Andere Länder, andere Sitten

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Ich verbrachte Unmengen an Zeit in Indien und lernte dabei viele verschiedene Bräuche kennen. Einige schienen mir logisch, andere weniger. Doch ich hatte das Glück, einen ganz besonderen und geduldigen Mann kennenzulernen, der mir alle Gebräuche, Sitten und Regeln über sein Heimatland näherbrachte. Während dieser Zeit tauchte die Frage “Warum?” am häufigsten auf, da alles so neu und anders, aber auch atemberaubend war.

An dieser Stelle ist es mir ein Bedürfnis, ein paar Einblicke in die indischen Gebräuche zu thematisieren:

Erstens: Inder sind nicht schmutzig. Ja, es stimmt, dass die meisten kein Toilettenpapier verwenden, doch dies ist ökonomischer, sauberer und umweltfreundlicher. Inder verfügen überall über Bidetduschen oder eine Toilette mit einem Bach, und wenn es keinen sogenannten “Bidet-Sprüher” gibt, dann gibt es einen Eimer. Und hat man nur einen Eimer, wie es beispielsweise in ländlichen Gebieten oft der Fall ist, dann verfolgen die Inder ein bestimmtes Prozedere: Mit der rechten Hand halten sie den Eimer und gießen das Wasser, und mit der linken reinigen sie sich. Danach waschen sie sich die Hände: zuerst mit Wasser, dann mit Seife, dann wieder mit Wasser und schließlich wieder mit Seife. An jenen Orten, wo es weniger Wasser gibt, wird Brennholzasche zur Reinigung verwendet, zumal Kohlenstoff ein sehr gut absorbierendes Material ist. Daher wird stets mit der rechten Hand gegessen bzw. greift man nach dem “Prasad” (geweihte Nahrung) im Tempel immer nur mit der rechten Hand.

Einen Tempel darfst du niemals mit Schuhen betreten – egal, ob du sie noch an den Füßen trägst, sie in den Händen hältst oder in deine Tasche gepackt hast. In Amritsar, Punjab, im berühmten Goldenen Tempel, wurde ich immer vor dem Betreten nach meinen Schuhen gefragt und es wurde meine Tasche kontrolliert. Auf das Mitnehmen von Schuhen in einen Tempel zu verzichten, lautet die strenge Regel. Denn in vielen Religionen, wie im Hinduismus, im Buddhismus und gar im Jainismus, gelten Schuhe als schmutzig und unrein, obgleich der Tempel als rein und heilig gesehen wird. Vor jedem Tempel findest du immer einen Ort, an dem du deine Schuhe aufbewahren kannst, meist kostenlos oder für sehr wenig Geld. Ansonsten ist es auch Usus, in einem nahegelegenen Geschäft darum zu bitten, deine Schuhe für dich aufzubewahren.

Besucht man einen Jain-Tempel, ist es vor dem Betreten zwingend erforderlich, seine Füße und sogar seinen Mund zu waschen – so sorgt man dafür, dass keine Bakterien eingeschleust werden. Weiters ist es verboten, Ledergegenstände oder eine Kamera mitzunehmen. Menschen, die den Jainismus praktizieren, folgen strikt dem Gesetz der “Ahimsa“, also der Gewaltlosigkeit; deshalb ist ihr Gang oder ihre Sitzart immer nach vorne gerichtet, um nicht aus Versehen Leben zu verletzen oder zu töten. Sie bedecken auch ihren Mund, um nicht versehentlich Keime oder kleine Insekten zu verschlucken.

