Großmutters letzter Wunsch für ihre Kinder

Großmutters letzter Wunsch für ihre Kinder

Großmutter hatte es sehr schwer, ihre Kinder durchzubringen, nachdem ihr Mann durch einen Schlangenbiss während der Arbeit gestorben war. Oft genug aß sie nichts, damit genug übrigblieb, um ihre Söhne zu füttern. Sie blieb viele Nächte wach und versuchte, ihre Kinder zum Schlafen zu bringen. Sie achtete immer darauf, dass sie warme Kleidung hatten, selbst wenn sie selbst keine hatte, und ging betteln, um ihre Kinder zu versorgen. Da ihre Familie sehr groß war, war alles immer knapp, was oft zu Streit führte.

(aus: Großmutter litt für ihre Kinder)

Die Zeit wartet auf niemanden, und so wurden die Kinder erwachsen und kamen in ein Alter, in dem es Zeit wurde, zu heiraten. Großmutter war inzwischen sehr alt und in ihrem letzten Lebensabschnitt. Bald war sie sehr schwach und nicht mehr in der Lage, noch irgendetwas zu tun. Die Rollen in ihrer Familie wechselten, denn nun war es die Aufgabe ihrer Söhne, sich um sie zu kümmern.

Großmutter hatte viel von ihren Söhnen erwartet, aber die Dinge liefen nicht gut für sie. Sie hatte nicht so viel Glück wie ihre Kinder, denn ihre Söhne taten für sie nicht das, was sie selbst für diese getan hatte. Sie tranken viel und stritten oft. Sie kümmerten sich nicht gut um ihre eigene Mutter und ignorierten sie mehr und mehr. Tränen rollten aus ihren Augen, aber sie wusste nicht, was sie dagegen tun konnte. Sie war immer noch eine Mutter, und auch wenn ihre Söhne sie vernachlässigten und zum Weinen brachten, liebte sie sie noch immer.

Die Dinge wurden noch schlimmer für Großmutter, als ihre Söhne heirateten, denn nun begannen sie mit ihren Frauen zu streiten, wer sich um sie zu kümmern hatte. Großmutter bekam jetzt nicht einmal mehr genug zu essen. Zu dieser Zeit vermisste sie die Tochter, von der sie immer geträumt hatte, die wegen des frühen Todes ihres Mannes aber niemals geboren wurde.

Sie fand niemals Frieden, weil sie ständig von ihren Schwiegertöchtern beschimpft wurde. Keiner der Söhne gestattete ihr, dauerhaft bei ihm zu leben, und so musste sie von einem Haushalt zu nächsten ziehen. Wann immer Großmutter krank wurde, waren ihre Schwiegertöchter sehr wütend, und sie musste sich Dinge anhören wie: „Wie kann der alte Drache nur dauernd krank sein? Warum stirbt die nicht einfach? Sie ist nichts als eine Last, warum kommt der Tod nicht ein bisschen schneller für sie?“ Das war das Geschenk, das Großmutter von den Frauen ihrer drei geliebten Söhne erhielt.

Großmutters Söhne und ihre Schwiegertöchter gaben ihren Kindern alles, ihr jedoch nichts. So ging sie dem Ende ihres Lebens entgegen. Es vergingen noch Tage, Monate und Jahre, und Großmutter schaffte es irgendwie, zu überleben. Sie hatte niemanden und durfte glücklich sein, dass es zu dieser Zeit keine Altersheime gab, denn sonst wäre sie von ihren Söhnen und Schwiegertöchtern in eines davon abgeschoben worden.

Großmutter war nun völlig einsam und sehr gekränkt, doch niemand erkannte ihren Schmerz. Sie war ganz alleine. Sie wurde Tag für Tag schwächer, doch ihre Söhne und Schwiegertöchter waren viel zu sehr mit ihren eigenen Familien beschäftigt, um das überhaupt zu bemerken. Jeder von ihnen hatte eine Tochter.

Und schließlich kam der Tag, an dem Großmutter diese Welt verlassen musste. An diesem Tag bat sie alle ihre drei Söhne noch einmal zu sich. Es war ungefähr Viertel nach neun, und Großmutter kämpfte um ihre letzten Momente und blickte auf die guten wie die schlechten Zeiten ihres Lebens zurück. Sie erinnerte sich an all die Dinge, die sie für ihre Söhne getan hatte, und auch daran, was diese für sie getan hatten. Bevor sie ihren letzten Atemzug nahm, verfluchte Großmutter ihre Söhne mit den Worten:

Ich dachte immer, dass ihr, meine Söhne, mein zukünftiges Leben sein würdet. So gab ich allen von euch so viel Liebe und Zuwendung. Ich glaube nun, dass das ein Fehler war. Meine Liebe hat euch zur Verantwortungslosigkeit geführt, und ihr habt mich vernachlässigt. Ich dachte, wenn ich drei Söhne habe, würdet ihr euch um mich kümmern, vor allem nachdem euer Vater so früh starb und mich alleine ließ. Doch das geschah nicht. Keine Angst, meine Söhne, ich werde euch nicht dasselbe zustoßen lassen. Mein Wunsch ist aber, dass ihr in eurem ganzen Leben niemals Söhne haben werdet, und wenn doch, dass sie euch und eure Frauen niemals vernachlässigen werden.

Nachdem sie diese Worte ausgesprochen hatte, nahm Großmutter ihren letzten Atemzug und schloss ihre Augen zum letzten Mal.

Ihr, meine geschätzten Leser, werdet euch fragen, ob Großmutters letzter Wunsch für ihre Söhne wahr wurde. Ja, meine Lieben, es geschah genauso, wie sie es gewünscht hatte.

Die Frau von Großmutters ältestem Sohn starb wenige Monate später. Er hat nur eine Tochter. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er noch zwei andere Frauen, doch keine von ihnen gebar ihm ein weiteres Kind. Die Frau des zweites Sohnes brachte sieben Töchter zur Welt. Danach wurde sie noch drei Mal schwanger, doch sie trieb alle diese Kinder ab, weil es Mädchen waren. Ähnlich war es bei Großmutters jüngstem Sohn: Er hat vier Töchter und einen Sohn, doch dieser ist sowohl körperlich als auch geistig eingeschränkt. Auf diese Art wurde Großmutters Fluch für ihre Kinder Wirklichkeit.

Großmutter hatte drei Söhne, die sich um sie hätten kümmern können. Doch wer wird nun für die Söhne sorgen, wenn sie alt sind? Niemand, vermute ich. Diese Geschichte handelt davon, diejenigen zu lieben, die euch lieben, aber auch davon, die zu lieben, die euch hassen, denn die Liebe steht stets über allen anderen Dingen. Und diese Geschichte erinnert uns auch daran, dass die Liebe einer Mutter das Reinste auf der Welt ist und dass wir immer für unsere Mütter da sein und sie respektieren sollten.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Großmutters letzter Wunsch für ihre Kinder Großmutters letzter Wunsch für ihre Kinder Bravo Aatma CC BY-SA 4.0

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