Petra Wild

„Aufklärung über den Islam tut natürlich Not“ – Teil 2

Ist man, wenn man um eine differenzierte Sicht auf den Islam als Religion und die damit verbundene Kultur bittet, gleich ein Islam-Apologet, wie man es mir in letzter Zeit immer öfters vorwirft?

Gerade die berühmte und in letzter Zeit so viel zitierte europäische Aufklärung ist es doch, die jeden Menschen gleich an Würde und Rechten behauptet hat. Wenn ich dann an diesen Grundwerte festhalten möchte, wie kann es sein, dass ich von immer größeren Teilen unserer Gesellschaft – übrigens egal aus welcher politischen Richtung – als Fremdkörper wahrgenommen werde?

Der Islam ist die zweitgrößte Religion der Welt, über 1,5 Milliarden Muslime sind Mitmenschen auf unserem Planeten, die allermeisten von ihnen leben in Frieden und finden in unserer medialen Berichterstattung kaum Platz.

Für Idealism prevails habe ich das Gespräch mit der Islamwissenschaftlerin Petra Wild gesucht, die auch selbst in muslimisch geprägten Ländern gelebt hat. Hier der zweite Teil des Interviews:

Seit 2001 wurde diese Religion, die bis dahin kaum einen Stellenwert in den westlichen Gesellschaften hatte, per breiter Medienfront in die Köpfe der vorwiegend weißen europäischen und amerikanischen Bevölkerungen gepflügt – fast ausnahmslos mit Terror, Gewalt und Unterdrückung verbunden. Auslöser waren die umstrittenen Terroranschläge vom 11. September 2001, die nach wie vor zu heftigen Diskursen in Wissenschaft und Medien führen und für viele Menschen nach wie vor ungeklärt sind. Sie lebten davor und auch danach in islamischen Ländern. Warum war diese Konditionierung gegenüber dieser Religion und Kultur notwendig?

Die Hetze gegen den Islam begann in den USA bereits nach dem Sturz des Schahs im Iran 1979, der neben Israel ihr engster Verbündeter gewesen war. In Europa begann sie während des 1. Golfkrieges 1991, wenn auch mit niedrigerer Intensität als nach den Anschlägen vom 11. September.

Der Aufbau des Feindbildes Islam diente einerseits zur Legitimierung des ersten Krieges gegen den Irak, an dem sich auch Deutschland beteiligte, und andererseits der Ersetzung des Feindbildes ‚Kommunismus‘ nach dem Sieg des kapitalistischen Lagers im Kalten Krieg.

Der US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington lieferte mit seinem „Kampf der Kulturen“ die passende Ideologie dazu. Mit ihm begann die Kulturalisierung politischer und sozialer Verhältnisse und Konflikte.

Theodor Adorno, Erich Fromm und andere haben schon vor vielen Jahren analysiert, dass die Gewalt, die das kapitalistische System über die Menschen heute hat, so groß ist wie zu keiner anderen Zeit. Im Grunde wissen alle Menschen ganz tief drinnen, dass sie nicht selbst über sich und ihr Leben bestimmen können, dass internationale Großkonzerne und Monsterbürokratien in undurchsichtiger Weise über sie bestimmen.

Unter dem Druck der Verhältnisse ist es kaum mehr möglich, überhaupt noch ein eigenes starkes Ich auszubilden. Um diese Ich-Schwäche und gesellschaftliche Ohnmacht zu kompensieren, sehen sich viele Menschen als Teil eines größeren, mächtigen Kollektivs, das all die Eigenschaften zu haben scheint, die ihnen fehlen. Früher eignete sich der Nationalismus besonders gut dafür. Heute, da dieser nicht mehr salonfähig ist, ist an die Stelle der Nation das ‚christliche Abendland‘ oder auch ‚das christlich-jüdische Abendland‘ getreten.

