Der Roza-Bal-Schrein in Kaschmir: Das Grab Jesu oder nur ein Mythos?

Rozabal

Der Staat Jammu und Kaschmir (J&K), auch als „Himmel auf Erden“ oder „die Schweiz Indiens“ bezeichnet, befindet sich im äußersten Norden Indiens und wird begrenzt von der „Line of Control“ (der militärischen Kontrolllinie zwischen den von Indien und Pakistan kontrollierten Teilen von Jammu und Kaschmir) im Westen und China im Norden und Osten.

Heute befindet sich der größere Teil von Kaschmir in Indien und Pakistan und ein kleinerer in China, der Staat hat aber einen speziellen Autonomiestatus. Bald nach der Teilung in die unabhängigen Länder Indien und Pakistan im Jahr 1947 begannen politische Konflikte in Pakistan, die bis heute andauern.

J&K ist in drei Distrikte aufgeteilt: Ladakh, Jammu und das Kaschmir-Tal. Ladakh (das „kleine Tibet“) ist ein überwiegend buddhistisches Gebiet, Jammu und das Kaschmirtal sind überwiegend muslimisch. J&K ist auch der einzige Staat in Indien mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung (nach dem Zensus von 2014 sind 97,16 % der Bevölkerung muslimischen Glaubens).

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Eine Karte von Kaschmir, die die drei voneinander getrennten Teile zeigt: Der nördliche Abschnitt gehört zu Pakistan, J&K gehört zu Indien und Aksai zu China.

Ich reiste im September letzten Jahres nach Ladakh und verliebte mich absolut in diese Region; die Natur, die Menschen, die Atmosphäre – alles dort war einfach faszinierend (hier könnt ihr mehr über meine Reise lesen).

Während meiner Zeit in Ladakh wollte ich auch das Kaschmirtal besuchen, um zu sehen, ob die Region ihren Beinamen „Himmel auf Erden“ verdient. Aufgrund der politischen Konflikte in diesem Gebiet war die Straße von Leh (der Hauptstadt von Ladakh) nach Srinagar zu dieser Zeit jedoch nicht sicher. Die Situation war so sensibel, dass uns alle von dieser Fahrt abrieten. Wir folgten diesem Rat, und ich sagte zu mir selbst, dass ich zurückkehren würde, sobald sich die Lage beruhigt hat …

Im Februar dieses Jahres stabilisierte sich die Lage in Kaschmir endlich, und sobald wir davon erfuhren, buchten wir einen Flug nach Srinagar. Das war unsere Chance! Neben der landschaftlichen Schönheit Kaschmirs war es ein bestimmter Ort, der mich dort ganz besonders interessierte: der Roza-Bal-Schrein („Roza“ ist ein persisches Wort, das „heilig“ bedeutet, und „Bal“ ist der kaschmirische Ausdruck für einen Schrein).

Roza Bal ist ein Schrein im alten Teil Srinagars. Er ist das Grab von Yus Asaf, der in Kaschmir als Heiliger verehrt wird. Doch es wird vermutet, dass Yus Asaf kein anderer war als Jesus Christus, der angeblich im Alter von 120 Jahren dort starb, nachdem er zuvor viele Jahre in Kaschmir gelebt und gepredigt hatte.

Einheimische, die in der Nähe des Schreines leben (sunnitische Muslime, die größte islamische Gruppe) sind dennoch der festen Überzeugung, dass Yus Asaf ein muslimischer Heiliger war und nicht Jesus Christus.

Diese Angelegenheit ist äußerst kontrovers. Alles begann im späten 19. Jahrhundert, als Mirza Ghulam Ahmad, der Gründer der islamischen Ahmadiyya-Sekte, das in der Sprache Urdu abgefasste Buch „Christus in Indien“ veröffentlichte, nachdem er den Schrein eingehend untersucht hatte. Seitdem sind die Anhänger der Ahmadiyya-Bewegung davon überzeugt, dass Jesus nicht bei der Kreuzigung starb – sie glauben, er habe nur einige Stunden am Kreuz gehangen, ein Tod bei einer Kreuzigung würde aber normalerweise Tage dauern. Er habe die Kreuzigung also überlebt und sei auf der ehemaligen Seidenstraße, die Europa mit Asien verband, nach Indien gereist, um der Verfolgung zu entkommen.

