten in Bezug auf die Emanzipation von Frauen in Indien gibt. ­Es ist eine Tatsache, dass ein sehr großer Teil der weiblichen Bevölkerung Indiens noch immer von einem patriarchalen System unterdrückt wird. Geschlechterdiskriminierung besteht in nahezu jedem Bereich fort, sowohl in ländlichen als auch in urbanen Gesellschaften. Doch ist die Situation der Frauen auf dem Land besonders schlimm.

Der Ballast der geschlechtlichen Sittlichkeit, der sich aus den traditionellen Normen ergibt, ist einer der Hauptfaktoren, die die Unterdrückung der Frauen in Indien gefördert haben. Tatsächlich erdulden viele Frauen dieses patriarchalische System, weil sie glauben, es sei ihre kulturelle Pflicht.

Und Frauen, die eine feministische Sichtweise haben, sehen sich oft zynischen Fragen und gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt. Diese Frauen werden als Sünderinnen gegen unsere uralte Tradition angesehen, die auf der unbedingten Unterwerfung unter das männliche Familienoberhaupt beruht.

Viele Menschen in Indien, die die patriarchalischen Strukturen und Glaubenssysteme unterstützen oder zumindest befürworten, halten Feminismus für eine Idee, die vom Westen geborgt wurde. Feminismus wird von diesen Menschen als unreflektierte Nachahmung westlicher Wertvorstellungen angesehen, die Indiens kulturelle Werte und Normen in Bezug auf Sittlichkeit nicht beachtet. So wird der Feminismus von vielen Traditionalisten verachtet – ungeachtet der Tatsache, dass bei vielen prominenten weiblichen Figuren der indischen Geschichte und Mythologie Grundzüge des Feminismus vorhanden sind.

Tatsächlich übersehen aber auch viele der modernen und aufgeschlossenen Menschen, dass der Feminismus in seinem kulturellen Kontext verstanden werden muss und keine blinde Imitation von Ideen aus einer fremden Kultur sein muss. Denn wenn Feminismus vor dem Hintergrund des kulturellen Kontextes verstanden und interpretiert wird, steigen auch die Chancen, dass er von Traditionalisten besser akzeptiert werden kann.

Die Ironie ist jedoch, dass die Traditionalisten nach Kräften diejenigen weiblichen Figuren der indischen Geschichte oder Mythologie hervorheben, die sich durch gefügige Einstellung und unterwürfiges Auftreten dazu eignen, den Status quo in Bezug auf das Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen zu stützen.

Der Begriff „Feminismus“ ist in Anbetracht seiner sehr unterschiedlichen Interpretation durch verschiedene Gruppen und Gesellschaften durchaus diskussionswürdig. In diesem Artikel wird der Begriff in seiner grundsätzlichsten und generellsten Bedeutung benutzt.

Wenn es darum geht, irgendeine prominente indische Frau – gleich ob geschichtliche Persönlichkeit oder mythologische Figur – hervorzuheben und ihr Leben als Beispiel für andere Frauen zu präsentieren, fällt die Wahl in jedem Fall auf Sita. Für mich schien dies nie ein Problem zu sein, bis ich auf das Buch “Yuganta – The End of an Epoch” von Iravati Karve stieß.

Auch mir wurde sehr oft geraten, einen Charakter wie den der Sita zu entwickeln, doch konnte ich nie den Grund dieses Rates erkennen. Im mythologischen und historischen Repertoire Indiens gibt es viele andere prominente und bemerkenswerte weibliche Figuren. Doch diese kommen den Menschen kaum in den Sinn, wenn sie Frauen einen Rat geben, um ihr Verhalten zu kontrollieren und das Betragen, das von einer guten Frau erwartet wird, hervorzuheben. Eine dieser anderen interessanten Frauenfiguren aus alten indischen Texten ist Draupadi, der ich mich in meinem nächsten Artikel widmen werde.

Tatsächlich werden die meisten Frauen in Indien – so wie ich selbst – mit den Geschichten von Sita und ihrer unerschütterlichen Unterwerfung unter ihren Ehemann Rama aufgewachsen sein.

Wenn indischen Frauen von ihren Familien nahegelegt wird, so wie Sita zu sein, dann ist dies sicherlich die Norm.

Lord Rama und Sita sind die Protagonisten des Ramayana, einem der ganz großen Werke Indiens, verfasst von Rishi Valmiki. Das Ramayana ist eine Saga, die einen idealen Mann preist, Rama, und die mit ihm verheiratete Sita als ideale Frau. Sita war die Ehefrau des Kronprinzen von Ayodhya, der von seiner Stiefmutter für dreizehn Jahre in die Wälder verbannt wurde. Sita begleitete ihren Mann in dieses Exil und wurde später von Ravana entführt. Dies führte zu einem Krieg zwischen Rama und Ravana, in dem Letzterer besiegt wurde. Doch bei der Rückkehr nach Ayodhya zogen König Ramas Untertanen Sitas Keuschheit in Zweifel, und Rama musste sie verstoßen, um die Pflichten eines idealen Königs zu erfüllen.

Doch selbst nach der Verstoßung durch ihren Ehemann waren Sitas Gefühle niemals durch irgendeine Art von Hass oder Kränkung beeinträchtigt. Sie akzeptierte den Willen und die Entscheidung ihres Mannes und zweifelte nie an ihm. Die Art, auf die Sita Schmerz und Leid ertrug, ohne jemals ihre Stimme dagegen zu erheben, wird von den meisten Indern als sehr positiv bewertet.

Sita ist der Inbegriff einer unterwürfigen Ehefrau und Tochter, und von indischen Frauen wird erwartet, ähnliche lobenswerte Charakterzüge wie sie zu entwickeln.

Sowohl Sita als auch Draupadi sind prominente Frauenfiguren aus großen indischen Epen, die eine aus dem Ramayana, die andere aus dem Mahabharata. Beide waren Prinzessinnen und wurden in im Rahmen eines Svayamvara verheiratet, einem Wettstreit, in dem der geeignetste Mann die Prinzessin heiratet, nachdem er seinen Mut durch einige außergewöhnliche Heldentaten bewiesen hat. Beide dieser Frauen führten ein Leben, das von Schmerz und Leid geprägt war, und beide begleiteten ihre Ehemänner für mehr als ein Jahrzehnt ins Exil. Dennoch wird indischen Frauen selten die Draupadi als Vorbild vorgegeben.

Die Absicht oder der Zweck hinter einer solchen Hervorhebung einer bestimmten Frauenfigur gegenüber anderen ist in unserem alltäglichen Leben normalerweise schwer nachzuvollziehen. Doch ist es wichtig zu verstehen, wie jeder Aspekt unseres Lebens, von der Biologie bis zur Mythologie, benutzt wird, um das Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen intakt zu halten.

In meinem nächsten Artikel werde ich beleuchten, warum indische Traditionalisten niemals Draupadi wählen, wenn sie Frauen eine prominente Figur als Beispiel vorgeben.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Junges Mädchen mit Kopftuch, Varanasi Benares India Junges Mädchen mit Kopftuch, Varanasi Benares India Jorge Royan CC BY-SA 3.0

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