Aufzeichnungen eines Buchnarren

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Tja, lieber Leser (womöglich Literaturliebhaber?), unlängst besuchte ich beruflich die Frankfurter Buchmesse. Und im nahtlosen Anschluss daran war ich selbst Aussteller auf der Belgrader Buchmesse (der größten Buchmesse auf dem Balkan). Ich bin ein begeisterter aber auch sehr kritischer Leser, und so ist es kein Wunder, dass ich mich dort aufhalte, wo Bücher zu Hause sind. Aber ich glaube, ich muss mich noch einmal genauer vorstellen, damit die Perspektiven der nun folgenden Betrachtungen klarer werden:

Ich bin …

… Verleger (gemeinsam mit meiner Lebensgefährtin führe ich seit fünfzehn Jahren einen kleinen Verlag in Belgrad – einer übrigens sehr lesefreudigen Stadt). Und so ist es ganz klar mein Job, mir Gedanken über alle Dinge zu machen, die das Funktionieren eines Verlages ausmachen (Buchauswahl, Produktion, Vertrieb usw.). Darüber hinaus bin ich auch Übersetzer. Ich habe viele Bücher aus der deutschen in die serbische Sprache übersetzt und arbeite sehr oft mit anderen Übersetzern zusammen. So mache ich mir auch Gedanken darüber, wie das Produkt, welches der Leser des übersetzten Werkes vorgesetzt bekommt, eigentlich sein sollte.

Und schließlich arbeite ich beim größten serbischen Verlag als Lektor für deutschsprachige Literatur. Da ist es meine Aufgabe, deutschsprachige Bücher ausfindig zu machen, sie zu prüfen und dann zur Veröffentlichung vorzuschlagen. Darum habe ich sehr viel mit den Abteilungen für Rechte und Lizenzen zu tun. So gesehen ist es auch irgenwie einleuchtend, dass ich nicht umhin komme, mir sehr viele Gedanken über das Medium Buch und die ganze Branche zu machen.

Was spielt sich denn auf einer solchen Buchmesse eigentlich ab? Was kann sie denn überhaupt bieten, und vor allem: Wem bietet sie etwas an? Man könnte meinen, dass die Antwort naheliegend ist …

Der erste Eindruck, wenn man in einen solchen Buchtempel hineinkommt, ist folgender: WOW!!! Man wird einfach überwältigt, ein richtiger Ozean an Büchern, Sätzen, Wörtern, Buchstaben. Ja, da schlägt das Herz eines jeden Büchernarrs gleich um einiges schneller. Und trotzdem kommt man nicht umhin, sich die einfache, sich allzeit aufdrängende Frage zu stellen: Wer liest denn all die angebotenen Schmöker? Und gibt es denn überhaupt so viele Leser, um diesem Angebot gerecht zu werden? Und … ?

Auf einer solchen Buchmesse (und die die Frankfurter ist die weltgrößte) versammeln sich unter anderem Literaturliebhaber, Verleger, Buchhändler, Bibliothekare und natürlich die Autoren. Es ist ein Kulturereignis, und alles dreht sich um das Feiern der Literatur im Allgemeinen. Vor allem ist es aber auch ein Riesengeschäft. Die neuesten Titel aller Genres werden vorgestellt, es wird mit den Buchhändlern um den Ausstellungsplatz gefeilscht, es werden internationale Rechte und Lizenzen verkauft, und es wird noch so einiges mehr ausverhandelt.

Damit das alles auch gut funktioniert (aber auch um die Bedürfnisse des Buches, des Lesers und des Autors zu stillen), werden viele Podiumsdiskussionen abgehalten, Interviews gegeben, Veranstaltungen organisiert, Radio und Fernsehen sind mit dabei und, was sehr wichtig ist, oft kann man an Ort und Stelle als einfacher Leser seine Lieblingsautoren treffen …

Das Ziel einer Buchmesse

Doch wenn wir ganz, ganz ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass das eigentliche Ziel all dieser Mühen das Produzieren des Bestsellers ist … wenn alles gut geht, eines globalen Kassenschlagers …

Demnächst werden wir uns mit verschiedensten Phänomenen rund ums Buch beschäftigen, z.B. wie ein Buch entsteht, wie man einen nationalen und internationalen Bestseller produziert, wie es dazu kommt, dass ein Buch in vierzig Sprachen übersetzt wird und weder ein moderner Klassiker noch von Goethe, Dostojewski oder Jack London geschrieben worden ist. Es soll erörtert werden, was heutzutage zielgerichtete konzeptuelle Literatur ist, und wir werden das Verhältnis zwischen Autor und Verlag einerseits und Verlag und Buchhändler andererseits beleuchten. Wir wollen auch einen Blick auf den Unterschied zwischen einheimischer und übersetzter Literatur werfen und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Märkte auskundschaften.

