Medien und Journalismus im 21. Jahrhundert (Waldviertel Akademie)

Sind Echokammern eine Erfindung der sozialen Medien? Ist es heute leichter, an valide Informationen zu kommen, als vor dem Internet? Und hat sich damit die Recherchearbeit vereinfacht? Dieser und weiterer Fragen aus diesem breiten Veranstaltungsthema widmet sich die Waldviertel Akademie unter der Moderation von Autor und Projektleiter Thomas Samhaber.

Gerade im Lockdown sei es wichtig, über Medien uns den Umgang mit ihnen zu sprechen, da wir diese gerade extensiv nutzen, meint die Sprachwissenschafterin Dr. Ruth Wodak. Im Folgenden bringt die emeritierte Professorin der Uni Wien einige Thesen in die Diskussion ein: die verstärkte Interdependenz von Politik und Medien inklusive message control; die Personalisierung und Inszenierung von Politik – anstatt Probleme zu lösen; durch die sozialen Medien kann jeder sein eigener Journalist sein und/oder den seriösen Journalismus umgehen und sich nur in seiner Echokammer aufhalten; durch die Geschwindigkeit und die Flut an Informationen hat sich die Reaktionszeit für (vor allem investigative) Journalisten dramatisch reduziert; sowohl hate speech, als auch Skandalisierungen haben durch die sozialen Medien dramatisch zugenommen und bestimmen zu oft die journalistische Tätigkeit.

Dr. Corinna Milborn, Infodirektorin beim TV-Sender Puls4, geht zu Beginn auf den vor Kurzem gegründeten Nachrichtensender Puls24 ein. Durch den wachsenden Einfluss der sozialen Medien und die schwindende Reichweite der herkömmlichen Massenmedien besteht die Gefahr, dass der Gesellschaft der gemeinsame Raum für Diskurs verlorengeht. Viele Menschen leben mittlerweile nicht nur in ihren Blasen, sondern in eigenen Realitäten. Diese neuen Mechanismen gilt es zu verstehen, um damit umgehen zu können. Im Folgenden skizziert die Moderatorin die Geschichte der Medienrevolutionen – Buchdruck und Fernsehen –, deren positive wie negative Auswirkungen und Parallelen zu den heutigen Veränderungen durch die sozialen Medien. Die Algorithmen von Google/Youtube und Facebook arbeiten zum einen auf Basis jahrelanger Datensammlung über jeden Nutzer, zum anderen mit Hilfe neuester neurowissenschaftlicher Erkenntnisse – mit dem Ziel, Geld über Werbung zu verdienen, indem man den User so lange wie möglich auf seiner Plattform bindet. Dies gelingt über das Erkennen persönlicher Schwächen, über soziale Wertschätzung (like-button), vor allem aber auch über starke Emotionen. Milborn führt als Beispiel für diese gefährlichen Entwicklungen den Genozid an den Rohingya in Myanmar, aber auch Bolsonaros Wahlerfolg in Brasilien mittels gezielter Verleumdungsstrategien an. Gerade in der Krise sieht man die Wirkung der sozialen Medien und die teilweise abstrusen Verschwörungstheorien, die von Millionen Menschen geglaubt werden. Eine mögliche Lösung sieht sie darin, gegen die kapitalistisch dominierten amerikanischen Unternehmen mit ihren Wertvorstellungen (zB nackte Brust geht nicht, Hakenkreuz geht) einen europäischen Gegenpol zu gründen.

Zu mehr Gelassenheit im Umgang mit den Neuen Medien ruf der Gründer des Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien, Ernst Marboe, auf: sie sind eine relativ neue Entwicklung, auf die sich der Mensch einstellen kann. Auch wenn 87% der österreichischen Jugendlichen den Nachrichten in den sozialen Medien misstrauen, so konsumieren sie sie dennoch. Es gelte, dem amerikanischen wie auch dem chinesischen Modell eine europäische Variante gegenüberzustellen, wie bereits von Corinna Milborn angesprochen. Diese müsse nach europäischen Gesetzen und Werten agieren und dürfe garantiert keine Daten an Cambridge Analytica und Konsorten weitergeben. Europa müsse endlich einen gemeinsamen Serverpark aufbauen, damit die Daten in Europa bleiben. Seriöser Journalismus bedeutet für Marboe, dem Kunden möglichst neutral die Informationen an die Hand zu geben, mit denen er sich seine eigene Meinung bilden kann. Die in den sozialen Medien aktiven Kräfte haben hingegen immer eine Agenda. Menschen konsumieren auch weiterhin Inhalte außerhalb ihrer Blasen: sie glauben ihnen aber nicht. Dies liegt einerseits am Verfall des Qualitätsjournalismus, andererseits an der geringen Medienbildung der Rezipienten. Während die Presseförderung für Qualitätsjournalismus immer noch im einstelligen Millionenbereich liegt, hat sich die Medienförderung auch für Privatmedien vervielfacht. Die damit verstärkte Verknüpfung von Journalismus und Politik trägt nicht zur Glaubwürdigkeit beim Publikum bei.

Im Folgenden geht die Runde auf Fragen aus dem Publikum ein: gibt es (gerade in Pandemiezeiten) eine Gleichschaltung der Medien? Wie stark ist der Einfluss der Politik über die Presseförderung auf den Inhalt der Medien? Wie stehen die Chancen für eine angesprochene europäische Plattform? Welchen Kriterien unterliegt Qualitätsjournalismus?

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Medien und Journalismus im 21. Jahrhundert Wolfgang Müller 1

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