Der Begriff „Abendland“ beinhaltet die Abgrenzung zum „Morgenland“, dem Orient. Als Teil dieses Kollektivs fühlen sich diese Ich-schwachen Menschen berechtigt, gegen alle, die anders und vor allem schwächer sind, vorzugehen. So können sie sich selbst einmal mächtig fühlen. Das Feindbild Islam, das von oben lanciert wurde, liefert dem autoritären Charakter das Ventil, an dem er den Hass und die narzisstische Kränkung, die das System fortwährend in ihm erzeugt, ablassen kann.

Dass der anti-muslimische Rassismus sich hier in den letzten Jahren so stark ausgebreitet hat, zeigt meiner Ansicht nach, dass sich die psychische Grundstruktur der Zwangsmitglieder der Gesellschaft seit dem Faschismus nicht wirklich verändert hat. Der “autoritäre Charakter“ im Sinne Theodor W. Adornos, den viele wohl schon für überwunden hielten, tobt sich wieder aus. Autoritärer Charakter heißt: Nach oben buckeln und nach unten treten, Identifikation mit der Macht, stereotypes Denken, Aufteilung der Welt in Gute und Böse bzw. Gewinner und Verlierer. Die, die für Verlierer gehalten werden, werden dafür bestraft, dass sie Verlierer sind, weil der autoritäre Charakter uneingestanden Angst davor hat, selbst ein Verlierer zu sein oder zu werden. Das kann ja heute unter den Bedingungen der allumfassenden Prekarisierung der Bevölkerung sehr schnell passieren.

Der Aufbau des Popanzes Islam als Bedrohung hat darüber hinaus die Funktion, die autoritäre Formierung der neoliberalen westlichen Staaten zu rechtfertigen. Frankreich zum Beispiel hat einen Anschlag mit islamistischem Hintergrund als Vorwand für die Verhängung des Ausnahmezustandes benutzt, der auch viele Monate danach noch aufrechterhalten wird. In Deutschland wird der Polizeistaat ausgebaut und der Einsatz der Bundeswehr im Inneren diskutiert.

Glaubt man unseren Massenmedien, so ist Islam gleich Frauenunterdrückung.

Blickt man auf Indien und den Stellenwert, den Frauen in der breiten Gesellschaft dort haben, dann sieht man eben sehr schnell, dass Frauen dort in gewissen Regionen ähnlich behandelt werden wie zum Beispiel im wahhabitisch geprägten Saudi-Arabien.

Auch die grausame Beschneidung von Frauen wird immer wieder direkt mit dem Islam kontextualisiert; dass dieses Leid aber im afrikanischen Raum genauso von christlichen Stämmen praktiziert wird, interessiert niemanden.

Warum wird der Islam so in den Fokus gestellt?

Das hat eine lange Geschichte. Bei der Dämonisierung des Islams seit dem Mittelalter standen immer zwei Hauptmotive im Vordergrund: Gewalt und Sexualität bzw. Frauen. Während Muslime früher angegriffen wurden, weil sie als der Erotik zu sehr zugetan und als allzu libertinär galten, ist es heute das genaue Gegenteil. Wie der Islam jeweils dargestellt und beurteilt wird, hat weniger mit dem Islam selbst zu tun als mit dem Selbstverständnis der westlichen Gesellschaften.

Der Orient wurde immer als das Gegenteil Europas konstruiert. Das diente zur Selbstvergewisserung der Selbsterhöhung der westlichen Gesellschaften.

Indem die Unterdrückung von Frauen auf den Islam projiziert und möglichst schlimm ausgemalt wird, wird indirekt auch vermittelt, dass es hier ganz anders sei. Als alte Feministin würde ich aber sagen, dass Frauen hier ebenso unterdrückt werden, nur sieht die Unterdrückung anders aus.

Das Patriarchat ist wie der Kapitalismus ein weltumspannendes Herrschaftssystem mit jeweils unterschiedlichen lokalen Ausprägungen. Auch hier bestimmen Männer sehr weitgehend, wie Frauen sich kleiden und verhalten. Nur stehen die Männer hier mehr auf Stöckelschuhe und möglichst freizügige Kleidung, während in muslimischen Ländern Kopftücher und dezente Kleidung bevorzugt werden.