Natürlich werden wir auch philosophischen Fragen nachgehen, z.B.: lässt es sich über Geschmack wirklich nicht streiten? Oder anders ausgedrückt: gibt es in der Literatur Schund, und wer liest ihn? Oder nochmals anders gefragt: gibt es objektiv gute Bücher, und wenn ja, welche Kriterien müssen erfüllt sein? Werden E-Books und Audiobooks das physische Buch ablösen so wie die CD die Schallplatte abgelöst hat? Und gibt es überhapt noch Literaturkritik? Wir werden der Frage nachgehen, wann ein zeitgenössisches Werk als moderner Klassiker bezeichnet werden kann, und ob es so etwas überhaupt gibt?

Verlagsinterne Statistiken belegen, dass Frauen viel mehr lesen als Männer. Warum ist das der Fall? Inwiefern ändert sich mit den Jahren die Bedeutung des Buches, oder ist es der Leser, der sich geändert hat?

Das wirklich Interessante ist …

Eines sei dir aber gesagt, lieber Leser: Wir begeben uns auf eine sehr spannende Reise in die Welt des Buches, doch das wirklich Interessante ist, dass wir einen Blick hinter die Kulissen des Buchumschlages erhaschen werden, um besser verstehen zu können, womit wir es eigentlich zu tun haben, wenn wir heute über Bücher reden. Wir werden aber auch Gespräche mit Autoren und anderen interessanten Menschen aus der Welt des Buches führen (auch im Radioformat) und tolle (nicht nur die neuesten) Bücher vorstellen.

Unser Ziel wird sein, auf jede mögliche Weise und über verschiedene Zugänge die Begeisterung für das Lesen zu entfachen. Der heute gängige Charakter des informativen Lesens (lesen kurzer thematischer Artikel im Netz) soll mit dem bildenden ergänzt werden; und zwar durch das Verstehen von Ideen, Kontexten und Inhalten, die das Zeitungs- und Internetformat sprengen. Oder anders ausgedrückt:

Bücher können sehr hilfreich sein, wenn wir ein Thema unserer Wahl wirklich vertiefen wollen, damit wir es dann als Puzzleteil in das Bild des Lebens sinnerfüllt einfügen können. So kann es sich mit unserer Erfahrung verbinden und im richtigen Augenblick zu einem innerem Wissen, vielleicht sogar zur Weisheit, mutieren. Das ist ja eigentlich das Hauptanliegen.

Allerdings gibt es ein Thema, das mich mit den Jahren zusehends stärker beschäftigt: Es handelt sich um die Schnelllebigkeit des Buches.

Die Schnelllebigkeit des Buches

Da besucht man also eine Buchmesse, und man kann an Ort und Stelle die Bücher der Quartale Sommer/Herbst des jeweiligen Jahres und vielleicht noch einige Hits aus dem Vorquartal bewundern. All das, was wir vorhin über den Eindruck des Überwältigt-Seins gesagt haben, bezieht sich demnach auf diese Halbjahresproduktion. Mit anderen Worten: Es erscheinen unvorstellbar viele Bücher. Um uns das gut veranschaulichen zu können, ist es gut, wenn wir konkrete Zahlen vor uns haben:

Im Jahre 2015 sind auf dem deutschsprachigen Büchermarkt 89.506 Bücher erschienen (245 Titel pro Tag). Davon 76.547 Erstauflagen und 12.959 Neuauflagen. (Im Jahr 1985 waren es 57.623 – 45.000 Erstauflagen und 12.623 Neuauflagen). Das ist ja toll, dass so viele Bücher verlegt werden, es zeugt von einem riesen Wissensdurst und Kulturbedarf, könnte man meinen. Denn der Bedarf diktiert den Markt, könnte man argumentieren. Mag ja wohl auch stimmen – in der Theorie …

Schauen wir uns einmal im Zeitraffer einen durchschnittlichen Lebensweg eines Buches an. Es wird geboren, z.B. im Herbst. Alle freuen sich seines neuen Lebens! Vor allem der Autor, dessen „Schwangerschaft“ oft Jahre dauert. Aber auch der Verleger, die Buchhändler, die Presse und die Leser, und alle, die irgendwie damit zusammenhängen. Das Buch gelangt also als fertiges Produkt in die Buchhandlungen (vorausgesetzt es erfüllt überhaupt die Kriterien, bestellt und ausgestellt zu werden), oder man kann es sich ganz einfach über das Internet oder den Verlag beschaffen.

