Wirtschaftsethik

In meinem zweiteiligen Diskurs möchte ich aus philosophisch-wirtschaftlicher Perspektive erläutern, warum in Europa eine Wirtschaftsethik von Nöten ist. Der Anlass dazu ist die weltweite Verschmutzung durch Mikroplastik, die ungerechte Verteilung von Geldern sowie auch die komplette Ignoranz der Politik zu diesen Themen. Im ersten Teil geht es um die Bewusstmachung unseres alltäglichen Handelns in diversen wirtschaftlichen Bereichen.

Die Bewusstmachung

Zu Beginn bin ich gleich mal arrogant und stelle eine Frage an die Leser: Brauchen wir überhaupt eine Wirtschaftsethik?

Ja, wir brauchen eine. Ich gehe sogar einen Schritt weiter und behaupte, wir brauchen eine buddhistische Wirtschaftsethik. Der respektvolle Umgang mit Ressourcen. Einer der bekanntesten Vertreter ist Karl-Heinz Brodbeck.

Buddhismus ist aus meiner Perspektive keine Religion, sondern eher eine Wissenschaft des Geistes. Im Buddhismus gibt es keinen Schöpfergott und auch keine göttliche Offenbarung. Im meditativen Bereich arbeiten sogar Mönche mit Hirnforschern zusammen. Diese messen Hirnfunktionen während einer Meditation, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

In der buddhistischen Wirtschaftsethik geht es in erster Linie um das Bewusstsein. Das Bewusstsein in unserer Umgebung. Das Bewusstsein in unserer Wirtschaft, in der wir leben. Heute ist vielen Menschen nicht mehr bewusst, was genau sie konsumieren. Ein Beispiel dazu sind die Handelsabkommen TTIP und CETA. Wir wissen, die Wirtschaft basiert auf Abhängigkeit. Die heutigen Abhängigkeiten in der Wirtschaft werden vor allem vom Geschäft mit der Angst geprägt. Es entsteht ein sogenannter Teufelskreis:

Angst
Die Maus hat Angst vor einer Katze. Die Katze hat Angst vor einem Hund. Der Hund hat Angst vor seinem Frauchen. Das Frauchen hat Angst vor einer Maus. Somit schließt sich der Teufelskreislauf der angstbasierten Abhängigkeit.

Wenn wir dieses Modell auf einflussreiche Politiker und ihre möglichen Erpresserinnen übersetzen, haben wir eine Antwort darauf, warum freie Handelsabkommen unterzeichnet werden. Alle diese Ängste basieren aus philosophischer Perspektive auf Substanz (= Materialismus).

In der buddhistischen Wirtschaftsethik wird die Abhängigkeit anders interpretiert. Ohne Angst. Jedes Lebewesen ist abhängig von bestimmten Faktoren und den Elementen in seiner Umgebung.

Bienenkreislauf
Die Bienen leben hauptsächlich von Pollen und Nektar. Beim Sammeln der Nahrung bestäuben sie Pflanzen. Dadurch kann Obst und Gemüse wachsen und reifen. Der gesammelte Nektar wird von den Bienen zu Honig verarbeitet. Der Überschuss an Honig wird vom Menschen geerntet. Und der Kreislauf beginnt von vorne.

Abhängigkeiten können anhand eines Bienenzuchtmodells beschrieben werden. In den Erntemonaten wird immer wieder in den Nachrichten auf das Bienensterben hingewiesen. Wer ist dafür verantwortlich? Wir, also wir Menschen. Wenn es keine Bienen mehr gibt, gibt es keine Blumen mehr, keine Bäume und keinen Honig. Das Fazit für die Kapitalwirtschaft: keine Natur, keine Einnahmequellen für den Mensch. Kein Geld.

