Construction of Palestinian Masculinity

Worauf die palästinensische Männlichkeit basiert

Gleich an dem Tag, als ich im Nahen Osten ankam, konnte ich die patriarchalische Natur dieser Gesellschaft spüren. Und das war nicht nur angedeutet: Die patriarchalischen Grundsätze wurden ganz explizit in die Praxis umgesetzt.

Das Patriarchat ist ein universelles Phänomen, doch der Nahe Osten kann als eines seiner Zentren angesehen werden. Die deutlichste Manifestation des tief verwurzelten Patriarchats in dieser Region ist die Auffassung von Ehre und Schande.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Auffassungen von „Ehre“ und „Schande“ in der Weltsicht der Araber sehr bedeutsam sind. Das Konzept der Ehre ist bestimmend für Dinge wie Selbstsicht, Identität, Familie und Weltsicht. In seiner allgemeinsten Bedeutung steht der Begriff „Ehre“ für die Familienehre, die die Männer bevorzugt; der Verlust der Ehre wird jedoch durch das Verhalten der Frauen bestimmt.

Doch ist das Konzept der Ehre nicht ausschließlich auf die Einschränkung der Sexualität limitiert. Es ist darüber hinaus auf komplexe Art verbunden mit Mut, Stärke, Würde und vielen ähnlichen Idealen.

Der Begriff der Ehre erfordert zwangsläufig die Vorstellung von Kontrolle. Diese wird üblicherweise einerseits als ein Mangel an Furcht verstanden und andererseits als die Fähigkeit, das sexuelle Verhalten der Frauen zu kontrollieren.

Mein Besuch in Palästina verschaffte mir die Gelegenheit, die verschiedenen Arten, auf die Geschlechterrollen gelebt und aufrechterhalten werden, zu beobachten und zu analysieren. Ich hatte stets ein großes Interesse am Thema der Geschlechterrollen im Nahen Osten. Deren Erforschung fokussiert sich in dieser Weltregion verständlicherweise ausschließlich auf Frauen – in dem Glauben, dass dies ihre Emanzipation fördern werde.

Das führt aber dazu, dass Angelegenheiten, die die Männlichkeit betreffen, selten diskutiert werden, und so bleibt das geschlechtstypische Verhalten der Männer eine unzureichend untersuchte Kategorie. Ich glaube allerdings, dass es ebenso wichtig ist, sich auf das männliche Verhalten zu fokussieren, um ein besseres Verständnis davon zu bekommen, wie das Patriarchat in den unterschiedlichsten Gesellschaften funktioniert.

Ich bekam die Gelegenheit, Palästina zu besuchen. Und ich nutzte sie, um mich mit so vielen palästinensischen Männern wie möglich auseinanderzusetzen, um zu verstehen, wie sie sich selbst in ihrer Männerrolle wahrnehmen. Es war äußerst interessant, herauszufinden, wie sie die Vorstellung von Männlichkeit verstehen und die damit verbundenen Ansprüche, eine respektable Männlichkeit zu leben, umsetzen.

Ich verstehe Maskulinität als das „Machen“ der Geschlechtlichkeit in einem bestimmten kulturellen Umfeld. Und das führt zu dem Schluss, dass Männlichkeit keineswegs einen universellen Charakter hat. Sie ist nicht von Natur aus homogen; jede Kultur setzt spezifische Standards für Männlichkeit und definiert ihre Kerncharaktereigenschaften. Ich war begierig zu erfahren, wie Palästinenser Männlichkeit definieren und was den Kern palästinensischer Maskulinität bestimmt.

Unter Palästinensern ist die Ehre sehr wichtig. Tatsächlich bildet sie die Basis der geschlechtlichen Identität palästinensischer Männer. In der palästinensischen Gesellschaft ist die Ehre aber nicht nur mit Familie und Sexualität verbunden, sondern auch mit dem Kampf nationaler Art.

Während meiner Gespräche mit palästinensischen Männern lernte ich, dass der nationale Kampf die geschlechtliche Identität und die Geschlechterrollen der Palästinenser stark beeinflusst. Man kann durchaus behaupten, dass die Maskulinität im palästinensischen Kontext nationalisiert wurde.

Aktives Engagement im nationalistischen Kampf und die Fähigkeit zum Widerstand werden unter Palästinensern als wichtige Kriterien angesehen, um als männlich zu gelten. Von jedem palästinensischen Mann wird erwartet, politisch aktiv zu sein und sich in Widerstandsaktivitäten zu engagieren. Ich fand es äußerst spannend zu hören, dass palästinensischen Männern, die unpolitisch und der Teilnahme an Widerstandsaktivitäten eher abgeneigt sind, ein Mangel an Männlichkeit unterstellt wird!

Mir wurde erzählt, dass öffentliches Verprügeln und Verhaftungen übliche Mittel der israelischen Armee seien, um die jungen palästinensischen Männer zu terrorisieren und zu demütigen.

