Maschinensteuer: Ist Rationalisierung böse?

FlexLean Production Line

Roboter, Automatisierung und Rationalisierung sind wieder in der Diskussion. Eine der ersten Forderungen Kanzlers Kern nach einer „Maschinensteuer“ erinnert an die verbreitete Sicht, jede Maschine nehme automatisch Menschen Arbeitsplätze weg. Überdies wird die aktuelle, noch schwer abschätzbare Entwicklung der Vernetzung von Produktionsanlagen marketingtauglich und hochtrabend als „Industrie 4.0“, eine vermeintlich neue industrielle Revolution, verkauft und lässt in der Bevölkerung alte Ängste aufflammen, welche aus der wahren, der ersten industriellen Revolution noch immer in den Köpfen sitzen.

Die Ängste bringt Josef Urschitz in mehreren „Die Presse“-Kommentaren zum Ausdruck. Wenn wir seinen Befürchtungen glauben wollen, arbeiten in Zukunft Roboter statt Menschen, und Menschen haben einfach gar keine Jobs mehr und sitzen herum. Doch, blicken wir in die Geschichte: Hatten wir diese Ängste nicht schon im 19. Jahrhundert? Warum gibt es denn immer noch verhältnismäßig viele Jobs?

Lassen Sie uns die Sonnen- und Schattenseiten von Automatisierung und Rationalisierung betrachten:

Die Sonnenseite: Höherer Lebensstandard für alle

Arbeitsplätze sind keine endliche Größe. Sie entstehen und vergehen, je nach Fähigkeit einer Gesellschaft, Mehrwerte zu schaffen und diese geschaffenen Werte durch Konsum zirkulieren zu lassen, de facto an andere Berufstätige durch Kauf und Dienstleistung zu verteilen. Das Gefährlichste für den Arbeitsmarkt ist es, wenn eine Gesellschaft keine Mehrwerte mehr schafft, also wenn sie nicht mehr produziert.

Eine automatisierte Produktion schafft genauso Jobs, wie sie nimmt. Während Maschinen Handarbeit ersetzen, schaffen sie gleichzeitig besser bezahlte Arbeitsplätze im Maschinenbau, -verkauf und in der Wartung, doch ebenso in den Firmen, welche Maschinen betreiben. Dort ist das Volumen an Mehrproduktion von vielen hochqualifizierten Menschen zu planen, zu steuern, der Produktionsfluss gekonnt zu verwalten und natürlich die Mengen an Produkten zu verkaufen und zu liefern. Unter dem Strich kann eine automatisierte Produktion, je nach Situation, sogar mehr Jobs schaffen.

Der Nutzen maschineller Produktion für die Gesellschaft ist gigantisch. Wer von uns ist heute noch zu Erntedank wirklich dankbar, dass wir genug Lebensmittel für den Winter haben, statt zu hungern? Vor zweihundert Jahren bangten Menschen in schlechten Jahren um die Ernte. Heute verarbeitet die Landwirtschaft dank ihrer Maschinen (und natürlich der Dünger) erntesicher Flächen, welche nach althergebrachter Manier die heutige Bevölkerungszahl gar nicht ernähren hätten können, und Lebensmittel sind weit erschwinglicher als früher, jawohl, dank der Maschinen! Ebenso verhält es sich bei Textilien, Automobilen etc. Die gesamte Anhebung unseres Lebensstandards basiert auf maschineller Produktion.

Die Schattenseite: Ungebildete bleiben auf der Strecke

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörten Maschinenstürmer wütend die neu aufkommenden Textilmaschinen. Doch wer waren diese Menschen? Sie haben mühselige Textilarbeit von Hand verrichtet und darauf eine kärgliche Existenz aufgebaut. Diese brach durch Maschinen plötzlich weg. Diese Menschen hatten keine Perspektive mehr.

Immer noch trifft in Summe zu: Maschinen schaffen Jobs, statt sie zu vernichten. Doch der Haken dabei ist:

Eine automatisierte Produktion braucht hoch gebildete Menschen, keine ungelernten Arbeiter.