Die Geldgier hat insofern durchaus ‚objektive‘ Gründe. Geld ist nicht einfach ein klug erfundenes Tauschmittel. Als Vergesellschaftungsform auf der Grundlage von Nichtwissen über die gegenseitige Abhängigkeit wird das Geld privat angeeignet, als Wert ergriffen und festgehalten. Der unaufhörliche Wandel, Ausdruck einer nicht substanziellen Wirtschaftswelt, erzeugt permanent Ungewissheit und damit das Streben nach Sicherheit.
Man hält im fiktiven Geldwert etwas fest, was unhaltbar ist, weil Geld seine Funktion nur erfüllt, wenn es zirkuliert. Zudem ist das Geld eine Marktzutrittsschranke: Nur der Geldbesitzer kann Käufer werden. Daraus erwächst die Tendenz, immer erneut nach Geldbesitz zu streben, will man an der Geldgesellschaft teilhaben. Dieser objektive Zwang des Strebens nach Geld wird zur Gewohnheit, schließlich zum Streben nach Maximierung des Geldbesitzes, um den Marktzutritt sicherzustellen.
Und mehr Geldbesitz verleiht dem Ego vermeintlich größere Sicherheit. Diese Gewohnheit des leeren Strebens nach mehr Geld wurde im Laufe der Jahrtausende im Zins und im Kredit auch zu einer sozialen Institution.

aus: „Grundlagen der buddhistischen Wirtschaftsethik“, Karl-Heinz Brodbeck, Erschienen in: Forum Wirtschaftsethik 18, 1 (2010), S. 40-47

Geld wird meistens als Verursacher der drei buddhistischen Geistesgifte gesehen. Diese drei Geistesgifte im Buddhismus sind Unwissenheit, Gier und Hass. Hierzu einige Beispiele aus dem Alltag:

Unwissenheit

Der Nachbar schreit, plärrt, schneidet Grimassen und macht komische Handbewegungen. Ich rufe die Polizei und will ihn wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses anzeigen. Warum? Ich fühlte mich von ihm bedroht. Ich wusste nicht, das er gehörlos ist und mit seiner Frau in Gebärdensprache geredet hat, die einen Stock unter mir wohnt.

Heilmittel: Weisheit

Gier

Der Nachbar klopft bei mir an der Tür und bittet mich um etwas zum Essen. Ich habe heute zufälligerweise zu viel gekocht und weise trotzdem den Nachbar freundlicherweise ab. Das ist mein Essen, ich habe es erarbeitet und mit viel Mühe zubereitet. Warum sollen andere von mir profitieren? Das überschüssige Essen werfe ich nachher weg.

Heilmittel: Großzügigkeit

Hass

Der Nachbar kauft sich einen Neuwagen. Ich bin neidisch. Warum? Wir leben in einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft. Je größer und schneller das Auto ist, desto erfolgreicher und angesehener in der Gesellschaft werde ich sein. Bewertet werden wir nach der Substanz, also dem Material, dass wir besitzen oder mit uns hin und her schleppen. Ein teurer Sportwagen, ein Diamantring oder ein aufgetragener Geruch auf dem Körper.

Heilmittel: Güte

Diese drei Geistesgifte werden in Europa vor allem durch den Kapitalismus in den menschlichen Körper injiziert. Der Kapitalismus funktioniert nur in einer Klassengesellschaft mittels eines kybernetischen Punktesystems. In einem Punktesystem geht es darum, dass man so viele Punkte wie möglich ergattert, um zum Gewinner des Wettbewerbs zu werden. Geld alleine macht nicht glücklich, du kannst es immer weniger angreifen und essen schon gar nicht. Hierzu verweise ich auf ein Paradebeispiel: die Geschichte von König Midas.

Das Geld ist eine Illusion des Wertes und eine Illusion der Bedürfnisse. Somit fällt die Annahme, wer reich sei, sei auch glücklich, ins Wasser. In Europa ist es sehr schwer, eine Wirtschaftsethik durchzusetzen, aber Österreich ist einer der Vorreiter in diesem Bereich. Dies werde ich im nächsten Teil „Der Weg der Änderung“ näher erläutern.


Credits

Image Title Autor License
Wirtschaftsethik Wirtschaftsethik Patryk Kopaczynski CC BY-SA 4.0
Angst Angst Patryk Kopaczynski CC BY-SA 4.0
Bienenkreislauf Bienenkreislauf Patryk Kopaczynski CC BY-SA 4.0
Etymologie "Buddha" Etymologie „Buddha“ Wikipedia CC-by-sa-3.0
Wirtschaft Wirtschaft Wikipedia abgekürzt CC-by-sa-3.0
Ethik Ethik Wikipedia CC-by-sa-3.0

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