Glaubst du an Träume?

00-Wenn Träume wahr werden_byIsabelScharrer
Lebenswelten

Während unseres Aufenthaltes in Delhi entschließen wir – Sourabh und ich – uns zu einem Abenteuer in den Bergen: eine Motorradtour von Manali nach Leh und dann weiter durch Ladakh, in die schönen Gebirge Nordindiens.

Ich wollte schon seit langer Zeit das Motorradfahren lernen, doch war dieser Wunsch immer auch von Angst begleitet. Seitdem ich ein kleines Kind war, haben mir meine Eltern nämlich immer gesagt, dass das zu gefährlich sei, und es mir nie erlauben wollen. Seitdem ist diese Angst tief in mir lebendig geblieben. Meine Eltern erzählten mir von ihren eigenen Erfahrungen, und ich weiß natürlich selbst – und ich habe es auch in meiner Zeit im Krankenhaus erlebt -, dass Motorradfahren gefährlich sein kann und mit Vorsicht zu genießen ist.

Trotzdem war ich immer von Motorrädern fasziniert, genauer gesagt von einem ganz bestimmten Typ: der Harley-Davidson. Ich sagte mir immer, dass ich eines Tages eine Harley fahren würde, und träumte jahrelang davon, einmal mit dem Motorrad durch Südamerika zu touren. Aber da ich mir das seit meiner Kindheit schon so viele Male eingeredet hatte, war ich nicht mehr wirklich sicher, ob dieser Wunsch eines Tages Wirklichkeit werden oder doch nur ein Traum bleiben würde.

In Delhi sprechen wir viel über unsere geplante Motorradtour, aber wir sind immer noch nicht zu 100 Prozent sicher, ob wir es wirklich machen sollen, weil noch Monsunzeit ist und es einfach zu gefährlich wäre, ein solches Abenteuer anzufangen, wenn es so heftig regnet. Außerdem sagt mir Sourabh, dass ich in jedem Fall auch selbst fahren müsse – da die Tour, die wir planen, mehr als 1000 Kilometer lang ist, kann er unmöglich die ganze Zeit alleine fahren.

Ich weiß, dass er Recht hat, und ich möchte das Motorrad auch wirklich selbst fahren; aber ich glaube, das ist eine Illusion, denn ich habe nur einmal in meinem Leben einen Motorroller gefahren, und selbst das war schon eine große Sache für mich. Ich weiß noch nicht genau, wie ich es anstellen soll, ein Motorrad über die Straßen des höchsten Gebirges der Welt zu fahren, aber tief in mir weiß ich, dass es schon irgendwie gehen wird.

Schließlich ist der Tag gekommen, an dem wir Delhi, die Stadt mit den vielen Gesichtern, verlassen und uns nach Nordindien begeben, genauer gesagt: nach Manali. Auf unserem Weg aus Delhi hinaus nehmen wir die Metro, und dort gibt es getrennte Abteile für Frauen und Männer. Ich gehe in eines der Frauenabteile und sehe etwas ziemlich Spannendes:

Es spielt Musik, einige der Frauen tanzen und alle sind fröhlich und gut aufgelegt. Ich war noch nie in einem so gut gelaunten Metroabteil, abgesehen von der Karnevalszeit. Es ist schön zu sehen, dass die Stadt separate Frauenabteile bereitstellt, wo Frauen sich sicher fühlen können und sich keine Sorgen um „komische“ Männer machen müssen.

Manali ist eine Stadt im Bundesstaat Himachal Pradesh am Fuß des Himalaya und Ausgangspunkt des Highways von Manali nach Leh, eine der schönsten, furchterregendsten und höchstgelegenen Straßen der Welt. Leh ist eine Stadt im äußersten Norden Indiens, in einer Region namens Ladakh, die im Staat Jammu und Kashmir liegt und im Westen an Pakistan sowie im Osten an China grenzt. Leh ist berühmt für seinen starken tibetischen Einfluss und die weiten, menschenleeren Gebiete, die es umgeben.

Der Manali-Leh-Highway ist 477 Kilometer lang und führt über die vier höchsten mit dem Auto befahrbaren Pässe der Welt: Rohtang La (3978 m), Baralacha La (4892 m), Lachulung La (5059 m) und Tanglang La (5325 m). Die Straße ist nur von März bis Oktober geöffnet, weil es hier im Winter sehr heftige Schneefälle gibt.

