Petra Wild

„Aufklärung über den Islam tut natürlich Not“ – Teil 1

Wir befinden uns in Europa in einer Art Endzeitstimmung, die sich speziell einem Konflikt widmet, der schon in den 90er-Jahren von Samuel Huntington als „Clash of Cultures“ zusammengefasst und prognostiziert bzw. beschworen wurde.

Allgemein wird in Politik und Medien das Bild einer aufgeklärten westlichen Gesellschaft gezeichnet, die von einem barbarischen, gewalttätigen Wesen bedroht wird: dem Islam.

Dieses Wort ist mittlerweile so konditioniert, dass für viele Menschen eine klare Sicht auf diese Religion und die damit verbundene Kultur gar nicht mehr möglich ist.

Für Idealism prevails wollte ich mit einem Menschen sprechen, der wirklich Ahnung von diesem Thema hat. Petra Wild ist Islamwissenschaftlerin und lebte lange Zeit in islamisch geprägten Ländern.

Frau Wild, ich habe oft das Gefühl, dass wir eine sehr reduzierte Sicht auf die Religion Islam haben. Sie hatten sich vor einiger Zeit entschieden, diese Kultur und Religion wissenschaftlich-analytisch zu studieren und zu erforschen. Was hatte Sie dazu bewogen?

Mein Interesse ist vor allem politischer Natur und gilt speziell der arabischen Welt, nicht so sehr dem Islam an sich. Meine Beschäftigung mit der Region begann mit Israels 1. Libanonkrieg von 1982.

Das war der erste Krieg, den ich als junger Mensch bewusst erlebte und dessen Brutalität – Dauerbombardement der Hauptstadt Beirut, 20.000 Tote in der Zivilbevölkerung, die Massaker in den beiden Flüchtlingslagern Sabra und Schatila – hat mich so entsetzt, dass ich begann, mich mit der Palästina-Frage zu beschäftigen.

Der Islam interessierte mich nicht und spielte auch kaum eine Rolle. Ich war damals in der linksradikalen Szene aktiv, und für uns waren Internationalismus, Antiimperialismus und Solidarität sehr wichtig. Weil wir selbst für Gerechtigkeit und um Befreiung kämpften, haben wir uns mit allen solidarisiert, die das auch taten. Während der 1. Intifada 1987 bis 1993 habe ich ein Jahr in Palästina gelebt.

Das Land ist wunderschön und die Palästinenser/innen sind sehr beeindruckend, wie sie es geschafft haben, inmitten all des Terrors, der vom zionistischen Siedlerkolonialismus ausgeübt wird, ihre Herzlichkeit und Humanität zu bewahren. Besonders gefallen haben mir ihr Widerstandsgeist und ihr Galgenhumor, der sich wohl in allen Gesellschaften, die dauernd im Angesicht des Todes leben müssen, entwickelt.

Auch als ich im Jahr 2000, nach dem Erwerb des Abiturs auf dem zweiten Bildungsweg, begann, Islamwissenschaft zu studieren, tat ich das nicht so sehr aus Interesse am Islam, sondern um an der arabischen Welt dranzubleiben.

Obwohl ich den Islam mittlerweile sehr interessant finde, gilt mein Hauptinteresse noch immer der Politik. Meine Arbeitsschwerpunkte sind die Palästina-Frage sowie Widerstand und revolutionäre Kämpfe in der arabischen Welt.

Es wird sehr viel über „den Islam“ geschrieben und geredet. Gibt es überhaupt sowas wie „den Islam“?