In gewisser Weise haben Frauen und Mädchen hier den männlichen Blick viel stärker verinnerlicht, wie die vielen ‚Schönheitsoperationen‘ oder Essstörungen und andere Stresssymptome bei jungen Frauen und Mädchen zeigen. Gewalt gegen Frauen ist in den westlichen Ländern nach wie vor ein großes Problem.

In Deutschland haben 35% aller Frauen Erfahrungen mit körperlicher oder sexueller Gewalt gemacht, jedes Jahr werden mehr als 300 Frauen von gewalttätigen Partnern ermordet, wie eine Statistik des BKA zeigt. Aber anstatt das zu thematisieren und dagegen etwas zu tun, wird Frauenfeindlichkeit ausgelagert und auf „den Islam“ projiziert. Dadurch können sich die westlichen Gesellschaft als aufgeklärt, tolerant und progressiv selbst beweihräuchern, obwohl sie das bei genauerer Betrachtung keineswegs sind.

Vor einiger Zeit habe ich ein Interview mit Ihnen gesehen, wo Sie davon erzählten, dass es in Sumatra ein islamisches Matriarchat gibt. Das kam sogar für mich sehr überraschend, obwohl ich mich zu den wenigen mündigen Bürgern zähle, die auf die tiefe und breit orchestrierte Propaganda gegenüber unseren muslimischen Mitmenschen nicht hereinfallen. Wie kann man sich diese Gesellschaft in Sumatra vorstellen?

Die Minangkabau auf der indonesischen Insel Sumatra sind eine matriarchale Gesellschaft und außerdem muslimisch. Wie alle matriarchalen Gesellschaften ist die Gesellschaft der Minangkabau matrilinear und matrilokal. Matrilinear bedeutet, dass sie eine weibliche Erbfolge haben. Matrilokal bedeutet, dass das Haus der Mutter der Mittelpunkt des Lebens ist. Die Töchter bleiben im Haus oder nahe beim Haus der Mutter, auch wenn sie verheiratet sind.

Während früher der leibliche Vater keinerlei Bedeutung hatte und der älteste Bruder der Mutter die Rolle des „sozialen Vaters“ übernahm, spielt heute bei Kindern auch die patrilineare Abstammung – das heißt die mütterliche Sippe des Vaters – eine Rolle.

Frauen spielen in der Ökonomie und im gesellschaftlichen Leben eine zentrale Rolle. Die Frauen werben um die Männer und die Mütter verheiraten die Töchter. Das Ansehen einer Frau wächst mit zunehmendem Alter. Entscheidungen werden basisdemokratisch nach dem Prinzip von Beratung und Konsens getroffen.

Zwischen der matriarchalen Struktur der Gesellschaft und ihrer islamischen Religion besteht ein dynamisches Verhältnis, dass sich fortlaufend verändert. Der Islam ist die Domäne der Männer und wurde den matriarchalen gesellschaftlichen Verhältnissen angepasst. Zum Beispiel heißt es bei den Minangkabau: „Muhammad ist unser Prophet und Aischa (dessen Ehefrau) ist unsere Mutter.“ Ihr Islam ist stark durchmischt mit mystischen und magischen Komponenten.

Die Minangkabau sagen, dass sich ihre Gesellschaft auf zwei Pfeiler stützt: den Islam und die Adat, die matriarchale Tradition. Allerdings ist seit dem 20. Jahrhundert die Bedeutung des Islams gegenüber der Adat größer geworden. Auch die Minangkabau-Frauen tragen seit Ende der 1990er-Jahre Kopftücher. Das zeigt, dass das Tragen eines Kopftuches nicht zwangsläufig bedeutet, dass Frauen unterdrückt werden.

Wir wissen tatsächlich sehr wenig über unsere muslimischen Mitmenschen, außer aber, dass sie nicht Teil unserer Gesellschaft sind – zumindest wird das eben von Politik und Medien immer wieder behauptet.

