Islamischer Feminismus: kein falscher Wortlaut

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Als ich zum ersten Mal von dem Begriff  “islamischer Feminismus” hörte, hielt ich ihn für verfehlt. Wie die meisten Menschen fragte auch ich mich, wie Feminismus vom Islam ausgehen könne, zumal dieser als einer der Hauptgründe für die Unterdrückung von Frauen in muslimischen Gesellschaften gilt. Ich konnte meinen Ohren partout nicht trauen und hielt das für eine Modeerscheinung. Doch meine Neugier wuchs, mehr über dieses Konzept des islamischen Feminismus zu erfahren, bei dem ich ursprünglich von einem falschen Wortlaut ausging.

Ich fing an, mich in dieses Thema einzulesen, was es bedeutet und welche Erklärungen der Befürworter es dafür gibt, dass der Islam eine glaubwürdige Quelle für Frauenrechte und Emanzipation sein könne.

Der islamische Feminismus tauchte zum ersten Mal in der arabischen Region im 19. Jahrhundert in Ägypten, Iran und Marokko auf und dehnte sich später auch auf andere Gebiete Westasiens und Nordafrikas aus. Im islamischen Feminismus wird die Anwendung der Praxis von ijtihad empfohlen; das bedeutet eine unabhängige und kritische Auseinandersetzung mit religiösen Texten, um die bestehenden patriarchalischen Vorstellungen und Bräuche für die Befreiung der Frauen und ihre Rechte zu analysieren.

Der islamische Feminismus entwickelte sich zuerst in jenen Teilen des Nahen Ostens und Nordafrikas, in denen der Islamismus und der politische Islam eine Bastion bildeten. Als Neueinsteiger im feministischen Konflikt stellten die islamischen Feministinnen bestimmte Behauptungen auf, die sich als nützlicher und ansprechender erwiesen als die der liberalen Feministinnen.

Die muslimischen Frauen erhoben ihre Stimme gegen die Unterwerfung von Frauen im Namen des Islam und stellten die frauenfeindlichen Praktiken innerhalb des Islam in Frage. Sie wählten den Islam als Instrument zur Verteidigung der Rechte der muslimischen Frauen. Tatsächlich bot der islamische Feminismus als eine Feminismusart eine günstigere mentale Verbindung zu den Praktizierenden des Islam.

Der liberale Feminismus erschien als ein “verwestlichtes” Konzept, ungeachtet seines Versuchs, sich an den islamischen Kontext anzupassen. Der islamische Feminismus fördert durch seine humanistische Interpretation islamischer Praktiken die Gleichstellung der Geschlechter. Muslimische Feministinnen unterstützen ihre Behauptungen zugunsten von Frauen, und ihre Kritik am Patriarchat basiert auf ihrer Interpretation des Koran. Sie kritisieren zwar den Missbrauch der Religion durch eine männerdominierte Gesellschaft zur Einschränkung der Frauenfreiheit, lehnen aber weder die Institution Religion ab, noch untergraben sie sie. Der islamische Feminismus fordert eine Änderung des Glaubens zum Wohle der Frauen; was diese jedoch ablehnen, ist eine männerorientierte Interpretation und die Glaubenspraktiken.

Es begann sich eine Welle religiös engagierter Frauen zu formen, die die Vorstellung der Konservativen in Frage stellte, dass Frauen nämlich zu Hause bleiben und ihre traditionellen Rollen spielen sollten. Die islamische Feministin konzentrierte sich auf die Rolle der Frauen in der islamischen Kultur wie z.B. Raddiya Sultana, Shajarat-al-Darr, Aisha-al-Huraira und Sitt-al-Mulk. Sie sprachen auch über die Königin von Saba, die für ihre Intelligenz und Führung im Koran verehrt wird. Sie verherrlichten auch Khadija, Ayesha, Umme Salama, die Frauen von Mohammed, und Fatima, seine Tochter, für deren Rolle im Islam.

Sie rechtfertigten ihre Regulative mit dem Verweis auf die religiöse Literatur, deren Wurzeln die Gleichberechtigung der Geschlechter und die soziale Gerechtigkeit der koranischen Lehren seien. Islamische Feministinnen argumentieren, dass der Islam die Botschaft, dass zwischen Mann und Frau Gleichheit bestehe, initiiert habe. Doch diese Gleichheit und die Rechte der Frauen im Koran seien von der patriarchalischen Gesellschaft, die die muslimische Rechtsprechung und alltäglichen Praktiken beeinflusste, abgelehnt worden.

Der islamische Feminismus verwendet tafsir als grundlegende Methodik. Neben diesen Werkzeugen bedient er sich auch der Sprachwissenschaft, der Geschichte, der Literaturkritik, der Soziologie und der Anthropologie.

Islamische Feministinnen wie z.B. Amina Wadud, Rifat Hasan und Fatima Naseef richteten ihr Augenmerk auf die Interpretation des Koran. Andere wie z.B. Fatima Mernissi, Asma Barlas oder Hidayet Tuksal nahmen die Entstehung von Scharia-Gesetzen genauer unter die Lupe, und andere wiederum hinterfragten erneut die Hadithen.

Islamische Feministinnen lesen und interpretieren den Koran zu einer Vielzahl von Themen, die das Argument verstärken, dass der Koran das Patriarchat nicht unterstütze. Sie sind der Ansicht, dass der Koran antipatriarchalisch sei und dass er die völlige Gleichberechtigung beider Geschlechter fördere. Die Feministinnen sind der Ansicht, dass niemand ein Monopol über die Bedeutung dessen habe, was Gott sage, und deshalb sei eine Neuinterpretation der patriarchalischen Lehre des Koran notwendig.

Nach Angaben der islamischen Feministinnen hätten die muslimischen Frauen aufgrund der falschen Auslegung des Islam gelitten. Nach ihrer Ansicht sei die grassierende frauenfeindliche Praxis das Ergebnis einer kulturellen Unterwanderung zwischen Islam und anderen Teilen des Nahen Ostens. Laut einiger islamischer Feministinnen sei die dem Mann verliehene Überlegenheit auf die Fehldeutung und Fehlinterpretation des Koran zurückzuführen.

Von Bedeutung ist, dass die islamischen Feministinnen die westlichen Stereotypen über den Islam in Frage gestellt haben. Sie bemühten sich, die islamische Geschichte und Theologie entlang der geschlechtssensiblen Linie und des Feminismus neu zu interpretieren. Sie unternahmen einen Anlauf, den Islam entlang der feministischen Linie neu auszulegen, um die Frauen in ihrer Selbstbestimmung zu stärken.

Die Feministinnen verdeutlichen die Rechte der Frauen im Islam. Sie argumentieren, dass Männer die Scharia absichtlich verunstaltet hätten und sie heute als Instrument des Patriarchats missbrauchten. Dies sei nur deshalb möglich gewesen, weil Frauen nie die Möglichkeit hätten, die Scharia in einem geschlechtssensiblen Kontext zu interpretieren. Sie argumentieren auch, dass die ursprüngliche Botschaft des Propheten Mohammed, in der die Gleichberechtigung der Geschlechter gefordert worden sei, vom Religionswissenschaftler und den politischen Führern falsch dargestellt worden sei.

Der islamische Feminismus hat noch viel mehr zu bieten und ist ein wichtiger Weg, um unsere Sichtweise über den Islam und dessen Rolle, die er bei der Unterdrückung von Frauen spielt, zu überdenken.

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