Die Kunst der Demokratie – Noll, Stemberger, Brosda

Veranstaltungsdaten

Datum
20. 1. 2021
Veranstalter
BSA Döbling
Veranstaltungsart
Online-Diskussion

Welche Bedeutung haben Kunst und Kultur für eine offene Gesellschaft? Nach einer kurzen Einleitung des Direktors des BSA, Dr. Andreas Mailath-Pokorny, versuchen der Hamburger Senator Dr. Carsten Brosda, der Rechtsanwalt Dr. Alfred Noll und die Schauspielerin Katharina Stemberger Antworten auf diese und viele weitere Fragen zu finden.

Laut Dr. Carsten Brosda, dessen neues Buch titelgebend für diese Onlineveranstaltung ist, folgen die demokratischen Gesellschaften zu sehr der hegelschen Geschichtsbetrachtung: etwas einmal Erreichtes geht nie mehr verloren. Dies habe sich historisch mehrfach als falsch erwiesen. Es gibt keine Konstanten; Gesellschaften müssen sich spätestens seit der Aufklärung regelmäßig über die Regeln des Zusammenlebens austauschen und ihre Grundwerte verteidigen. Wahrheit kann nicht bedeuten, dass sich in einer Kakophonie von egoistischen Standpunkten derjenige mit der größeren Lautstärke durchsetzt und somit recht hat – wie dies seit Trump immer öfter passiert.

Der Leiter der Ö1-Gespräche Die Kunst der Demokratie – die Demokratie als Kunst, Dr. Alfred Noll, meint, dass sich die der SPÖ zugrunde liegende Arbeiterbewegung immer auch als Kulturbewegung verstanden hat. Ihre politischen Ziele waren eng mit den (auch kulturellen) Lebenswelten der Menschen verbunden. Diese Wurzeln hat die Sozialdemokratie teils aus eigener Schuld, teils aus Anpassung an marktkonformes Verhalten verloren. Heute wird zu wenig darauf geachtet, was die Leute bewegt; und es werde auch zu wenig an einem Gegenmodell zum offensichtlich erfolgreichen Narrativ der konservativen sowie der rechtspopulistischen Seite gearbeitet.

Das Versprechen der Digitalisierung, sie würde die Menschen näherbringen, da sie jederzeit erreichbar sind, hat sich nicht erfüllt, meint die Kunstprofessorin Katharina Stemberger. Die Vereinsamung/Vereinzelung, das Fehlen von Austausch mit anderen Menschen, führt auch dazu, dass gesellschaftliche Fragen immer weniger diskutiert werden. Hinzu kommt, dass man sich daheim zwar viele Informationen über das Internet holen kann, aber niemand da ist, mit dem man diese besprechen kann, und der einem hilft, die Zusammenhänge in den richtigen Rahmen zu setzen. Dies verstärkt diverse Verschwörungstheorien, die gerade eine Hochzeit erleben.

Die vor allem durch die Technologisierung vorangetriebene Singularisierung der Gesellschaft, also dass jeder Mensch sich über die Partizipation an sozialen Medien aus der Gesellschaft heraus erheben kann, führt bei vielen, die dies gar nicht wollen, sondern nur ein ruhiges Leben führen wollen, zu Abwehrreaktionen. Diesen Menschen wurde früher von der Sozialdemokratie ein solidarisches Angebot gemacht. Das Versprechen „Aufstieg durch Bildung“ ist mittlerweile zu einem normativen Zwang (des Marktes) verkommen. Der Respekt für das ruhige Leben sei vollkommen abhandengekommen, so Brosda. Kunst hätte die Aufgabe, uns aus unseren Routinen heraus zu reißen, um uns den Blick zu eröffnen, was gerade schiefläuft; oder sie gibt einem (zB im Rahmen eines Theaterbesuches) Antworten auf Fragen, von denen man noch gar nicht wusste, dass man sie sich schon länger gestellt hatte. Diese Erkenntnis würde man gerne mit anderen Menschen teilen, um auch deren Sicht zu erfahren. Die sich daraus entwickelnde Diskussion ist gleichzeitig die Grundlage demokratischen Handelns.

Kunst ist dann erfolgreich, wenn der Funke auf das Publikum überspringt. Bei jedem Menschen funktioniert Kunst dahingehend etwas anders. Diese gemeinsame Erfahrung und Berührung ist der kulturelle Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, so Stemberger. Von politischer Kunst hält sie nichts. Das Problem der Sozialdemokratie ist, dass sie die Geschichte des Zusammenhalts nicht mehr erzählen kann. Und dass, obwohl sich die Menschen, egal welcher politischen Richtung sie angehören (sie bringt das Beispiel eines Gesprächs mit einem Trumpanhänger) so danach sehnen.

Wie auch der Rest der Gesellschaft so lebt auch die Kunst im Kapitalismus; Kunst muss sich (monetär) messen lassen. Es ist kein Zufall, welche Kunst erfolgreich ist, und welche nicht, mein Noll. Kultur muss, ebenso wie die Wissenschaft, möglichst frei von Politik gehalten werden – einerseits um Letztere kritisieren zu können, aber auch, um von den Menschen in ihrer Wertfreiheit akzeptiert zu werden.

Diese und viele weitere Themen rund um Kunst, Kultur, Solidarität und Sozialdemokratie finden Eingang in diese herausragende Diskussion.

Credits

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Die Kunst der Demokratie Wolfgang Müller 1