Da der Islam so vielfältig ist, wird diese Frage in der Tat immer wieder von Gläubigen und Wissenschaftlern diskutiert. Im Islam hat sich keine dem Vatikan vergleichbare zentrale Instanz herausgebildet, die quasi von oben her festlegt, was der Islam sei. Der Islam setzt auf die Vernunft des Menschen, auf den mündigen Gläubigen, der keinen Vermittler zwischen Gott und sich braucht. Dementsprechend gehört Pluralität zum Wesen des Islams. Was der Islam sei, wird unter Musliminnen und Muslimen fortlaufend neu verhandelt. Wie die Auslegung des Islams jeweils ausfällt, wird wesentlich von den politischen und sozialen Bedingungen beeinflusst, und diese Auslegung ist nie einheitlich.

Der Islam hat sich schon früh über mehrere Kontinente ausgebreitet und sich mit den jeweils vorgefundenen Traditionen und Kulturen vermischt. Die frühen Muslime waren eher von Pragmatismus geprägt als von Missionseifer. Als der Islam ab dem 8. Jahrhundert auf den indischen Subkontinent vordrang, wo im Laufe der Zeit mehrere muslimische Reiche entstanden, wurden auch die indischen Religionen anerkannt, obwohl im Koran nur Juden und Christen als „Leute des Buches“ anerkannt werden und die „Vielgötterei“ dort strikt verboten wird. Alleine das zeigt schon, dass Muslime den Koran nie so buchstäblich verstanden haben, wie es ihnen heute in der westlichen Welt vielfach unterstellt wird. Aufgrund dieses Pragmatismus und der Toleranz sind sehr unterschiedliche Ausprägungen des Islams entstanden.

Im Laufe der Zeit haben sich zwei große Strömungen herausgebildet, die auf einem unterschiedlichen Islamverständnis beruhen: Die Sunniten und die Schiiten, die wiederum verschiedene Verästelungen haben.

Der Name Sunniten bezieht sich auf die Sunna, den Brauch des Propheten, der für die Sunniten eine maßgebliche Rolle spielt. Die Schiiten beziehen sich auf den 4. Kalifen, Ali, der auch ein Cousin und der Schwiegersohn Muhammads war, sowie dessen Nachkommen. Aus Sicht der Schiiten hätte Ali die Nachfolge Muhammads zugestanden und er wurde darum betrogen.

Da die Schiiten in der Geschichte immer wieder unterdrückt wurden, haben sich im schiitischen Islam die Themen Gerechtigkeit und Widerstand gegen Unterdrückung sehr stark in den Vordergrund geschoben. Es gab zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert eine Reihe von sozialreformerischen und -revolutionären Bewegungen, die unter dem Banner des Schiismus kämpften. Im heutigen Bahrein errichteten sie im 9. Jahrhundert die Karmaten-Republik, in der es Gemeineigentum gab und die bis zum 11. Jahrhundert bestand. Von einigen westlichen und arabischen Wissenschaftlern wurde die Republik der Karmaten als frühkommunistisches Experiment bezeichnet.

Der sunnitische Islam ist insgesamt konservativer, aber auch in dieser Strömung hat es schon sozialistische Islaminterpretationen gegeben. Er hat vier Rechtsschulen, die sich sehr stark voneinander unterscheiden. Die strengste ist die hanbalitische Rechtsschule, die in Saudi-Arabien gilt, und die liberalste ist die hanafitische Rechtsschule, die u.a. in Palästina gilt.

Außerdem gibt es im Islam eine reiche mystische Tradition – den Sufismus, der über einen langen Zeitraum die dominierende Form des Islams war. Der Sufismus hat eine faszinierende Liebesmystik und berückend schöne Poesie hervorgebracht. Jalal al-Din Rumi und Omar Khayyam sind hier wahrscheinlich am bekanntesten. Eine wichtige Mystikerin war auch Rab’a al-‚Adawiya aus Ägypten.

Es gibt heute mächtige Kräfte, die für sich in Anspruch nehmen, den Islam allgemeingültig zu definieren, allen voran das wahhabitische Saudi-Arabien, das seit über 50 Jahren mit viel Geld weltweit versucht, seine strikte und relativ buchstabengetreue Lesart des Islams durchzusetzen. Der Islamische Staat und al-Qaida können als terroristische Ableger des Wahhabismus betrachtet werden, der von der überwiegenden Mehrheit der Musliminnen und Muslime entschieden abgelehnt wird.

