Erste Begegnung

Erste Begegnung (1)

Ich kam am Abend gegen halb acht in Marrakesch an. Da ich keinen Koffer dabei hatte, ging ich direkt zur Passkontrolle, wo zu meiner Überraschung eine Schlange von etwa fünfzig Metern stand. Mein Plan war, vom Flughafen aus zu Fuß zu meiner Unterkunft in der Altstadt zu gehen. Ich hatte im Internet gelesen, dass es keine Busse vom Flughafen in die Stadt gebe und dass ein Taxi 20 Euro kosten würde, was völlig überteuert war.

Nachdem ich rund eine Stunde an der Passkontrolle gewartet hatte, schaffte ich es, den Flughafen zu verlassen – nur um eine pechschwarze Umgebung vorzufinden, weil die Sonne schon vor zwei Stunden untergegangen war. Ich hatte zwanzig Euro dabei, davon zehn in der lokalen Währung. Da ich keine andere Möglichkeit sah, ging ich zum Taxistand, der direkt neben dem Ausgang des Flughafens lag. Sobald ich ihn sah, spürte ich, dass ich ein Problem hatte. Mein Magen versteckte sich in meiner Kehle, und all die Worte der Ermutigung, die ich mir zuvor selbst zugesprochen hatte, waren irgendwo ganz weit weg. Ich sah all die anderen Menschen die Taxis besteigen, und so versicherte ich mir, dass es in Ordnung sein würde. Natürlich waren alle Fahrer Männer über 45.

Erste Begegnung (2)

Einer von ihnen sah mich und begann sofort „Taxi?! Taxi?!“ zu rufen. Ich näherte mich ihm widerstrebend und sagte ihm, wohin ich wollte, während ich die Karte auf meinem Handy durchsuchte. Mir war klar, dass die Taxifahrt um die zwei Euro kosten sollte – wenn wir ehrlich zueinander wären, was aber natürlich kein Geschäftsmann jemals ist.

Bevor er noch richtig verstanden hatte, wohin ich wollte, erklärte er sich schon einverstanden, wollte meine Tasche in den Kofferraum packen und mir zwanzig Euro berechnen. In diesem Moment war ich einfach nur müde und völlig unsicher. Ich sah ihn an und versuchte ihm klarzumachen, dass er mich verarschte. Ich lehnte ab und bot ihm 15 Euro an. Er lachte kurz und sagte geradewegs nein.

Erste Begegnung (3)

Meine Demonstration der Selbstsicherheit ging weiter. Ich tat so, als würde ich gehen wollen und sagte, ich würde den Bus nehmen. Natürlich lachte er wieder über mich, sagte, es gäbe keinen Bus, und wandte sich ab. In dem Wissen, dass ich nicht alleine am Abend auf die Suche nach meinem Hostel gehen würde, gab ich schließlich auf und bot ihm alles Geld an, das ich dabei hatte.

Ich fühlte mich betrogen, schwach und von mir selbst enttäuscht, weil ich es nicht geschafft hatte, meinen Standpunkt zu verteidigen. Ich fragte mich schon, warum ich unbedingt alleine hierherkommen wollte, warum ich mir die Dinge schwerer gemacht hatte als nötig und so weiter.

Erste Begegnung (4)

Endlich, nachdem er mich an der Grenze des Altstadtbereichs abgesetzt hatte, in dem keine Autos fahren können, fand ich mich inmitten des Lebens wieder. Die Straße war etwa zweieinhalb Meter breit. Ich konnte drei oder vier Essensstände sehen, ein paar Haufen Oliven, einige Fleischstücke, die an einem Seil hingen, alte Frauen, die Brot machten, kleine Kinder, die mit einem Ball spielten, ein paar Haufen mit Gewürzen, Motorroller, die herumfuhren, und einige Leute, die mich beobachteten. Meine Karte war in den engen Altstadtgassen nicht sehr nützlich, doch zum Glück kamen ein paar nette junge Männer und zeigten mir den Weg.

Als wir die Tür des Hostels erreichten, fragten sie mich, ob ich nicht eine kleine Belohnung für ihren Dienst hätte. Und diesmal log ich nicht, ich hatte tatsächlich überhaupt kein Geld dabei! Sie akzeptierten; vermutlich bemerkten sie, dass ich überwältigt und ein bisschen verängstigt war, und so wünschten sie mir eine gute Nacht und entfernten sich. Als ich das Hostel betrat und das Bett sah, das ich für die nächsten vier Tage mein Zuhause nennen würde, fühlte ich mich endlich erleichtert, sicher und geborgen. Ich wusste, dass nun eine ganze Nacht Schlaf vor mir lag, bevor ich mich wieder meinen Ängsten stellen müsste.

Erste Begegnung (5)

Damit diese ganze Geschichte einen Sinn ergibt, ist es wichtig zu erwähnen, dass auf einer Reise nach Südafrika ungefähr acht Monate zuvor mein Freund neben mir ausgeraubt worden war. Es geschah mitten am Tag, auf einer Straße voller Menschen, die Polizei ging vorbei und niemand half uns auf irgendeine Art. Danach hatte ich immer ein Gefühl von Unsicherheit und Angst, weil die sehr schwache Selbstsicherheit, die ich zuvor hatte, weg war.

Ich hatte bisher mit der Gewissheit gelebt, dass man sicher sein sollte, wenn Menschen um einen herum sind, wenn man in der Innenstadt ist und – am wichtigsten – wenn Polizei in der Nähe ist. Diese Gewissheit war nun wie weggeblasen. Nach diesem Vorfall hatte ich nichts mehr, worauf ich mich verlassen konnte. In meinem Kopf konnte jederzeit alles passieren, und niemand würde irgendetwas dagegen tun. Und ich war auf die Idee gekommen, alleine nach Marokko zu reisen …

Erste Begegnung (6)

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Erste Begegnung (2) Erste Begegnung (2) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Erste Begegnung (3) Erste Begegnung (3) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Erste Begegnung (4) Erste Begegnung (4) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Erste Begegnung (5) Erste Begegnung (5) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Erste Begegnung (6) Erste Begegnung (6) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Erste Begegnung (1) Erste Begegnung (1) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0

Diskussion (Ein Kommentar)

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