Die israelische Armee nutzt öffentliches Verprügeln als eine Strategie, um palästinensische Männer zu „entmannen“ und ihnen ihre Selbstachtung und ihre Würde zu nehmen. Mir ist jedoch aufgefallen, dass Palästinenser die Bedeutung und die Relevanz solcher Demütigungsstrategien ins Gegenteil verkehrt haben. Sie haben begonnen, Prügel und Arrest zu unverzichtbaren Bestandteilen ihrer Konstruktion von Männlichkeit zu machen. Diese Auffassung wird deutlich in der Art, wie palästinensische Männer die Spuren israelischer Gewalt an ihren Körpern als Zeichen ihrer Männlichkeit präsentieren.

Unter den palästinensischen Teilnehmern unseres Jugendcamps war ein Mann, der sechs Jahre in israelischer Gefangenschaft verbracht hatte. Ich beobachtete, dass er von allen Palästinensern im Camp offenbar hoch geachtet wurde. Er wurde oft darum gebeten, von seinen Erfahrungen im Gefängnis zu erzählen. Mehr noch, mir wurde von einem meiner palästinensischen Freunde Folgendes erzählt: Um unter den Palästinensern als Führungspersönlichkeit anerkannt zu werden, müsse man in jedem Fall eine Geschichte der Konfrontation mit der israelischen Armee haben. Körperliche Spuren von Schlägen, Schussverletzungen sowie Erfahrungen mit Folter in israelischen Gefängnissen seien ebenfalls hilfreich, um als Autorität anerkannt zu werden.

Eine weitere interessante Dimension dieses ganzen Themenbereiches von Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft ist die Bedeutung des Märtyrertums in der Konstruktion hegemonialer palästinensischer Maskulinität.

Palästina wird angesehen als „ard al-shuhuda“, als „Land der Märtyrer“. Der Begriff „shahid“ – soviel wie „Märtyrer“ – hat im Islam einen starken Gehalt und bezeichnet jemanden, der gestorben ist „auf dem Pfad Gottes oder im Heiligen Krieg“. Im palästinensischen Kontext bezeichnet der Begriff üblicherweise jemanden, der für das Heimatland gestorben ist.

Ich kam zu dem Schluss, dass Märtyrertum in der palästinensischen Gesellschaft hegemoniale Maskulinität versinnbildlicht.

Ich möchte kurz das Konzept der hegemonialen Maskulinität beleuchten. Hegemoniale Maskulinität verkörpert nicht nur die dominanteste Art, ein Mann zu sein; es ist auch die gesellschaftlich am höchsten geachtete Art, ein Mann zu sein. Doch hegemoniale Maskulinität nimmt dominante Positionen nicht durch Gewalt oder Zwang ein, sondern durch die Erzeugung von Vorbildern. Im palästinensischen Kontext ist das Märtyrertum ein solches Vorbild.

Es ist aber auch wichtig zu verstehen, dass das Märtyrertum von vielen palästinensischen Männern als erstrebenswert angesehen wird, um das akute Gefühl von Machtlosigkeit gegenüber der Besatzungsmacht zu kompensieren.

Die palästinensische Gesellschaft sieht Märtyrer als Helden an. Eine solche Maskulinität, die durch eine außerordentliche Fähigkeit zum Ertragen von Schmerz gekennzeichnet ist und das eigene Leben der nationalen Sache opfert, wird als äußerst erstrebenswert angesehen und daher verehrt. Doch wurde mir auch klar, dass die hegemoniale Maskulinität von normativer Natur ist und sicherlich nicht auf das Leben aller palästinensischen Männer zutrifft.

Es ist kein Wunder, dass die palästinensische Gesellschaft von Natur aus patriarchalisch ist; sie ermutigt die Sozialisation und Bildung von Männern in Hinblick auf  die zwingende Anforderung einer starken Männlichkeit. Ich war zuvor der Meinung, dass in der palästinensischen Gesellschaft die familienzentrierte Version der Männlichkeit eine Tradition haben müsse. So würde sich eine idealisierte Version palästinensischer Männlichkeit um die dauerhafte Hingabe an die wertgeschätzte Familie aufbauen.

Doch die Auseinandersetzung mit palästinensischen Männern machte mir klar, dass es unter der Besatzung zunehmend schwierig geworden ist, ein solches Männlichkeitsbild aufrecht zu erhalten. In dieser Krisensituation hat sich die Vorstellung von Männlichkeit von einer versorgenden zu einer nationalistischen Männlichkeit verschoben.

Die weiblichen Teilnehmerinnen des Jugendcamps waren in der palästinensischen Polizeiakademie untergebracht. Dadurch hatte ich die Gelegenheit, mit Männern zu interagieren, die mich die Bedeutung der nationalistischen Maskulinität im Zusammenhang mit dem palästinensischen Befreiungskampf verstehen ließen.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Image Title Autor License
Construction of Palestinian Masculinity Construction of Palestinian Masculinity Sumana Singha CC BY-SA 4.0

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