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Anarchie: Der Beginn des Herrschertums

Das Ende der Selbstbestimmung und der Schritt vom Wir zum Ich geschahen paradoxerweise gleichzeitig

Die neolithische Revolution brachte gewaltige geistige und kulturelle Fortschritte, löste uns aus der magischen Eingebundenheit in unsere Umwelt und machte uns zu Einzelwesen statt zu halb anonymen Gruppenmitgliedern. Es war einerseits ein Höhenflug, notwendiger Anstoß und Grundlage für alles, was wir an zivilisatorischen Errungenschaften hervorgebracht haben, andererseits aber auch ein kostspieliger Sturz aus dem Paradies. 

Mehrere Entwicklungen bedingten und verstärkten einander:

Sesshaftwerdung und Besitzdenken

Nomaden belasten sich mit so wenig als möglich und können einen Großteil der Gegenstände des täglichen Gebrauchs jederzeit wieder herstellen. Insofern ist nichts unersetzbar und Neid um Besitztümer praktisch ausgeschlossen. Mit dem Verweilen gab es jedoch plötzlich die Möglichkeit, mehr Dinge anzuhäufen, als man unbedingt brauchte, Gebiete für sich abzustecken, Vorratskeller anzulegen.

Raubzüge

Diese Anhäufung von akkumulierter Arbeitszeit, die man einfach wegnehmen und selbst konsumieren oder anderswo gegen alles Beliebige eintauschen konnte, war freilich eine gewaltige Verlockung. Auch unter nomadischen Stämmen gibt es Fehden und kriegerische Handlungen, doch die Brutalität, mit der Menschen einander nun begegneten, war bis zu diesem Zeitpunkt beispiellos. Was man unter größter Mühe hergestellt hatte, wurde ebenso verbissen angegriffen wie verteidigt.

Ackerbau

Wer Ackerbau betreibt, muss vorausplanen. War die Vorstellung von Zeit davor nichts als ein zyklisch wiederkehrender Augenblick, so blieb der Mensch nun ständig mit einem Auge auf die Zukunft fokussiert, auf ein Ziel ausgerichtet, progressiv. Die vergangenen Leistungen und zukünftigen Belohnungen waren plötzlich das zentrale Thema.

Wir verloren die Sorglosigkeit, sahen den Tod über unsere Schulter blicken und entwickelten wohl auch das Gefühl, dass wir durch härtere Arbeit mehr Sicherheit erlangen könnten – ein Kontrollwahn, der den früheren Nomadenstämmen gänzlich fremd gewesen wäre.

Religion

Auch die Entstehung zahlreicher Kultstätten zeigt, dass die Welt und selbst die Götter durch Rituale kontrollierbar gemacht werden sollen. Und doch galt es paradoxerweise gleichzeitig, Demut zu zeigen, da der neue Mensch sich seiner Sterblichkeit ja schmerzhaft bewusst war. Ob organisierte Massenrituale der erste Schritt waren, der Menschen an Orte band, und der Ackerbau vielleicht gar auf den Bedarf an psychoaktiven Pflanzen zurückgeht, oder ob es umgekehrt war, ist wahrscheinlich die falsche Frage. Viel eher geht beides auf denselben inneren Wandel zurück.

Ego

In diesen Zeitraum fällt nämlich die Entstehung der ersten Heldensagen, die Geburt der Idee, dass der Mensch seine Umwelt manipulieren und sein eigenes Schicksal schmieden kann. Das Ego gab uns überhaupt erst die Möglichkeit zu moralischer Verantwortung, aber auch die Allmachtsfantasien, mit denen wir bis heute zu kämpfen haben. Waren wir der Natur zuvor ausgeliefert, so machten wir uns die Erde nun zum Untertanen, leiteten Flüsse um, holzten Wälder ab und bestimmten, was wo zu wachsen hatte. Auch das Recht, Tiere zu fangen, einzusperren und zur Arbeit zu zwingen, nahmen wir uns nun heraus, da wir den Herden zur Jagd ja nicht länger folgen konnten und die Bestellung des Ackers mit der Kraft eines Zugtieres so viel leichter war.

Hierarchie

Doch auch wenn wir alle unsere Rolle in der Welt nun anders zu sehen begannen, konnte nicht jeder Held sein, noch vollzogen alle die geistige Verwandlung im selben Tempo. Für die Begabten, die Klugen und die Künstler ergab sich durch die entstehenden größeren Gemeinschaften eine neue, fruchtbare Situation.

Die Überschüsse, die durch Erfindungen, Arbeitsteilung und Spezialisierung erarbeitet wurden, flossen (zunächst sicher freiwillig) als Opfergaben an die geistigen Zentren der Gesellschaft, wodurch es erstmals möglich wurde, Menschen von allen anderen Arbeit zu entheben und sie ihre Zeit ganz auf das Erlangen und Vermehren von Wissen und Kunstfertigkeit konzentrieren zu lassen.

Grausamkeit

Freilich dauerte es nicht lange, bis aus der wachsenden geistigen Überlegenheit der Oberschicht ein neues Unheil entstand: Einfache Menschen wurden, wie davor schon das Vieh für uns alle, in den Augen der Herrscher zu Nutzwesen, zu Dienern und Arbeitern ohne Anspruch auf gleiche Würde oder Rechte. Dem erhebenden Hofleben standen mit der zunehmenden Gier dieser Kaste zwangsläufig bald Heerscharen von Besitzlosen gegenüber, die – durch Armut oder tatsächliche Leibeigenschaft versklavt – die Basis für deren Reichtum erarbeiten mussten.

