Angry Black Men

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Heuer liest man in den Medien recht häufig den Terminus angry white men, vor allem in Zusammenhang mit den Wählern des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Die Männer, die ihre Jobs verloren haben, ihr Ansehen bzw ihren Status, oder sonstwie unter die Räder der Globalisierung gekommen sind – sie sind sauer: auf die Politik (die keine Jobs bringt), auf das Ausland (das die USA viel Geld kostet), und auf andere Gruppen, die in den Jahrzehnten seit der neoliberalen Revolution Ronald Reagans ebenfalls zu den Verlierern zählen: die Schwarzen.

Sieht man sich die Statistiken an, so hätten gerade die Schwarzen allen Grund dazu, wütend zu sein. In praktisch allen relevanten Kategorien sind sie das Schlußlicht: Sie haben die schlechteste Bildung, dadurch bedingt die geringsten Jobchancen, das höchste Risiko, im Gefängnis zu landen oder Opfer einer tödlichen Begegnung mit Gangs oder der Staatsmacht zu werden.

Wenn man das in den Südstaaten weit verbreitete Rassenargument, die Schwarzen seien zu nichts zu gebrauchen, beiseite läßt, tut man sich schwer, nachvollziehbare Gründe für diese Entwicklung zu finden, die man nicht längst hätte politisch beheben können. Da Schwarze oft aus finanziellen Gründen in Gegenden mit höherer Kriminalitätsrate, in die sich kein Polizist mehr hineintraut, leben müssen, ist die Chance deutlich größer, Opfer einer Attacke zu werden oder früh mit Drogen und Gangs in Kontakt zu kommen, als für weiße Jugendliche. Gepaart mit einer meist schlechten Aussicht auf eine akzeptable Schulbildung und einem dadurch deprimierenden Ausblick auf das weitere Leben wird daraus höchst selten ein erfolgreiches Mitglied der Gesellschaft. Und auch wenn die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen wird (hier hilft die positive Diskriminierung an den Universitäten), haben viele Schwarze geringere Chancen auf einen Job, selbst wenn der weiße Konkurrent eine geringere Schulbildung aufweist, wie eine Studie zeigt.

Auf Grund der schlechten Jobsituation sieht es auch in der Vermögensstatistik düster aus: Für die Mehrheit der Schwarzen verschlimmerte sich die Lage bei Einkommen, Vermögen und Grundbesitz in den letzten Jahren sogar. Armut ist weit verbreitet, sich daraus zu befreien ist trotz vereinzelter Tellerwäschergeschichten gerade für Schwarze schwer.

Das Gefängnissystem in den USA ist auf konstanten Zufluß von Straffälligen ausgerichtet: Da viele Gefängnisse (ohne nennenswerte Kostenvorteile für die öffentliche Hand) privatisiert wurden und nun ganze Dörfer von diesen Einrichtungen leben, ist die Nachfrage nach Häftlingen und der damit verbundene Druck der Lobby, Gesetze zu verschärfen, nicht besonders überraschend. In den USA wird in den Gefängnissen – im Gegensatz zu manchen europäischen Ländern – kaum auf Resozialisierung gesetzt: Der Rachegedanke, das Verbüßen einer Strafe für teils sehr geringe Vergehen, stehen im Vordergrund – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Deshalb ist auch die Behandlung der Insassen untereinander und durch die Wachhabenden viel roher als in Europa. Schwarze sind in amerikanischen Haftanstalten bekanntlich stark überrepräsentiert – eine Entwicklung, die neben der oben skizzierten sozialen Situation vieler Schwarzer auch von den laxen Waffengesetzen (die zum Großteil von den Bundesstaaten verabschiedet werden) angetrieben wird.