Seine Mutter Maria habe ihn begleitet, sei aber während der Reise gestorben. Ihr Grab soll sich in der Stadt Murree befinden, die nach ihr benannt wurde und heute in Pakistan liegt. Der Ort, an dem sie begraben sein soll, heißt „Mai Mari da Asthan“, was nichts anderes bedeutet als „Ruhestätte der Mutter Maria“.

Ein weiterer möglicher Grund für Jesus, sich in Kaschmir niederzulassen, könnte die Suche nach den „Verlorenen Stämmen Israels“ gewesen sein: 10 der 12 jüdischen Stämmen sollen um 700 vor Christus aus Israel ausgewandert sein, und es wird angenommen, dass sich viele von ihnen entlang der Seidenstraße niederließen, etwa in Afghanistan oder in Kaschmir.

Ein interessantes Detail ist, dass im Dorf Gultibagh, rund 50 Kilometer von Srinagar entfernt, tatsächlich ein solcher verlorener jüdischer Stamm lebt.

Die Bewohner Gultibaghs kamen von der afghanischen Seite und sprechen noch immer die Pastorensprache („Pastor“ leitet sich in diesem Fall vom lateinischen Wort für Schäfer ab). Sie sagen von sich selbst, dass sie etwas Besonderes seien, nämlich originale Juden aus Palästina. Sie sind als die „verlorenen Schafe Israels“ bekannt und nennen sich auch selbst so. Das Oberhaupt des Dorfes sagt, dass Kultur, Tradition, Essen, Lebensstil, äußere Erscheinung und sogar die Sprache anders sei als bei den übrigen Bewohnern Kaschmirs.

Kann das wirklich wahr sein? Ich würde dieses Dorf so gerne besuchen und mir das alles selbst ansehen, und ich hoffe sehr, dass die politische Situation eines Tages stabil genug sein wird, um eine Reise dorthin zu ermöglichen.

Warten wir mal ab …

Bei weiteren Recherchen zu diesem Thema fand ich heraus, dass Jesus möglicherweise schon vor seiner Kreuzigung nach Indien gekommen ist, nämlich während seiner „unbekannten Jahre“ im Alter zwischen 13 und 28. Diese Theorie von einer Reise Jesu nach Indien wurde zuerst von Nicholas Notovitch aufgestellt, einem russischen Reisenden, der Kaschmir 1887 besuchte und 1894 sein Buch „La vie inconnue de Jésus-Christ“  veröffentlichte (das später unter dem Titel „Die Lücke im Leben Jesu“ auf Deutsch erschien).

Während seiner Zeit in Kaschmir besuchte Notovitch das Hemis-Kloster in Ladakh, wo er wegen eines gebrochenen Beines einen Zwangsaufenthalt von eineinhalb Monate hatte. Während dieser Zeit tauschte er sich viel mit den Mönchen aus, und schließlich zeigte ihm der Lama (der leitende Mönch) einige sehr alte handgeschriebene Manuskripte mit dem Titel „Das Leben des heiligen Issa“ (Issa ist der tibetische Name Jesu, und Hazrat Isa oder Isa ist der Name für Jesus im Koran). Die Texte waren eine tibetische Übersetzung originaler Pali-Texte, die sich noch immer im Kloster von Marbour nahe Lhasa in Tibet befinden sollen, und sie enthüllen die „verlorenen Jahre von Jesus Christus“ zwischen dem Alter von 13 und 28, über die in der Bibel nichts zu finden ist.

In diesen alten Manuskripten wird behauptet, Jesus habe Bethlehem im Alter von 13 Jahren mit einer Handelskarawane verlassen und sei auf der Seidenstraße nach Osten gereist, um die Lehren des großen Buddha zu studieren.