Dynastien

Waren die anfänglichen Könige noch Opfer für die blutrünstige, aber nährende Muttergottheit, die nur ein Jahr lang regieren durften und dann sterben mussten, so wurde daraus schnell ein lediglich symbolisches Opfer (oder ein Ersatzopfer), so dass der König nicht nur überlebte, sondern auch eine Erbfolge einführen konnte. Auch die Religion wurde entsprechend reformiert: Das neue Pantheon war wie ein Hofstaat organisiert und sehr weltlich orientiert.

Geld

Mit mehr Gütern und dem Bedarf an seltenen Rohstoffen wurde das Handelsnetz immer weitläufiger und dichter. Die Notwendigkeit für ein universelles Tauschmittel war gegeben. Was zunächst ein geniales Konzept war und unsere Fähigkeit zum abstrakten Denken weiter vorantrieb, ermöglicht jedoch auch das Ansammeln von Ressourcen in nie dagewesener Größenordnung, ebenso wie, bald darauf,  Zinswesen, Steuern und eine Militarisierung, wie es sie bis dato nicht geben konnte – was uns an den Beginn der Geschichtsschreibung bringt, denn die ersten datierten Niederschriften erzählen von Eroberungen und Schlachten.

Freilich geschahen all diese Dinge nicht überall gleichzeitig und zogen sich über Jahrhunderte bis Jahrtausende. Doch sie geschahen an vielen Orten annähernd gleichförmig und zeigen vielleicht, dass Rücksichtslosigkeit und Größenwahn ein notwendiges Vehikel auf dem Weg zu Kultur waren.

Die nächste geistige Revolution hinkt jedoch weit hinter unseren längst gegebenen Möglichkeiten nach.

Wir haben alles Wissen und alle Ressourcen, um unsere Rolle erneut umzugestalten – hin zu Frieden, Ruhe, Humor, Liebe, Großzügigkeit und Fürsorge für einander und unseren Planeten. Doch wir wählen Aufruhr, Trotz und Habsucht, bis zum bitteren Ende.


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Internal_Pantheon_Light Internal_Pantheon_Light Jay Reed CC BY-SA 2.0

Diskussion (4 Kommentare)

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  1. Oft dient das angebliche Wissen über die Urzeit nur zur Mythenbildung aus ideologischen Gründen. Ich hätte da schon gerne etwas Quellenmaterial verlinkt gesehen.

    1. Lieber GerKS,
      dieser Mangel ist mir schmerzlich bewusst, und leider aus Zeitgründen schwer behebbar. Ich merke mir Details aus Dokumentationen, Fachbüchern, online Artikeln und tausend anderen Quellen, nicht aber die Metadaten dazu. Um mir selbst wieder herzuleiten woher ich etwas weiss und, selbst wenn ich mich an die Quelle erinnere, die Stelle in einem Buch wieder zu finden, bräuchte ich für jeden Artikel dreimal so lang. Denn belege ich eine Sache, dann muss ich alle belegen. Auch der Beschränkung auf 800 Wörter sind schon oft weiterführende Erklärungen zum Opfer gefallen. Von dem komplett überhöhten Anspruch an mich selbst, am Besten perfekt belegte Mini – Doktorarbeiten zu liefern musste ich mich schon vor der ersten Veröffentlichung verabschieden: man versucht, die Balance zwischen Qualitätsanspruch und zeitlicher Zumutbarkeit zu finden und pendelt sich eben irgendwo ein. Dieses Irgendwo ist in meinem Fall so gelagert, dass ich beim Zerteilen von 10 000 Wörter Entwürfen viele Stunden darauf verwende, die einzelnen Artikel als abgeschlossene Gedankengänge zu präsentieren, eine Einleitung und Schlussfolgerung zu verfassen. Da diese Artikel hauptsächlich als Anregung gedacht sind, sich selbst in diese Themen zu vertiefen und nicht dem sinnlosen Unterfangen dienen sollen, jemanden mit gänzlich anderem Weltbild von irgendetwas zu überzeugen, sind die Ressourcen so vermutlich auch am Besten eingesetzt. Dennoch: ja, mich stört dieser Punkt durchaus ebenso.

  2. sehr interessantes Paradoxon, da Anarchie nichts anderes als “ in Abwesenheit von Herrschaft heißt „

    1. Oh richtig, das war der Arbeitstitel, mit dem dieser (und die noch kommenden zwei bis drei Artikel) als Teil der Serie „Anarchie“ gekennzeichnet werden sollten. (Deren zentrales Thema übrigens genau die eigentliche Bedeutung des Wortes und seine Umdeutung und Verknüpfung mit Chaos und Gewalt ist) Die geistige Notiz, das vor der Veröffentlichung noch verständlicher herauszustreichen ist mir wohl hinter die virtuelle Kommode gerutscht. Tja, ich fürchte jetzt muss ich es wohl so durchziehen und auch die weiteren Titel so gestalten 🙂 Danke für den Hinweis und das Interesse!