In den USA sind Handfeuerwaffen stark verbreitet (geschätzte vierzig Prozent der Haushalte besitzen mindestens eine Waffe, insgesamt sind etwa 310 Millionen Waffen im Umlauf). Man kann sie über zahllose private Börsen kaufen, oftmals ohne Überprüfung durch den Staat – eine „Errungenschaft“ der NRA, die mehrfach schon die noch so geringen Kontrollausweitungen für  Waffenbesitzer mit ihrem starken politischen Einfluß verhindert hat. Von einer Spirale der Gewalt scheinen die Köpfe dieser unsäglichen Vereinigung, die vom Geschäft mit der Angst stark profitiert (denn schließlich bedeuten mehr Waffen in Händen von Verbrechern auch mehr Verkäufe an Menschen, die ihr Heim sichern wollen), noch nie etwas gehört zu haben: Nach einem Massaker an einer Schule mit zwanzig toten Kindern zwischen sechs und acht Jahren meinte der NRA-Chef tatsächlich, mehr Waffen würden mehr Sicherheit bringen und man müsse endlich Sicherheitsdienste vor den Schulen aufstellen. Da Waffen über die anonymen Börsen in die Hände von Verbrechern gelangen, muß sowohl die Polizei als auch die private Waffensammlung aufgerüstet werden. Für die schlecht ausgebildete Polizei – in den USA dauert die Ausbildung weniger als sechs Monate und es werden oftmals Kriegsveteranen aus dem Irak- und dem Afghanistankrieg angestellt – bedeutet das, daß sie bei jedem Aufeinandertreffen auf der Straße mit einem bewaffneten Gegenüber rechnen müssen. Wohl auch deshalb nehmen die gewalttägigen Übergriffe in beiden Richtungen zu, denn auch die Zahl der Polizisten, die im Dienst ihr Leben verlieren, steigt. Den Weg der Durchmischung der Polizei, den andere Länder gegangen sind, hat die USA bisher ungenügend beschritten.

Die Bürgerinitiative black lives matter, die sich auf Grund steigender tödlicher Übergriffe der Polizei auf Schwarze in den letzten Jahren gebildet hat, versucht, auf friedlichem Wege auf die Mißstände hinzuweisen. Gerade nach den tödlichen Schüssen auf fünf weiße Polizisten in Dallas wird von medialer Seite vermehrt versucht, diese Bewegung als Ganzes als gewalttätig zu diskreditieren, vor allem von Fox News und Konsorten. Hier sieht man, wie Propaganda funktioniert und immer schon funktioniert hat: Schon in den 60ern war die Aufmerksamkeit der Medien zum Gutteil auf die gewalttätigen Ausschreitungen mancher schwarzer Demonstranten gerichtet und selten auf die Frage nach den Ursachen, weshalb diese Leute überhaupt aufbegehren. Und damals wie heute opfert man wenig Zeit für eine echte Analyse der Ereignisse, die zu den heutigen Verhältnissen sowohl der Schwarzen als auch der Globalisierungsverlierer geführt haben: Die extrem ungerechte Vermögensverteilung, die Steuerflucht der Großkonzerne, die wuchernden Steueroasen werden bestenfalls in akademischen Zirkeln diskutiert. Stattdessen wird nach unten getreten.

Eigenverantwortung ist gerade in den USA ein gern verwendeter Begriff. Es wird kaum jemand etwas dagegen einwenden, den Menschen diese wieder stärker abzuverlangen, als es heute oft der Fall ist. Aber dazu bedarf es gewisser Voraussetzungen wie zB schuldenfreie Bildung und möglichst ähnliche Startbedingungen. Wenn ein Mensch in ein aussichtsloses Leben geboren wird und er – nicht nur (viel zu oft) von seinen Eltern (die ihre Erfahrungen an die Kinder übertragen), sondern auch vom Rest der Gesellschaft und deren formellen wie informellen Regeln – immer wieder eingebläut bekommt, daß er es im Leben zu nichts bringen wird und kann, dann wird sich nur ein sehr geringer Prozentsatz durchkämpfen.

Das Trommelfeuer an Kurznachrichten funktioniert wie der sprichwörtliche Wald, den man vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Auch deshalb ist die Meinung unter manchen in den USA verbreitet, man sei den Schwarzen schon viel zu weit entgegengekommen. Sieht man sich jedoch die Statistiken an, dann hat der durchschnittliche schwarze Staatsbürger mindestens ebensoviele Gründe, angry zu sein, wie der durchschnittliche Trump-Wähler.

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angryblackmen1 Boom Chicago
Anger_Pluto Anger_Pluto Tomchen 1989 CC BY-SA 4.0