Er sei zunächst nach Punjab und dann nach Rajasthan im Norden Indiens gelangt, wo er sich einige Zeit mit dem Jainismus beschäftigte (eine alte indische Religion, die auf den drei Prinzipien der Ablehnung von Gewalt, von Besitzdenken und von Absolutismus beruht). Danach habe er sich weiter nach Osten begeben, wo er die Weisheiten der Veden studierte (die ältesten hinduistischen Schriften, eingeteilt in vier Bücher, die große Wissensbereiche abdecken), bis er schließlich im Magadha-Reich ankam (zu dieser Zeit das Reich, in dem Buddha geboren wurde und aufgewachsen war). Jesus habe dort einige esoterische Schulen besucht und wurde vertraut mit den Lehren Buddhas. Schließlich habe er sich in die heilige Stadt Varanasi begeben, wo er einige Jahre lang lebte.

Nach den Angaben der Hemis-Manuskripte reiste Jesus weiter nach Nepal, Tibet und Ladakh und kehrte dann in seine Heimat zurück. Während seiner Reise wurde er durch die Lehren der Veden aus den alten hinduistischen Schriften beeinflusst; er lernte von den Buddhisten Prinzipien wie richtiges Verstehen, richtiges Sprechen, richtiges Handeln und Friedfertigkeit – dort als „Edler Achtfacher Pfad“ bezeichnet – und gab diese an seine eigenen Schüler weiter, als er mit 29 Jahren heimkehrte.

Notovitch wurde nach der Veröffentlichung seines Buches von vielen Menschen als Lügner bezeichnet; ihm wurde vorgeworfen, er habe die gesamte Geschichte über die verlorenen Jahre Jesu einfach erfunden, um Geld zu machen.

Er wurde in Europa völlig diskreditiert, aber in Indien fand er eine gewisse Anerkennung durch Swami Abhedananda (ein Swami ist ein religiöser Lehrer). Dieser besuchte das Hemis-Kloster 1922, um Notovitchs Report zu überprüfen. Bei seiner Ankunft bestätigten die Mönche dem Swami, dass Notovitch bei ihnen gewesen sei, und zeigten ihm einige weitere Texte aus dem alten Manuskript „Das Leben des heiligen Issa“, die sie für ihn übersetzten.

Wie denkt ihr darüber? Weiß die Bibel nichts über das Leben Jesu im Alter zwischen 13 und 28, weil er sich tatsächlich im Osten aufhielt, um mit Buddhisten zu studieren? Ist es wirklich vorstellbar, dass die ganze Wahrheit in diesen alten Manuskripten geschrieben steht, die in Tibet aufbewahrt werden? Wie viele Monate müsste er gereist sein angesichts der Tatsache, dass die Entfernung von Bethlehem nach Indien mindestens 3.845 Kilometer beträgt? Mit welchen Schwierigkeiten muss er konfrontiert worden sein? Zu dieser Zeit gab es verschiedenste Reiche – wäre es „einfach“ gewesen, sie alle zu durchreisen, wo es selbst heute noch oft schwierig ist, von einem Land ins andere zu gelangen?

Ich persönlich halte es für ein Mysterium, dass die Bibel nichts über die sogenannten verlorenen Jahre Jesu weiß; könnte es also wirklich sein, dass Jesus nach Indien gereist ist, um mit Buddhisten und Jainisten zu lernen, von ihnen mehr und anderes Wissen zu erlangen, um dann bei seiner Rückkehr nach Bethlehem mit dem Predigen zu beginnen?

Über die Jahre hat der Roza-Bal-Schrein eine zunehmende Aufmerksamkeit erfahren, viele Untersuchungen haben sich mit ihm befasst und sehr interessante Entdeckungen ergeben: So ist das Grab in Ost-West-Richtung ausgerichtet und nicht in Richtung Nord-Süd, wie es bei muslimischen Gräbern üblich ist; im Schrein sind Fußabdrücke in den Fels gemeißelt, die Füße mit tiefen Wundmalen zeigen wie von einer Kreuzigung. Wenn Yus Asaf wirklich ein muslimischer Prophet war, warum richtete man sein Grab nicht auf einer Nord-Süd-Achse aus? Und ist es nicht seltsam, dass die Gravuren der Füße im Fels Wunden zeigen, die durch eine Kreuzigung zugefügt worden sein könnten, genau wie bei Jesus?

