Innovationspolitik: Wer nicht schwimmt, geht unter

Autowrack

Viele Menschen glauben, Geld wachse irgendwo auf den Bäumen. Die Politiker pflücken es dann und verteilen es. Daher beschäftigt sich die politische Diskussion hauptsächlich damit, wer wie viel vom Kuchen bekommt. Dieser backt sich schließlich von selbst.

Die Wertschöpfung einer Gesellschaft, die Produktivität, das Schaffen von Mehrwerten: Ohne sie hätten wir alle keine Lebensgrundlage. Denn nicht das Geld versorgt uns, sondern die von unseren Arbeitnehmern geschaffenen Mehrwerte, welche dem Geld überhaupt einen Wert verleihen. Nicht unser Sozialsystem versorgt die Bedürftigen, die Rentner, die Kranken oder Arbeitslosen. Österreichs Arbeitnehmer schaffen die Mehrwerte, die an andere umverteilt werden.

Daher plädiere ich dafür, dass wir uns damit befassen, ob und womit wir in Zukunft in der Lage sein werden, eine produktive Wirtschaft in unserem Land zu halten und auszubauen.

Die Billiglohnländer als Konkurrenz

Jeder von uns kauft gerne günstig ein. Doch den Lebensstandard, welchen die Länder haben, deren Waren wir günstig erstehen, wollen wir nicht teilen. Wie kommt es, dass wir einen höheren materiellen Wohlstand genießen können, ohne mehr und härter zu arbeiten?

Unsere hohe Produktivität, durch die vielgeschmähte Automatisierung und die Fähigkeit der Menschen in Österreich, besonders gefragte und daher hochpreisige Produkte herzustellen, verschafft uns den Lebensstandard, den viele allzu selbstverständlich genießen – darunter viele, welche selbst nicht einmal Teil der Arbeitswelt sind. Doch nehmen wir uns in Acht:

Die Menschen in Niedriglohngegenden holen auf, und das ist ihnen zu vergönnen. Wenn wir jedoch zukünftig nichts Neues zu bieten haben, verlieren wir unsere Stellung am Weltmarkt, mit unvorhersehbaren Folgen für den Wohlfahrtsstaat Österreich.

Die Billiglohnländer als Chance

Wenn wir andererseits täglich neue Ideen umsetzen, wenn wir ständig innovative Produkte und Verfahren schaffen, dann haben wir uns den stetig neu herausgearbeiteten Vorsprung verdient, und nicht nur wir zählen zu den Gewinnern:

Während unsere Hochlohngesellschaft in der Lage ist, neue Märkte zu schaffen und den Mehrwert unserer Arbeit weiter zu steigern, können die Niedriglohnländer ohne Konkurrenz durch uns bewährte Produkte herstellen und sich selbst damit zunehmend auf die eigenen Füße stellen.

Die Gefahr: Wir verlieren den Anschluss

Die augenblicklich laufenden Innovationen werden von manchen als Gefahr betrachtet. Doch das Gegenteil ist der Fall: Gefahr besteht nur dann, wenn wir nicht in vorderster Reihe mitwirken.

  • Vernetzte Fertigung, in den USA als „Internet of Things“ bezeichnet, bei uns nach einer Initiative der – hier ausnahmsweise nicht passiven – deutschen Bundesregierung „Industrie 4.0“, ist eine Chance, Produktion zu uns zu holen. Verschlafen wir die Entwicklung oder bekämpfen wir sie sogar, werden andere die Vorteile der Neuerungen für sich nutzen. Wo bleiben konkrete Initiativen der österreichischen Bundesregierung? Inszenierungen helfen uns nicht!
  • Der Trend zur Elektromobilität ist eine Riesenchance, doch das immense Risiko wird tagträumerisch unterschätzt. Österreich hat zwar keine eigene Automarke, doch wir leben in höchstem Maße von der Automobilfertigung. Besonders wichtig ist die Entwicklung und Fertigung von Verbrennungsmotoren. In Graz steht das wohl weltweit größte und beste Entwicklungszentrum für Benzin- und Dieselmotoren, und in der Motorenfertigung, besonders für Dieselmotoren, gehört Österreich anteilsmäßig zur Weltspitze.

Das bedeutet jedoch: Wir sind vom jetzigen technischen Stand der Automobile abhängig, manchen Schätzung zufolge hängen sogar 450.000 Jobs davon ab. Wenn wir Österreichs Wirtschaft im Gesamten betrachten, ist diese Zahl nicht unrealistisch:

So würde die gesamte Tourismusbranche einbrechen, wenn die Automobilfertigung in Deutschland eingestellt würde. Die vielen neuen Arbeitslosen würden dann höchstens am Hintereingang unserer Hotels anklopfen, auf Jobsuche als Tellerwäscher statt als Gäste.

Würde also der Traum unseres Umweltministers mit einem Schlag wahr werden und am nächsten Tag jeder nur mehr Elektroautos kaufen, so wäre dies ein schwarzer Tag für unsere Wirtschaft und damit für den gesamten Staat. Wir sind nämlich im Begriff, die Verlierer der Elektrisierung der Automobile zu werden, und nicht nur wir:

Deutschland ist ebenfalls zu langsam. Dort mag wenigstens noch eine Chance bestehen, die Elektromotorenfertigung aufzubauen, doch in der Produktion der hochwertigsten und technisch für den Erfolg entscheidenden Teile der E-Autos, der Batterien, ist Deutschland wie Österreich hoffnungslos im Rückstand.