Da diese Straße die einzige Verbindung zwischen Manali und Leh ist, wird sie von allen Arten von Fahrzeugen benutzt: Lastwagen, Busse, Jeeps, Autos, Motorräder, und – für die ganz Sportlichen und Abenteuerlustigen unter uns – Fahrräder. Einige, die lieber ganz auf ein Auto verzichten, joggen sogar die Straße entlang.

Inzwischen ist ein großer Teil der Straße durch die BRO (Broad Road Organisation), die vom indischen Militär unterstützt wird, instand gesetzt worden. Es gibt aber immer noch viele Abschnitte, in denen man auf extrem schmale, steile, nicht asphaltierte, überflutete oder auf andere Art problematische Passagen trifft, die die Reise zu einer großen Herausforderung machen können.

Als wir in Manali eintreffen, suchen wir in einem nahen Dorf namens Vashisht nach einer Unterkunft. Es ist ein schöner, kleiner Ort, der nur teilweise mit dem Auto erreichbar ist. Die Hälfte des Dorfes ist nur zu Fuß zugänglich, und daher ist es extrem ruhig und friedlich – man hört nur das Geräusch des Windes sowie ein paar Hühner, Kühe und Vögel.

Vashisht liegt oberhalb der weniger ruhigen Stadt Manali und hat noch etwas zu bieten: In einem Tempel im Dorfzentrum gibt es frei zugängliche heiße Quellen!

Als ich umhergehe, um das Dorf ein wenig zu erkunden, bemerke ich, dass es üblich ist, außerhalb des Tempels im Wasser der heißen Quelle die Wäsche und das Geschirr zu waschen. Das ist sehr praktisch für die Bewohner, und außerdem hat das heiße Quellwasser den Ruf, heilende Wirkung zu haben.

Das Bad wird jeden Tag von zahlreichen Menschen aufgesucht, und so statte auch ich ihm einen Besuch ab. Während ich in das Frauenbad gehe (es sind getrennte Teile für Männer und Frauen vorgeschrieben), sehe ich, dass viele Frauen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kleidung waschen. Es gibt zwei Bereiche: In einem kann man das aus vier Rohren herausströmende Wasser als eine Art Dusche benutzen, im anderen kann man im Hauptpool baden.

Zuerst muss man in den Duschbereich gehen, wo man sich hinsetzt, sich wäscht und sich an das sehr heiße Wasser gewöhnt. Erst danach darf man den Pool betreten.

Da das Wasser extrem heiß ist und nicht wirklich sauber aussieht, tauche ich nur meine Füße ein und genieße den leichten Sommerwind. Ich betrachte den Vollmond und die Sterne, die über mir funkeln, und denke daran, dass ich der Erfüllung meines Traumes wieder einen Schritt näher gekommen bin.

Es fühlt sich jetzt gar nicht mehr an wie ein Traum; nein, der Traum hat eine Form bekommen, und ich kann ihn klarer als je zuvor sehen…

06-Heißes Wasserbad_byIsabelScharrer.jpg

Gute Nacht.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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06-Heißes Wasserbad_byIsabelScharrer.jpg 06-Heißes Wasserbad_byIsabelScharrer.jpg Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
05-Einheimische säubern Behältnisse_byIsabelScharrer 05-Einheimische säubern Behältnisse_byIsabelScharrer Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
04-Einheimische beim Wäschewaschen_byIsabelScharrer 04-Einheimische beim Wäschewaschen_byIsabelScharrer Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
02-Tempel und heißes Wasserbad_byIsabelScharrer 02-Tempel und heißes Wasserbad_byIsabelScharrer Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
01-Vashisht_byIsabelScharrer 01-Vashisht_byIsabelScharrer Isabel Scharrer CC BY-SA 4.0
00-Wenn Träume wahr werden_byIsabelScharrer 00-Wenn Träume wahr werden_byIsabelScharrer Isabel Scharrer CC BA-SA 4.0

Diskussion (2 Kommentare)

  1. Auch Träume können wahr werden,wichtig ist daran zu glauben, daran zu streben!Bravo Grüße Papi

    1. Ja, das stimmt☺️