Die Lösung: Bildung, Bildung, Bildung

Wenn wir die beiden Wege doch kombinieren könnten: England im 19. Jahrhundert und Kuba im späten 20. Jahrhundert. Während England durch die industrielle Revolution auf der Produktionsseite Mehrwerte noch und nöcher schuf, ist sein Proletariat verarmt, weil sein Bildungsstand der schnellen Entwicklung nicht folgen konnte.

Castros Kuba stellt das negative Gegenbeispiel dar: Der Bildungsstandard ist beispielgebend, doch die kommunistisch geführte Industrie war zu keiner Zeit in der Lage, adäquate Jobs für ihre gut gebildete Bevölkerung zu schaffen.

Für die Politik sehe ich daher die Aufgabe klar gestellt: Ein Staat braucht hocheffiziente, produzierende Industrien und Gewerbe. Um diese herum kann sie Dienstleistungsbranchen aufbauen, doch die Mehrwerte aus der Produktion bilden die unabdingbare Basis. Automation ist ein gutes Instrument zu Steigerung unseres Lebensstandards.

Doch ein Staat versagt, wenn er nicht gleichzeitig mit der Steigerung der Produktivität seine Bevölkerung flächendeckend besser bildet.

Wir brauchen nicht nur mehr, sondern bessere Bildung. Sollte noch niemand das Schlagwort Bildungseffizienz verwendet haben, so ist es höchste Zeit dafür. Das Niveau an Schulen und Universitäten ist systematisch anzuheben, denn abgesessene Zeit und Auswendiglernen senken die Qualität. Lebenslanges Lernen, besser kürzere, aber effizientere Bildung an Schulen und dafür mehr berufsbegleitende Weiterbildung werden der Dynamik der Zeit besser gerecht.

Für Kanzler Kern bleibt aus meiner Sicht: Statt Maschinenproduktion zu bestrafen, ist der Fokus auf eine endlich nachhaltige Verbesserung unseres Bildungssystems die bessere Antwort auf die zunehmende Automatisierung der Produktion Österreichs.

Hinweise: „Die Presse“-Kommentar von Josef Urschitz: Wenn Roboter die Arbeit übernehmen

http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/diebilanz/5067547/Wenn-Roboter-die-Arbeit-ubernehmen

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FlexLean Production Line FlexLean Production Line Zen wave CC BY-SA 4.0

Diskussion (3 Kommentare)

  1. Wenn die Maschinen uns die Arbeit abnehmen braucht es endlich die Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Einkommen durch das BGE, wie Herr Werner der dm Gründer das seit langen einfordert. Denn wer soll die vielen Güter denn sonnst kaufen?
    Mit BGE werden wir nicht arbeitslos, sondern arbeitsfrei und können endlich das tun was uns Spaß macht. Dadurch werden 10 mal mehr als heute in Bildung, Wissenschaft und Forschung tätig sein und genau dies verdanken wir unseren heutigen globalen Wohlstand.

  2. …und eine maschinensteuer macht Bildung dann auch wirklich leistbar. Und effizient. Ganz abgesehen davon, daß eine Steuer keine Strafe darstellt. Sondern der Beitrag an eine gesellschaft, die unter anderem ausbildet. Und Einrichtungen wie das von Ihnen geschätzten Theater und Opernhäuser unterhält. Die produktionsleistung hat sich in den letzten 20 Jahren um 30 Prozent erhöht, wie schaut es da mit den Arbeitsplätzen und dem Verhältnis zum Entgelt aus? Wirtschaften schätzt euch glücklich so vom Staat gebildete Massen an Menschen um euch zu haben, denn sonst würden die heutigen maschinenstürmer, in ihrer dumpfen Wut, nicht auf Maschinen sondern deren Inhaber losgehen.

  3. Wichtig wäre auch, daß die erwirtschafteten Mehrwerte gerechter als in den letzten dreißig Jahren verteilt werden. Ansonsten hilft weder Maschinensteuer, noch Bildung.