Tempowahn – Winfried Wolf (Buchpräsentation des Promediaverlags)

Gesellschaft

Anfang April 2022 stellte der Autor und Verkehrsexperte Winfried Wolf sein neuestes Werk Tempowahn – vom Fetisch der Geschwindigkeit zur Notwendigkeit der Entschleunigung vor.

Das Zeitdiktat, in dem wir heute leben, habe es in seiner Kindheit und Jugend nicht so extrem gegeben, wie er zu Beginn seines Werkes ausführt. Der Kapitalismus hat dieses Diktat zur Messung der Arbeit in unseren Alltag gebracht und immer weiter verstärkt, wie schon Karl Marx erkannt hat; davor wurde die menschliche Gesellschaft von natürlichen Zeitvorgaben (Tag/Nacht, Mittag etc) geprägt.

Entscheidend für diese kapitalistische Entwicklung waren diverse Transportrevolutionen: Kanäle, Eisenbahn, Auto, Flugzeug. Gerade die Wirkung der Kanäle wurde lange historisch unterschätzt, weshalb Wolf ein Beispiel für deren Auswirkung auf die Gesellschaft erzählt. Während die Kanäle den Transport vor allem erleichterten, verkürzten die Eisenbahnen die Transportzeit erstmals signifikant. Bis dahin gab es zB in England an verschiedenen Orten Lokalzeiten; jetzt musste eine Einheitszeit mit weltweiten Zeitzonen gefunden werden, die an jedem Ort gleich war und die 1884 auf einer Konferenz in Washington beschlossen wurde. Nicht nur Heinrich Heine war bestürzt darüber, wie rasant die Welt plötzlich zusammenwuchs, und nur noch die Zeit eine Rolle spielte.

Das Auto übernahm spätestens durch Henry Fords Serienproduktion die Führung im Transportwesen. Doch auch wenn sich die Geschwindigkeit stetig steigerte, so nahm die effektive Fahrzeit durch die zunehmende Anzahl an Autos auf den Straßen nicht in gleichem Maße ab. Dass das Auto gerade zur Zeit des Faschismus immer mehr in Mode kam, sei für den ehemaligen PDS-Politiker Wolf keine Überraschung: Ford selbst war glühender Hitler- und Mussolini-Verehrer und half zB Volkswagen massiv beim Bau der ersten Fabrik in Wolfsburg. Die Gesellschaft der Futuristen, die Wolf zitiert, und die dem Faschismus mehr als nahe stand, verehrte nicht nur die Geschwindigkeit als neue Herrlichkeit der Welt, sondern verherrlichte auch den Krieg. Laut dem Linguisten Viktor Klemperer war der Tempowahn ein fester Bestandteil der Naziideologie.

Auch wenn die Eisenbahn schon stark in die Umwelt eingriff, so potenzierte sich dies mit den für die Autos notwendigen Straßen. Die dramatische Zunahme von Tunnelbauten seit 1985 zeugt von einem im stärker um sich greifenden Tempowahn.

Welche weiteren technischen Entwicklungen diesen Tempowahn bis heute unterstützen, warum wir dennoch heute in einer Staugesellschaft leben, wieso ein Fußgänger schneller unterwegs ist als ein Autofahrer, welche direkten Auswirkungen Geschwindigkeit auf unser Leben, unsere Kultur und unsere Umwelt habt und wie wir aus diesem unfreiwilligen Hamsterrad herauskommen sind weitere Inhalte dieses Buches.

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tempowahn Wolfgang Müller 1
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