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Schild mit der Beschreibung des Jainismus vor einem Jain-Tempel

Es ist strengstens verboten und wird als Zeichen der Respektlosigkeit angesehen, im Sitzen seine Füße ausgestreckt in Richtung von Tempelstatuen oder in Richtung älterer Menschen sowie Lehrer zu zeigen. Deshalb sollte man immer versuchen, die Beine beim Sitzen zu überkreuzen oder mit den Füßen in einer anderen Richtung zu sitzen. Und befindet sich eine sitzende Person auf der Straße – das passiert in Indien sehr oft -, dann sollte man es vermeiden, über sie und ihre Körperteile zu steigen, um nicht gleich eine nächste Respektlosigkeit zu begehen. Man sollte also um diese Person einen Bogen machen und ausweichend vorbeigehen. In Thailand passierte es mir einmal, dass ich über den Fuß eines Mannes stieg, da brüllte mich dieser sofort fürchterlich an. Nur wusste ich damals noch nicht den Beweggrund dafür.

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Betende Mönche im Mahabodhi-Tempel in Bodhgaya, Bihar, Indien

Nimmt man an einer Zeremonie teil oder besucht man jemanden bei sich zu Hause, so ist es üblich, den Gast mit kleinen Speisen, z.B. Süßigkeiten, zu füttern. Es kommt somit der Gastgeber und offeriert Speisen aus seinen Händen. Und gibt es mehr als einen Gastgeber, so wird man gleich von mehreren Leuten gefüttert. Dies geschah mir einmal, als ich jemandem in einem kleinen Dorf in der Thar-Wüste von Rajasthan einen Besuch abstattete: Da es sehr respektlos ist, Nein zu sagen, wurde ich am Ende von mindestens 15 Menschen gefüttert. Dies mag uns Menschen aus dem Westen seltsam erscheinen, da sich die meisten von uns um Parasiten und Bakterien Sorgen machen, was natürlich richtig ist. Aber ich bin der Meinung, dass es im Leben vielmehr darum geht, Erfahrungen zu sammeln – deshalb versuche ich zumeist, die Regeln eines fremden Landes auch zu leben; ich lebe also das Leben der Einheimischen. Um auf diese Weise das Größtmögliche zu erfahren.

Teilt man eine Wasserflasche mit einem Inder – und ist er noch so ein guter Freund -, dann ist davon abzuraten, die Flasche zu “küssen” – was bedeutet, den Ansatz der Flasche mit den Lippen zu berühren. Die Inder trinken nämlich für gewöhnlich aus einem Glas oder einer Flasche, ohne sie mit dem Mund zu berühren. Das ist etwas knifflig und man muss es zuerst üben, aber am Ende ist dies eine viel hygienischere Methode des Trinkens.

Ist man Gast im Hause eines Inders, so wird man wie ein König und Gott behandelt. Man darf darauf vorbereitet sein, dass für den Gast eine Menge tolles Essen gekocht und serviert wird und dass man beim Essen auch beobachtet wird (es kann sogar sein, dass dabei Fotos von dir gemacht werden). Erst wenn du mit der Verköstigung fertig bist, wird der Gastgeber selbst essen. Weiters bekommt man das beste Zimmer im Haus, auch wenn der Gastgeber selbst auf dem Boden schlafen müsste.

In Indien begegnet man Frauen, Kindern und Männern mit offensichtlich “fettigem” Haar. Das ist deshalb so, weil es zu ihrem täglichen Brauch gehört, ihr Haar einzuölen. Das hat also nichts mit mangelnder Hygiene zu tun und ist wahrscheinlich auch der Grund, warum das Haar der Inder so gesund ist.

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Schulkinder mit Öl im Haar in Kumily, Kerala, Südindien

Manchmal sieht man eine ganze Familie, zumeist Männer, mit rasierten Köpfen. Da ist Vorsicht geboten, wie dies kommentiert wird – “schöner Haarschnitt”, zum Beispiel. Denn eine Kopfrasur bedeutet, dass jemand in seiner Familie gestorben ist …

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Ein “Mundan”, eine Kopfrasur, nach dem Tod älterer Familienmitglieder

Einen Turban trägt man in Indien übrigens wegen der extremen Hitze oder bei Kälte. Oder drittens: Weil man der Religion des Sikhismus angehört. Die Sikhs dürfen auch kein Haar an ihrem Körper abrasieren. Sie tragen einen Turban, manchmal einen Speer, ein Messer oder ein Schwert, da sie zum Stamm der Krieger gehören. Es gibt auch manchmal Frauen, die diesem Brauch streng Folge leisten.