Der Friedensforscher und Historiker Dr. Daniele Ganser erzählt in seinen Vorträgen von diesem Phänomen und nennt es ‚T.A.T. – teilen, abwerten, töten‘. Für ihn ist diese Methode notwendig, um die Gewaltspirale aufrecht zu erhalten.

Was meinen Sie, Frau Wild, wie können wir uns in Europa und vor allem auch in Deutschland und Österreich dieser Gewaltspirale, im Sinne einer globalen Aussöhnung, entziehen?

Ich denke, in so einer zugespitzten Lage, wie die, in der wir heute leben, kann sich keine/r passiv entziehen, sondern wir müssen aktiv Position beziehen.

Wir erleben gegenwärtig in Europa die größte rassistische Massenmobilisierung seit dem Faschismus, aber es gibt kaum Widerstand dagegen. Der gegen Muslime und vor allem Musliminnen gerichtete Rassismus wird nicht einmal als solcher wahrgenommen. Wenn das Judentum in ähnlicher Weise wie der Islam essentialisiert und zu einem monolithischen Block konstruiert würde, wenn es pauschal als frauenfeindlich, fanatisch und gewalttätig dargestellt, die Tora mit „Mein Kampf“ verglichen und alles, was Israel tut, auf das Judentum zurückgeführt würde, dann wäre jedem klar, dass es sich dabei um Antisemitismus handelt. Dass dieselbe rassistische Vorgehensweise in Bezug auf den Islam nicht einmal erkannt wird, zeigt, wie breit und tief der anti-muslimische Rassismus verankert ist. Umfragen machen immer wieder deutlich, dass die westlichen Gesellschaften gegenüber Musliminnen und Muslimen extrem rassistisch sind.

Die verbalen und tätlichen Angriffe haben in den letzten beiden Jahren rasant zugenommen. In Deutschland gab es dem BKA zufolge im vergangenen Jahr mehr als 900 rassistische Angriffe auf Flüchtlingsheime, das sind durchschnittlich drei an jedem Tag. Laut der Opferberatungsstelle Reach Out in Berlin wurden 2016 über 550 Menschen verletzt, gejagt oder massiv bedroht, darunter 45 Kinder. Die Gewalt gegen Musliminnen und Muslime wird fortlaufend verharmlost.

Als Islamwissenschaftlerin weiß ich oft gar nicht, wie ich mit der allgemein verbreiteten Unkenntnis und Ignoranz umgehen soll.

Aufklärung über den Islam tut natürlich Not, aber das Problem ist, dass viele gar nichts wissen wollen. Die lancierten rassistischen Stereotype werden ja nicht so sehr deswegen aufgegriffen, weil die Leute uninformiert sind, sondern weil es ihrem Bedürfnis entspricht.

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich kompetent über den Islam zu informieren, aber die werden ja nicht wahrgenommen. An dieser Stelle möchte ich zwei Bücher empfehlen, nämlich „Der Mantel des Propheten“ von Roy Mottahedeh und „Der Weg nach Mekka“ von Muhammad Assad. In Letzterem beschriebt der jüdische Österreicher Leopold Weiss, wie er Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Weg zum Islam fand. Diese Bücher erlauben einen Blick ins Innere des Islams. Sie zeigen, was der Islam für Muslime bedeutet.

Am wichtigsten ist, denke ich, dass wir aufhören, in diesen starren und verdinglichenden Kategorien, „der Islam“ und „der Westen“, zu denken. Wir sind eine Menschheit und unser Problem ist nicht „der Islam“, sondern der neoliberale Kapitalismus mit seiner Ausplünderung der Menschen und des Planeten sowie seinen endlosen Kriegen und Verwüstungen. In Abwandlung einer alten Parole könnte man sagen: ‚Die Grenze verläuft nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen Oben und Unten.

Für das Gespräch dankt Stephan Bartunek und Idealism prevails. 

Credits

Image Title Autor License
Petra Wild Petra Wild Promedia Verlag Mit freundlicher Genehmigung von Promedia Verlag

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