Zeitgleich wird Werbung gemacht, und wenn alles gut läuft, wird man einiges über das Werk in den einschlägigen Zeitungen lesen können (und darüber freut man sich, obwohl es nicht vergleichbar ist mit früher, als die Buchkritik noch keine kurzlebige verdeckte Werbung gewesen ist). Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird das Buch ein Bestseller oder eben nicht. Wenn ja, dann darf es noch einige Quartale leben, und wenn nicht, gerät es innerhalb von wenigen Monaten in Vergessenheit …

Diese Schnellebigkeit ist jedoch schwer mit der Langsamkeit des Mediums Buch in Einklang zu bringen. Ein Buch benötigt ganz einfach seine Zeit – es geht nicht anders. Du musst dich hinsetzen und eine gewisse Stundenanzahl, die von der Komplexität des Werkes abhängt, damit verbringen. Daran führt kein Weg vorbei. Vorausgesetzt du willst es durchlesen. Aus der Verlegerperspektive entspricht ein Buch von 300 Seiten einem 100-minütigen Blockbuster im Kino. Das ist somit der optimale Umfang aus der Preis-Leistungs-Verdienst-Perspektive des Verlegers. Aber viele Bücher sind weitaus umfangreicher: 500, 700 oder 1000 Seiten sind bei weitem keine Seltenheit.

Lieber Leser, ahnst du schon, worauf ich hinaus will? Wie viele Bücher kann ein Bücherfreund im Monat, im Jahr wirklich auslesen? Zwei, drei? Fünf, wenn er sonst nichts zu tun hat? Wie viel Zeit fürs Lesen hat der durchschnittliche, berufstätige Mensch? Für wen ist also dieser unüberschaubare Markt gedacht?

Viele solche Gedanken jagen mir durch den Kopf, wenn ich durch die Messe spaziere, ausgelöst durch die Tatsache, dass keines von den vorjährigen Büchern, den Highlights der Saison, den hochgelobten modernen Klassikern und weltverändernden Sachbüchern auch nur mit einem Wort erwähnt wird. Was ist mit jenen, die vor drei, vier, fünf Jahren erschienen sind? Wie sich wohl die Autoren fühlen, wenn sie jahrelang an einem Buch gearbeitet haben, dessen Schicksal dem einer Eintagsfliege (vielleicht besser dem eines Schmetterlings) gleicht?

Die gut besprochenen und vielversprechenden Bücher und Autoren werden einfach zerkaut und ausgespuckt von den Gesetzen des Marktes, die von anderen Konsumgütern unüberlegt und leichtsinnig auch auf die Bücher übertragen wurden. Handelt es sich um einen gesellschaftlich-kulturellen Anachronismus? Und wenn sich der Stellenwert des Buches am Markt geändert hat, bedeutet das automatisch auch, dass sich die wesentliche Bedeutung des Buches geändert hat?

Dennoch waren auch dieses Jahr vielversprechende Leckerbissen dabei; in diesem Meer lassen sich sehr wohl Perlen finden, aber man muss eintauchen und nach ihnen suchen.

Ich werde mich dem Rhythmus des Buches fügen und euch keineswegs mit Tipps und Empfehlungen bombardieren. Gehen wir es ganz sachte an. Ganz im Sinne des heutigen Themas möchte ich euch ein Buch nahelegen, das mich sehr zum Sinnieren bewegt hat und eine Fülle an anregendem Gedankenmaterial für alle Bücherfreunde bereithält. Es handelt sich um Tim Parks Buch Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen. Es ist im August 2016 beim Verlag Antje Kunstmann erschienen.

Danke für Eure Aufmerksamkeit und – wir lesen uns!

Beitragsbild: Nebojša Barać CC BY-SA 4.0

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2016-11-11-19-32-34 2016-11-11-19-32-34 Nebojsa Barac CC BY-SA 4.0