Das Zeitalter der Polarisierung ist zurück

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In den USA gibt es Schwerverletzte, wenn der umstrittene Präsidentschaftskandidat Donald Trump auftritt. Schwarz kämpft gegen Weiß im Zuge der Diskussion über Polizeigewalt – es gibt Tote auf beiden Seiten. In Brasilien wird man verprügelt, wenn man ein rotes Shirt (die Farbe der Arbeiterpartei) trägt. In Polen gehen Hunderttausende gegen die dortige Regierung auf die Straße. In der Türkei müssen sich die liberalen Kräfte verstecken und Erdogans Sympathisanten die Straße überlassen. Auf den Philippinen gibt es zehn Tote bei den Präsidentschaftswahlen. In Großbritannien wählen die Alten für den BREXIT, während die Jungen in der EU bleiben wollen – dies aber ungenügend an der Wahlurne zum Ausdruck gebracht haben. In ganz Europa spaltet die Flüchtlingsfrage die Gesellschaft. Und selbst im sonst so besonnenen Österreich war die Stimmung im Bundespräsidentschaftswahlkampf so aufgeheizt wie selten, vor allem in den sozialen Medien.

Woher kommt dieser Trend? Wer ist daran Schuld? Ist es die Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter aufgeht, trotz aller Versprechungen der Verantwortlichen? Sind es die Politiker und Parteien, die sich in der Koalitionsarbeit mehr darüber freuen, was sie dem jeweiligen Partner vermiesen konnten, als was sie für das Land umgesetzt haben? Oder sind es die wirtschaftlichen Entwicklungen inklusive Globalisierung, die viele Menschen als (gefühlte oder echte) Verlierer zurücklassen? Sind es die Populisten, die in immer größerer Zahl mit immer ausufernderer Rhetorik Wahlerfolge einfahren? Oder die Medien, die immer schon wussten, daß sich negative und polarisierende Nachrichten viel besser in Geld ummünzen lassen, als positive – und daß Dancing Stars und Bauer sucht Frau weit höhere Einschaltquoten haben, als Precht oder Gültige Stimme? Oder hat die Mehrheit der Menschen einfach wieder Lust auf eine gepflogene Wirtshausrauferei?

Es ist wohl eine Kombination aus allem. Zu beobachten ist jedenfalls, daß die Polarisierung der Gesellschaft auf vielen Ebenen voranschreitet und eine längere Nachdenkphase über die zweifellos großen Probleme, vor denen wir heute stehen, verunmöglicht. Die Politik hetzt – getrieben von Krisen und globalen Wirtschaftsinteressen – von einer akuten Löschaktion zur nächsten. Manch ein Regierungschef versucht, sich rechtzeitig zu verstecken, um nicht dann, wenn Rettungsversuche scheitern, dafür Verantwortung übernehmen zu müssen – und um später auf diejenigen, die Verantwortung übernommen haben, mit dem anklagenden Finger zeigen zu können. Es bleibt kaum Zeit, Visionen zu entwickeln. Visionen, die vor allem in einer Zeit, in der viele Menschen berechtigte Angst davor haben, daß die Zukunft nicht mehr so rosig aussieht wie die letzten Jahrzehnte, wichtig wären. Dies wiederum spielt den Populisten in die Hände, die mit mehr oder weniger Unterstützung der Medien ihre einfachen Lösungen in die Welt tragen. Daß diese Rezepte langfristig keine Verbesserungen bringen, scheint nicht so wichtig zu sein. Hauptsache jemand spricht die Meinung des „kleinen Mannes“ aus, möglichst mit vielen markigen Verstößen gegen angeblich gutmenschlich diktierte Werte wie Sitte und Anstand. Die oftmals wortgewaltigen Antworten der Gegenseite verwenden althergebrachte Stereotypen (rechtsextrem, xenophob, intolerant) und erfolgen meist reflexartig bei bestimmten Begriffen, ohne über die Aussage selbst nachzudenken. Rationale Stimmen gehen in dieser von vielen beklatschten Kakophonie meist unter.

In der täglichen Manipulation der Wahrheit durch Medien, Politiker und sogenannte Experten ist es schwierig, den richtigen Weg zu erkennen. Nicht jeder hat neben Job und Familie die Zeit, sich umfassend zu informieren. Was jedoch jeder einzelne tun kann: kühlen Kopf bewahren. Emotionen sind im Fußballstadion und in der Liebe am richtigen Platz, bei gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen führen sie aber fast immer zu Fehlanalysen und -reaktionen.

Nicht umsonst sagt man, daß der Krieg der Worte dem Krieg der Waffen den Boden bereitet.  Die Vorgeschichte zum ersten Weltkrieg und die wichtige Rolle der Medien sollte jedem eine Warnung sein. Es wäre gut, wenn sich Verantwortliche wie Normalbürger baldigst wieder auf den Weg der gepflogenen Diskussion begeben. Das mag zwar für die Medien langweilig sein, bietet in der Konsequenz aber immer noch die besten Chancen auf ein friedliches Miteinander und akzeptable Lösungen.

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