Dr. Fida Hassnain, ein Archäologe, Schriftsteller und Professor aus Kaschmir, hat den Schrein mehrmals besucht, und er behauptet, er habe auch einen Rosenkranz auf dem Grab gefunden. Er und die amerikanische Autorin Suzanne Olsson, die das Buch „Jesus in Kashmir and The Lost Tomb“ geschrieben hat, haben eine immense Zeit damit verbracht, den Schrein zu studieren. Sie sagen, dass Roza Bal von der UNESCO oder der indischen Regierung geschützt werden müsse, weil es eine Stätte von nationaler Bedeutung sei, die für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollte. Sie haben versucht, einen DNA-Test mit Material aus dem Grab durchzuführen, doch diese Mission war bis heute nicht erfolgreich.

Warum stellen sich die lokalen Behörden so dagegen, warum haben sie den Schrein für alle Besucher geschlossen? Doch zuletzt die wichtigste Frage von allen: Wer war der Prophet Yus Asaf wirklich?

Viele historische Texte in Sanskrit, in buddhistischen, arabischen und persischen Sprachen zeigen, dass Yus Asaf ein anderer Name für Jesus ist. Tatsächlich wird der Name Yus Asaf in zwei großen antiken Büchern, die in der Sprache Urdu abgefasst wurden, erwähnt. Dort heißt es, dass Yuz „Führer“ bedeutet und Asaf „gereinigt“ oder „geheilt“, also so viel wie „Führer der Geheilten“, weil Jesus auf seinem Weg viele Menschen, die an Lepra litten, geheilt habe. Eine andere Bezeichnung für Yus Asaf in verschiedenen Büchern ist „Sohn des Josef“.

Was glaubt ihr – ist das wirklich das Grab Jesu oder nur ein Mythos? Reiste Jesus nach Indien in seinen „verlorenen Jahren“? Und wenn das wahr wäre, welche Auswirkungen hätte das auf die katholische Kirche?

(Wer mehr über das Thema wissen möchte, kann den durch die indische Regierung herausgegebenen Film Jesus in Kashmir ansehen.)

In den Tagen vor meiner Reise nach Srinagar habe ich viel über die politische Situation gelesen und fast jeden Tag die Nachrichten überprüft, um zu sehen, wie die momentane Situation dort ist, da ich den einen oder anderen Zweifel wegen dieser Reise habe. Am Tag vor der Abreise lese ich noch einmal die Nachrichten, und ich muss zugeben, dass ich überhaupt kein gutes Gefühl habe. Es fühlt sich irgendwie an, als ob ich mich in ein Kriegsgebiet begeben würde, aber ich mache mir selbst klar, dass sich dieser Konflikt nur zwischen dem Militär und den Rebellen abspielt und dort noch nie einem Touristen etwas zugestoßen ist.

Wir fliegen an einem Freitag von Delhi aus, und Freitag ist normalerweise der Tag, an dem es Konflikte zwischen den Protestierenden und den Soldaten gibt. An diesem Freitag wurde aber glücklicherweise berichtet, dass es keine Proteste geben würde.

Bis bald in Kaschmir …

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

Image Title Autor License
Kashmir_map Kashmir_map Planemad CC BY-SA 3.0
Rozabal Rozabal Cacahuate CC BY-SA 3.0

Diskussion (2 Kommentare)

  1. War vor 27 Jahren in Hemis Gompa und Srinagar und habe auch den Rozabal besucht.
    Was für ein schönes Land!

    1. Es ist echt ein wunderschönes Land, vor allem Ladakh hat mich stark beeindruckt.