Mehr Hirn und Teilhabe in der Politik – Im Gespräch mit Thomas Kliche und Hans-Otto Thomashoff

Politik

Was kann man tun, um der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken? Und wie kann man verhindern, dass Populisten diese Situation für sich nutzen? Diese und weitere wichtige Gesellschaftsfragen der Gegenwart stehen im Mittelpunkt dieser Veranstaltung des BSA, die von Matthias Vavra geleitet wird.

Der Facharzt für Psychiatrie DDr. Hans-Otto Thomashoff, dessen neues Buch Mehr Hirn in die Politik namensgebend für diese Veranstaltung ist, hält fest, dass Menschen in Stresssituationen immer gefühlsgesteuert reagieren – und erst später, wenn Zeit ist, eine rationale Einschätzung der Situation durchführen (können). In der Coronakrise wurde von allen Seiten Gefühle produziert, vor allem in den Medien, die ständig mit Katastrophenbildern arbeiteten. Eigenverantwortung wurde gar nicht erst thematisiert – die Politik verordnete nur von oben herab Maßnahmen, die noch dazu als willkürlich und nicht stimmig wahrgenommen wurden.

Es sei sinnvoll, von der Politik Vernunft zu fordern, auch wenn der Politologe Univ.-Prof- Dr. Thomas Kliche nicht davon ausgeht, dass die Politik früher vernunftgeleiteter war, als heute. Der Unterschied zu früher ist, dass es keine großen Entwürfe mehr gibt, wie man die Welt verbessern möchte. Die zunehmende Intransparenz der Politik (Entscheidungen im Hinterzimmer, beeinflusst durch Interessensgruppen) führt bei vielen Menschen zum Gefühl, betrogen zu werden. Dies führte zum Brexit, ebenso zur Wahl Donald Trumps. Die Feigheit sowohl der Politik, als auch der Menschen, die Realität so wahrzunehmen, wie sie ist, führt zu irrationalen Massenentscheidungen.

Um den Bürger wieder für Politik zu gewinnen, müsse man ihm mehr Mitsprache geben, zb durch Volksbefragungen – aber nicht nur zu Orchideenthemen wie Hundeführerschein und Umgestaltung der Mariahilferstrasse, meint Thomashoff.

An der entfremdeten Politik seien nicht nur die Politiker, sondern auch die Menschen schuld, widerholt Kliche: die politischen Freiräume werden nicht genutzt; gleichzeitig negieren die Menschen damit Realitäten wie den Klimawandel, um sich nicht einschränken zu müssen. Sie wirken also in Massen aktiv an der Zerstörung der Umwelt und der Gesellschaft mit, um danach der Politik die Schuld zu geben. Nicht nur deshalb steht Kliche direktdemokratischen Entscheidungen kritisch gegenüber: das Bildungsniveau zB in wirtschaftlichen Fragen sei in Deutschland erschreckend. Dies liege allerdings nicht nur am Bildungssystem, denn dieses Wissen wäre für jeden frei zugänglich. Die Menschen sind massenhaft keine Opfer, sondern kommen ihrer Eigenverantwortung nicht nach.

Die direkte Demokratie steht auch im weiteren Verlauf des Gespräches im Mittelpunkt: welche Veränderungen im Bildungswesen wären nötig, um die Grundvoraussetzungen dafür zu schaffen; kann man verhindern, dass die direkte Demokratie die Bildungsbürger und ihre Themen bevorzugt und die Unterschichten genauso vom politischen Prozess ausgeschlossen sind, wie in der repräsentativen Politik?  Würde eine Auflösung der Nationalstaaten helfen, die verkrusteten Strukturen sowohl in der Verwaltung, als auch im Denken der Menschen aufzulösen?

Weitere Themen der Diskussion sind: was kann und soll Politik leisten? Wie kann man Menschen in den politischen Prozess wieder einbinden, abseits von direkter Demokratie? Welche Rolle sollen Medien spielen, und wie schafft man mehr Medienkompetenz beim Bürger? Und was kann man tun, um der Trivialisierung der Politik entgegenzuwirken?

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Mehr Hirn und Teilhabe in der Politik Wolfgang Müller 1

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