Russland und der Westen – gegenseitiges Unverständnis

Für den Politikwissenschafter und Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck Univ. Prof. Dr. Gerhard Mangott ist das Unverständnis, welches sich Russland und der Westen entgegenbringen, auf die Entwicklungen der letzten 30 Jahre zurückzuführen: Hoffnungen wurden beiderseits enttäuscht. Putins Annäherungsversuche an den Westen wurden mehrfach zurückgewiesen; er musste feststellen, dass es kein Interesse daran gab, Russland als gleichberechtigten Partner zu akzeptieren. Die Enttäuschung geht weit über Putin hinaus: die gesamte russische Elite rund um ihn teilt dieses Gefühl.

In den Regierungsjahren von Michael Gorbatschow endete nicht nur die UDSSR, sondern auch der Kalte Krieg. Wie Gorbatschow Jahre später anmerkte, sei es ihm damals nicht gelungen, im Westen Verbündete zu finden, die seine Ideen gemeinsam umsetzen wollten.

Im Kalten Krieg war das neutrale Wien der Haupttreffpunkt von Agenten aus Ost und West, aber auch von Politikern aus beiden Einflusszonen. Unter der letzten Regierung versuchten vor allem Kanzler Kurz und Außenministerin Karin Kneissl eine Brückenfunktion zwischen der EU und Russland aufzubauen. Dies führte im Westen aber zu viel Missmut. Die aktuelle Regierung ist zur westlichen Verankerung zurückgekehrt.

Das Narrativ, welches Russland bzw der Westen über den Zusammenbruch der Sowjetunion und die folgenden Jahre vertreten, könnte unterschiedlicher nicht sein: während sich der Osten nach der Revolution gegen den Kommunismus als gleichberechtigter Sieger des Kalten Krieges sieht, brüstet sich der Westen damit, Russland niedergerüstet und die liberale Marktwirtschaft zum Sieg geführt zu haben. Dieses Grundmissverständnis hält bis heute an. Die Vormachtstellung der USA wurde anfangs, als Russland darniederlag, widerwillig anerkannt; Vladimir Putins Streben nach Gleichbehandlung wurde abgelehnt – stattdessen wurde die NATO in zwei Wellen gen Osten erweitert. Mangott zählt weitere einseitige Maßnahmen des Westens gegen Russland auf, die das Zerwürfnis verstärkt haben. Die darauf folgende Neuausrichtung russischer Außenpolitik führte zu militärischen Interventionen in Georgien, der Ukraine und Syrien.

Im Syrienkonflikt sieht man die Unvereinbarkeit der Machtinteressen: während für die USA feststeht, dass Assad zurücktreten muss, werden er und sein Regime von Russland militärisch unterstützt. Putin wollte dem Westen mit diesem Engagement klar machen, dass er künftig keinen Regimewechsel, der ausschließlich westlichen Interessen dient, mehr zulassen werde; und dass Russland – im Gegensatz zum Westen – seine Verbündeten nicht fallen lässt.

Die gegenseitigen Schuldzuweisungen, wer an diesem zerrütteten Verhältnis die Verantwortung trägt, bilden sich auch in den jeweiligen Medien ab: im Westen sieht man Russlands aggressive Militärpolitik und den immer autoritärer werdenden Führungsstil Vladimir Putins als Ursachen; für die Russen trägt die Gegenseite die Hauptschuld, da sie nie auf russische Interessen achtgegeben hat: durch die Expansion der NATO gen Osten und durch diverse Kriege in der Nachbarschaft sei Russland in diese Abwehrhaltung gedrängt worden. Mangott selbst kann dem russischen Narrativ mehr abgewinnen, als dem westlichen.

Die NATO-Osterweiterung, die mehr als zweihundertjährige Geschichte der Bedrohung Russlands durch den Westen, die Causen Alexej Navalny und Sergej Skripal und die wachsende Dominanz des Geheimdienst- und Militärapparates in den russischen Entscheidungsgremien sind weitere Themen dieses informativen Gesprächs.

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RW Gerhard Mangott Wolfgang Müller 1