Draupadi: eine Feministin

Titelbild-Draupadi

In diesem Artikel möchte ich euch eine bemerkenswerte und enorm interessante weibliche Figur aus einem der größten Literaturwerke aller Zeiten vorstellen, dem Mahabharata. Ihr Name ist Draupadi, und sie ist in diesem herausragenden Epos die Frau der fünf Pandava-Prinzen.

In meinem früheren Artikel gab ich einen kurzen Blick auf die Neigung der meisten Inder – und insbesondere der Traditionalisten unter ihnen -, die Figur der Sita gegenüber Draupadi zu bevorzugen aufgrund ihres folgsamen Charakters. In diesem Artikel werden die Gründe für diese Bevorzugung verständlich gemacht.

Das Mahabharata wird entsprechend der westlichen Auffassung von Literatur als ein Epos angesehen. In der indischen Tradition wird es dagegen als eine große historische Erzählung betrachtet, als eine Erzählung über Personen, die während einer bestimmten Zeit tatsächlich gelebt haben. Und interessanterweise wird jede Figur des Mahabharatas mit ihren ganz bestimmten Schwächen dargestellt, keine Figur in dieser legendären Erzählung ist ausschließlich gut oder ausschließlich böse.

Das Mahabharata ist eine komplex geknüpfte Saga von einem blutigen Krieg und edlen Gedanken, von Rache und Reue, unglaublichem Mut und Feigheit, List und Prinzipien, alles aufzehrendem Hass und feuriger Liebe – und ganz besonders von sich stets abwechselnden Siegen und Niederlagen. Die Figur der Draupadi wird während ihres Aufstiegs unablässig geformt durch all diese emotionalen Achterbahnfahrten und widrigen Situationen.

Draupadi tritt ähnlich wie Athene aus einem Feueraltar hervor, der in der indischen Tradition yajna genannt wird, als erwachsene und extrem schöne Frau. Es heißt, ihre Schönheit verzauberte sämtliche Männer, da sie die aller anderen Frauen übertraf. Sie war die Adoptivtochter von König Drupada und wurde verheiratet mit Arjuna (dem dritten der Pandava-Brüder) in einem Svayamvara; das ist ein Wettstreit, in dem der geeignetste Mann die Prinzessin heiratet, nachdem er seinen Mut durch einige außergewöhnliche Heldentaten bewiesen hat.

Obwohl Arjuna den Wettbewerb gewann, wurde Draupadi mit allen fünf der Pandava-Brüder verheiratet. Ja, Draupadi musste ein polyandrisches Arrangement eingehen, obwohl sie sich während des Svayamvara in Arjuna verliebt hatte. Die Geschichten des Mahabharatas sind kompliziert mit dem Leben aller Inder verwoben, ganz unabhängig von deren Religion. Ich glaube, dass nahezu jeder Inder die Erzählung des Mahabharatas zumindest in groben Zügen kennt, wenn auch nicht in allen Details. Interessant und überraschend ist, dass dieses polyandrische Arrangement niemals verachtet oder in Frage gestellt wurde von einer Gesellschaft, die stets bereit ist, die weibliche Sexualität anzugreifen.

Draupadi begab sich nicht aus eigenem Willen in diese Konstellation, sie wurde ihr vom Schicksal beschert. Es war der Wille von Kunti (Pandavas Mutter), aber auch eine zweckdienliche Entscheidung in Anbetracht der Tatsache, dass ein Streit unter den fünf Brüdern über den Besitz Draupadis nicht ausgeschlossen werden konnte. Darüber hinaus wurde es zu dieser Zeit den Regeln der Veden entsprechend als Sünde angesehen, wenn ein jüngerer Bruder vor seinem älteren Bruder heiratete.

Wie auch immer, diese Logik könnte der Hintergrund gewesen sein. Doch wir haben es mit einer mutigen, aber rechtschaffenen Frau zu tun, die die Polyandrie akzeptiert und es mit Geschick und Hingabe schafft, die Balance zwischen ihren fünf Ehemännern zu wahren.

Obwohl Draupadi die Enthaltsamkeit, die von einer guten Ehefrau erwartet wurde, einhielt, war sie in keinerlei Hinsicht eine konventionelle Ehefrau.

Bemerkenswert an ihr sind ihre Furchtlosigkeit und ihre Entschlossenheit, sich für die richtige Sache jedem entgegenzustellen. Die Zeit, in der sie lebte, verlangte von Frauen unbedingte Unterwerfung unter ihren Ehemann; es gab kaum eine Möglichkeit für eine Frau, den Willen oder die Entscheidungen ihres Ehemannes in Frage zu stellen oder gar abzulehnen. Doch Draupadi war eine standhafte Frau, die aussprach, was sie dachte, in einem Zeitalter, in dem Frauen normalerweise in stillem Leid verharrten anstatt ihre Meinung auszusprechen. Doch sie sagte nicht nur ihre Meinung, sie zog auch ihre Ehemänner ebenso wie andere Männer für Ungerechtigkeiten und falsche Taten zur Rechenschaft. Ihr Mut und ihr Selbstvertrauen waren das Ergebnis ihrer Bildung. In dieser Ära war Bildung für eine Frau aber nicht nur ein Luxus, sondern etwas Unerhörtes.

Die interessanteste Episode, die Draupadis voll entwickelten Charakter als Feministin deutlich macht, spielt sich während des berühmten, aber folgenlosen Würfelspiels zwischen ihrem Ehemann Yudhisthira und den Kauravas ab. Während dieses Spiels wettete ihr Mann um sie und verlor. Einer der Kauravas zerrte sie daraufhin in die versammelte Gesellschaft und begann, ihr die Kleider vom Leib zu reißen. Es heißt, dass ihre Ehre durch eine übernatürliche Intervention gerettet wurde.

Doch Draupadi ergab sich der abscheulichen Demütigung, die sie in dieser Versammlung erlitt, nicht. Stattdessen machte sie ihrer Wut und ihrer Enttäuschung über ihren Ehemann und die älteren Männer in der Gesellschaft Luft, indem sie deren Wissen von ehrenhaftem und respektvollem Verhalten in Frage stellte. Sie bat nicht um Hilfe, sondern kämpfte für ihre Rechte, als ihr geknechteter Ehemann sie in einem Würfelspiel verlor und nichts tun konnte, um sie vor einem Missbrauch zu bewahren.

Es verdient Anerkennung, dass sie für sich selbst aufstand und sich gegen die von Männern ausgeübten Ungerechtigkeiten aussprach vor einem Gericht, dem die mächtigsten Könige dieser Zeit vorstanden. Sie wurde zusammen mit ihren Ehemännern von den Kauravas für vierzehn Jahre ins Exil geschickt. Während all dieser Jahre im Exil drängte sie ihre Ehemänner, sich wie Krieger zu verhalten und Rache an den Kauravas zu nehmen. Sie vergab den Tätern nie und wartete lange auf eine ausgleichende Gerechtigkeit.

Eine solche Einstellung war zu dieser Zeit ungewöhnlich für eine Frau. Sie war eine Radikale, die sich weigerte, sich der Ungerechtigkeit zu beugen, die von Männern gegenüber Frauen ausgeübt wurde. Sollte sie nicht als eine Feministin angesehen werden? Und vielleicht ist dies der Grund, warum sie selten die Figur ist, die in unserer indischen Gesellschaft als beispielhaft betrachtet wird.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Titelbild-Draupadi Titelbild-Draupadi T.sujatha CC BY-SA 3.0