Die Bedeutung des Islams wird hier insgesamt überhöht. Religion ist ja nur ein Faktor in der Identität von Menschen und der Struktur von Gesellschaften. Die Klassenfrage, der brutale Neoliberalismus, den die meisten arabischen Regierungen praktizieren, und der Nord-Süd-Konflikt prägen das Leben der Menschen viel grundlegender als ‚der Islam‘. Die palästinensische Gesellschaft etwa wird v.a. von der seit 120 Jahren andauernden zionistischen Siedlerkolonisierung geprägt und nicht von ‚dem Islam‘.

Wenn heutzutage politische Kämpfe v.a. unter dem Banner des Islams geführt werden, dann liegt das daran, dass es keine Befreiungstheorien und -konzepte mehr gibt. In den 1960er-Jahren hatte der Sozialismus eine breite Anhängerschaft in der arabischen Welt, in den 1970er-Jahren gab es in einigen arabischen Ländern starke linksradikale Befreiungsbewegungen.

„Der Islam“ ist niemals die Ursache von Kämpfen oder Terrorismus, aber indem er in der westlichen Propaganda zur Ursache erklärt wird, kann von den wirklichen Ursachen abgelenkt werden: den Verwüstungen, die der europäische Kolonialismus und der Neoliberalismus sowie die andauernden Kriege in der Region hinterlassen haben.

Seit 1948 gab es in der arabischen Welt alle zehn Jahre einen größeren Krieg – bis in die 1980er-Jahre hinein meist von Israel geführt und ab den 1990er-Jahren größtenteils von den USA und ihren Verbündeten. Seit 2001 versinkt die arabische Welt zunehmend in Blutbädern, aber das hat sehr wenig mit „dem Islam“ und sehr viel mit westlicher Hegemonialpolitik zu tun.

Was die Sache noch verwirrender macht, ist, dass sich die USA seit den 1950er-Jahren ebenfalls immer wieder einer reaktionären Variante des Islams bedient haben, um den sozialistisch getönten arabischen Nationalismus, die Befreiungsbewegungen und den Kommunismus zurückzudrängen. Alle Seiten benutzen „den Islam“ für ihre politischen Zwecke. Man muss aber immer genau hinschauen, worum es wirklich geht.       

Der zweite Teil dieses Interview erscheint am 29. Mai 2017 für Idealism prevails.

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Diskussion (Ein Kommentar)

  1. Sehr wissenschaftlich und unvoreingenommen, was Sie da über Palästina und die Palästinenser sagen. Herzlichkeit und Humanität bedeutet ja Korruption und Selbstjustiz, Veruntreuung von Hilfsgeldern, Inhaftierung und willkürliche Hinrichtungen von vermeintlichen Kollaborateuren und natürlich die Erziehung der Kinder durch Fernsehsendungen von Mickey Mouse mit Sprengstoffgürtel und den Umgang mit Feuerwaffen.
    Am besten hat mir natürlich die Passage über die Kriege gefallen. Die hat natürlich ALLE bis in die achtziger Jahre nur Israel geführt und nicht Nassers Ägypten, Assads Syrien, Husseins Irak, Iran, Jordanien, Lybien, Saudi Arabien, Lebanon und einige mehr.
    Was ich aber am spannendsten finde ist der Begriff zionistischer Siedlerkolonialismus. Wenn sie massenhafte legale Einwanderung (illegal nur kurz unter den Briten im zweiten Weltkrieg und angesichts des Holocaust entsprechend zu beurteilen) als Siedlungskolonialismus bezeichnen, dann wird Europa gerade von Moslems kolonialisiert. Dürfen sich die Europäischen Staaten ihrer Meinung nach analog zu den arabischen 1948 wehren?