In Indien ist Schwarze Magie üblich. An großen Kreuzungen, belebten oder aber auch abgelegenen Straßen sieht man das eine oder andere Mal ein kleines Feuer brennen oder Zitronen mit Chili hängen. Darüber darf man nicht steigen, denn laut “Zauber” würde dies nämlich “Pech” bedeuten. Auch die Hand sollte man sich von niemandem lesen lassen, denn es könnte sein, dass Schwarze Magie im Spiel ist, die Energien zu entziehen vermag.

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“Nimbu-Mirchi” = Limonen mit Chili (hängend schützen sie vor schlechter Energie – steigt man über sie, passiert das Gegenteil)

In Indien schüttelt man generell keine Hände zur Begrüung, obwohl das heutzutage immer häufiger Usus ist. Laut Tradition faltet man bei der Begrüßung seine Hände in einer Gebetspose und sagt “Namaste”  (du grüßt also den Gott in dir). Wenn ein Mann übrigens versucht, einer Frau die Hand zu schütteln, dann würde dies mit einem sexuellen Akt gleichgesetzt werden: Männer und Frauen berühren sich in Indien i.A. öffentlich überhaupt nicht. Besser ist es also, nur Namaste zu sagen.

Ich hoffe, dass ich damit jenen Menschen aus dem Westen, die Indien bereisen wollen, helfen  konnte, einige wirklich wichtige indische Gebräuche näherzubringen.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna Dichen

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Buddhist_monks_Namaste Buddhist_monks_Namaste Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Sadhus_Indias_holy_men Sadhus_Indias_holy_men Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Namaste_Golden_temple Namaste_Golden_temple Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Namaste_Hindu_monks Namaste_Hindu_monks Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Namaste_Iskon_temple_1 Namaste_Iskon_temple_1 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
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Hindu_monk_turban_Kathmandu Hindu_monk_turban_Kathmandu Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Man_in_Gujarat Man_in_Gujarat Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
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Man_in_Rajasthan_2 Man_in_Rajasthan_2 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Sikh_devotee_2 Sikh_devotee_2 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Sikh_devotee_3 Sikh_devotee_3 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Sikh_devotee_4 Sikh_devotee_4 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Sikh_devotee_5 Sikh_devotee_5 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
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Shaved_head Shaved_head Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
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Living_like_locals2 Living_like_locals2 Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Living_like_locals Living_like_locals Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
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Golden_temple_Amritsar Golden_temple_Amritsar Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
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Shoe_collector Shoe_collector Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
Wooden_shoes_in_front_of_temple Wooden_shoes_in_front_of_temple Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0

Diskussion (3 Kommentare)

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  1. Indien ist ein riesengroßes Land -viele Bräuche und Gepflogenheiten beziehen sich auf bestimmte Regionen, Religionen und Kasten. Ich lebe schon seit 10 Jahren in Südindien und wurde als Gast noch nie gefüttert 😉! Der Begriff schwarze Magie ist etwas übertrieben. In Indien glaubt man vor allem an böse Blicke und schlechte Energien, die negative Auswirkungen haben könnten. Dämonengesichter, aufgehängte Steine, ein aufgehängter Kinderschuh oder Nimbu-Mirchi sollen diese Blicke ablenken. Aus diesem Grund wird Kleinkindern zum Schutz auch ein hässliches, schwarzes Auge aufgemalt.

    LG aus Chennai Irene

    1. Liebe Irene,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Das stimmt, Indien ist ein sehr großes Land mit vielen verschiedenen Kulturen und Bräuchen. Warscheinlich bezieht sich der Brauch den Gast zu füttern mehr auf Nordindien. In Südindien selbst, habe ich es auch nie erlebt. Bzgl. Begriff schwarze Magie da teilen sich unsere Meinungen und ich habe das auch hauptsächlich in Nordindien erlebt.
      Ganz liebe Grüsse aus Beijing
      Isabel

  2. NL