Die Verteufelung der Verbrennungsmotoren ist aus wirtschaftspolitischer Sicht in diesem Augenblick gefährlich. Mit Verlaub: Während wir uns dringend darum kümmern sollten, uns einen Produktionsanteil zukünftiger Kfz-Technologien zu sichern, ist es mir lieber, wenn unsere Autohäuser noch eine Zeit lang möglichst saubere herkömmliche Autos verkaufen und wir uns in der Zwischenzeit auf die Auswirkungen des technischen Wandels schnellstmöglich vorbereiten.

Diese Auswirkungen wurden bis jetzt nicht einmal ansatzweise beleuchtet, daher ist es höchste Zeit:

Nehmen wir allein das Berufsbild des Kfz-Mechanikers: E-Autos benötigen kaum mehr Wartung am Motor – und das ist die Hauptarbeit der heutigen Servicetechniker. Wenn wir so tun, als ob nichts wäre, beginnen junge Menschen hoffnungsvoll eine Lehre für Jobs, die nicht mehr in derselben Zahl benötigt werden, und viele von ihnen stehen schließlich auf der Straße, obwohl sie das Innenleben der dann veralteten Verbrennungsmotoren in- und auswendig gelernt haben. Die Branche benötigt einen Plan für die Zukunft, die Lehre des Kfz-Mechanikers ist um Elemente zu erweitern, welche den jungen Menschen die Chance für einen Wechsel bietet, also eine Kombinationslehre – wie wäre es mit Informatik, Energietechnik und Mobilität? So könnte eine Qualifikation aussehen, welche es den Gesellen ermöglicht, die zukünftigen, informatikstrotzenden und elektrisierten Autos rundum zu versorgen oder aber in andere Bereiche der Wirtschaft zu wechseln.

An diesem Beispiel sei zum Ausdruck gebracht, was mir an der aktuellen Politik fehlt: Vernetzung und Zusammenhänge kommen mir zu kurz. Der Umweltminister lebt seinen Traum, ohne an die Wirtschaft und an den Arbeitsmarkt zu denken, die dafür wiederum zuständigen Minister scheint es nicht zu interessieren, dass dessen Alleingang ohne Einschleifregelungen in ihren Ressorts Schäden verursacht, und vor allem schmerzt, dass Wirtschaftspolitiker und Arbeitnehmervertreter nicht zu begreifen scheinen, dass es höchste Zeit ist, aktiv zu werden, und zwar gemeinsam und koordiniert.

Wir sind schon fast wie ein Mann in tiefem Wasser, der zu träge ist, sich zu bewegen. Er beendet seine Schwimmbewegungen und geht unter. Daher rufe ich die Politik auf, sich stärker zu bewegen!

Hinweise: Österreich stellt die meisten Motoren her – 450.000 Jobs hängen an der Autoindustrie.

http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/4984639/Oesterreich-stellt-weltweit-die-meisten-Motoren-her

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Autowrack Autowrack Achim R. Schloeffel CC BY-SA 3.0

Diskussion (2 Kommentare)

  1. Du plädierst also auf ein “Weiter so”? Nur Wachstum hält unsere Wirtschaft am Laufen? mE ist ein weiter so und exponentielles Wachstum auf diesem Planeten mit endlichen räumlichen und sonstigen Ressourcen nicht möglich. Ganz abgesehen davon, dass wir mit dem Weiter so auch unsere fundamentalsten Lebensgrundlagen Wasser und Luft und Umwelt sowieso zerstören. Ziel muss also wieder eine Wirtschaft sein, die sich an der Bedürfnisbefriedigung und nicht an der Bedarfsweckung orientiert. Eine Möglichkeit ist die Gemeinwohl-Ökonomie, http://www.ecogood.org

  2. Wenn wir so weitermachen, gehen wir sicher unter.
    Globalisierung, wettbewerbsfähig am Weltmarkt, billiger produzieren und die arbeitenden Menschen noch mehr ausbeuten. Dieser Schwachsinn wurde Jahrhundertelang praktiziert. Jetzt soll diese menschenunwürdige Versklavung durch die Hintertür der Globalisierung wieder eingeführt werden, um der Konzernwirtschaft weiter die Taschen zu füllen. Vielleicht sollte einmal über die regionale Versorgung nachgedacht werden, statt dem noch mehr Exportwahn anzuhimmeln.
    Wir exportieren Qualitätslebensmittel und importieren dafür giftverseuchte Lebensmittel und das dadurch, wie die WHO festgestellt hat, in einigen Jahrzehnten die 50 Jährigen bereits Pflegefälle sein werden.
    Autos werden in Zukunft eine unbedeutende Rolle spielen, denn die wenigsten werden das Geld für den Kauf eines solchen Vehikels haben, außerdem sind sie nicht essbar.
    Zum Beispiel von Deutschland, dem größten Waffenproduzenten und Waffenexporteur Europas nur soviel: Waffen werden immer gebraucht und wenn wir uns anstrengen, werden wir noch effizientere Waffen erzeugen, um uns gegenseitig umzubringen, wenn wir, bedingt durch den Wachstumswahn billiger als die Sklaven und Leibeigenen der Konzerne entlohnt werden und uns das tägliche Brot nicht mehr leisten können.