Titelbild-Guérot-Aslan-Pfisterer-Sagmeister

Veranstaltungsdaten

Datum
1. 9. 2017
Veranstalter
Waldviertel Akademie
Ort
Rathaus Weitra
Veranstaltungsart
Diskussion
Teilnehmer
Univ.-Prof. Dr. Ulrike Guérot, Donau-Universität Krems
Univ.-Prof. Dr. Ednan Aslan , Islamische Religionspädagogik
Mag. Ursula Sagmeister, Österreichischer Integrationsfonds
Mag. Eva Pfisterer, Kuratorin der Internationalen Sommergespräche

„Die Welt von morgen. Europas Werte und unsere Zukunft“ lautete der Titel der 33. Internationalen Sommergespräche vom 31. August bis 3. September 2017, die von der Waldviertel Akademie organisiert wurden. Diesmal sprachen Univ.-Prof. Dr. Ulrike Guérot (Donau-Universität Krems), Univ.-Prof. Dr. Ednan Aslan (Professor für Islamische Religionspädagogik) & Mag. Ursula Sagmeister (Österreichischer Integrationsfonds) zum Thema: “Brauchen wir noch Werte – und wenn ja, welche? (Teil 1)” mit besonderem Augenmerk auf Menschenrechte, Religion & Integration.

Die Kuratorin der Sommergespräche, Mag. Eva Pfisterer, läutet die Diskussion ein mit den Worten:

Natürlich brauchen wir Werte. Durch andere Religionen jedoch, durch ein anderes Werteverständnis, durch das Toleranzsystem werden die Werte leicht angeknabbert bzw. verändert.

Laut Verfassung seien die Werte der Religionsfreiheit verteidigt und es uns z.B. in Freiheit erlaubt, Kritik an Religionen auszuüben, ohne dafür verfolgt oder ermordet zu werden (Stichwort: „Charlie Hebdo“).

Nun meldet sich Univ.-Prof. Dr. Ulrike Guérot zu Wort. Sie stellt die Bedeutung von Werten generell in Frage und meint, dass diese a priori unbezahlbar, nicht zu budgetisieren und in der Demokratie nicht verhandelbar seien.

Und weil wir Werte nicht einpreisen können, können wir sie in einer Demokratie eigentlich nicht verhandeln.

lautet Guérots erste These.

Die Flüchtlingsdebatte sieht Guérot als die größte Wertedebatte in Europa und betont, dass das alles aber Geld koste, z.B. für die Unterkünfte der Flüchtlinge usw. Demnach würden Werte Geld kosten, doch wir könnten sie nicht einpreisen – genau deshalb würden wir sie vielleicht verlieren.

Weiters erwähnt die Europa-Expertin den „europäischen Drehmoment“, der besage, dass wir (Europa) davon ausgehen würden, dass sich alles um uns drehe und sich dieser Zustand weiter verlängern lasse – und so würde Politik auch verhandelt. Anstelle der „democracy promotion“ sei die Kriegspromotion getreten, z.B. in Syrien und dem Irak, und daraus resultiere die Flüchtlingsproblematik. Doch, so Guérot:

The party is over.

Was ihrer Ansicht nach bedeutet, dass es sich in der historischen Kontingenz nicht ausgehe, dass alles so bleibe wie es ist und wir weiterhin alle Ressourcen abschöpfen, ohne dafür die Konsequenzen zu spüren bekommen.

Aus dem Publikum stellte Alexander Stipsits, Autor bei Idealism prevails, eine Frage:

Ich habe noch nie eine wahrhaftige Defintion von ‚Freiheit‘ gehört – und wenn Freiheit, wovon, wofür? Frieden ist relativ einfach definierbar, aber was ist mit der Freiheit?

Bei dem Thema Freiheit sei Guérot immer bei Hannah Arendt, die sagt: „Der Sinn der Politik ist die Freiheit„, und nicht die Sicherheit. Weiters warnt die Professorin vor einer Verwandlung eines Europa als „Friedenserzählung“, eines Friedensprojekts, in ein „Europa der Sicherheit“, also in eine Sicherheitserzählung. Das Problem sei, dass sich die meisten Menschen im Zweifelsfall für die Sicherheit entscheiden würden – in dieser Debatte seien sie demnach leicht abzuholen:

Wenn man einem Menschen sagt: 3.000 Euro bis an dein Lebensende, frisches Bier und einmal im Jahr nach Mallorca, dann schlagen 80% ein – nur ein kleinerer Teil entscheidet sich für Freiheit.

Die Menschen würden also nicht davor zurückschrecken, ihre Freiheit durch Vorratsdatenspeicherung, Vorbeugehaft und Überwachungskameras etc. zu „verscherbeln“. Sie rät auch zur Diskussion über den Freiheitsbegriff per se, wie ihn z.B. die Menschen unter 30 nämlich verstehen würden.

Univ.-Prof. Dr. Ednan Aslan, Professor für Islamische Religionspädagogik, würde das Thema Freiheit und Sicherheit nicht separat debattieren, denn Freiheit bedinge Sicherheit: Ohne Sicherheit könne man Freiheit nicht leben. Er zeigt auch Verständnis für die Ängste der Menschen in Europa, die teilweise einfach begründet seien – sie hätten eben Angst, diese Freiheit zu verlieren.

Ein Mensch, der mündig in einer Gesellschaft handeln möchte, braucht auch diese Sicherheit. Wenn diese Sicherheit in einer Gesellschaft fehlt, dann hat man auch keine Freiheit.

so Aslan.

Aus der religiösen Perspektive bedeute Freiheit, dass ein Mensch mündig autonom in einer Gesellschaft handeln dürfe und könne und er seine Handlung mit seinem Gewissen begründen und erklären könne. Darüber mit einem Kind in der Erziehung zu sprechen, sei die Grundlage für diese Mündigkeit.

Bestimmte Werte seien für Aslan universal – und wenn die Europäer ihre eigenen Werte wie z.B. die Demokratie hinterfragen, so würden dadurch keine guten Impulse in Richtung islamische Länder gesetzt.

Mag. Ursula Sagmeister vom Österreichischen Integrationsfonds erzählt von ihren Erfahrungen, die sie in ihren Wertekursen im Integrationswohnhaus in Mödling für 150 Asylberechtigte (vorwiegend Familien aus Tschetschenien) machte und dort auch die innere und äußere Kommunikation leitete. Ihr sei es ganz wichtig, den Menschen dort Werte wie Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, die Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, usw. zu vermitteln:

Das, was wir den Flüchtlingen von den Anforderungen der Regierung und dem Staat sagen, das ist Integration. Das verlangen wir von ihnen, damit sie bereit sind, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Der Weg zur Integration dauert Jahre. Die Leute müssen wissen, wie Österreich funktioniert.

Weiters standen die Themen „Polygamie“, die Kopftuchdebatte, die Stellung der Frau, der Koran, die „sublimierte“ Genderdebatte, die Gewalttheologie u.v.m. zur Debatte. Wer mehr darüber erfahren möchte, führt sich das Video zu dieser wichtigen Diskussionsrunde zu Gemüte:

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Titelbild-Guérot-Aslan-Pfisterer-Sagmeister Titelbild-Guérot-Aslan-Pfisterer-Sagmeister Idealism Prevails CC BY-SA 4.0
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