Wahrhaftig sein

To be true

Als ich damit anfing, regelmäßig mit Annibale zu reden, lehrte er mich in langsamen aber steten Schritten, wie ich die Dinge des Lebens neu und anders betrachten könnte. Ein Glaubenssystem ist nämlich wie eine Mauer, bei der jeder Ziegelstein mit dem anderen ineinander verbunden ist. Um diese Mauer niederzuschmettern, ist es wichtig, nicht bei der Basis zu beginnen: Diese Schicht zu entfernen, ist nämlich noch nicht möglich. Zuerst müssen die Ziegel oben gelöst werden, und so arbeitet man sich zu den anderen runter bis zur Basis.

Ich bringe nun wieder diese Zeit mit Annibale in mein Bewusstsein, und ich kann uns sehen: Wir reden, lachen, schmunzeln, sind aber nicht immer einer Meinung und diskutieren dann und wann. Da befand sich nämlich noch ein Teil in mir, der mich zur Zurückhaltung zwang. – Ich wollte diesen neuen Weg einfach noch nicht akzeptieren.

Was Annibales Worte allerdings so bedingungslos unbestreitbar machten, war seine entwaffnende Logik. Verzweifelt versuchte ich, ihn (oder vielleicht sogar mich selbst) davon zu überzeugen, dass er mit all seinen Theorien falsch lag – dennoch schaffte er es immer, mich still werden zu lassen.

Das war immer mein größtes Problem: Meine Angst davor, wahrhaftig zu sein. Wenn man unsicher ist, ist es sehr schwierig, sich anderen zu öffnen – aus Furcht, dass andere einen ablehnen könnten. Also verbirgt man das, was man wirklich ist und man verwandelt sich in jemand anders: Du entwickelst dich zu einer Person, die von den anderen gewünscht ist. Scheinbar war ich nicht einsichtig genug gewesen, zu erkennen, dass ich solch ein Leben führte.

Dann sagte Anni eines Tages zu mir:

Du findest Unterstützung in der Einfachheit von Logik. Die Stärke aufzuweisen, sich zu verändern, bedeutet, sich selbst aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wenn du dich aus den Augen deines Verstandes betrachtest, dann siehst du immer nur das Chaos. Aber wenn du dich selber als Beobachter siehst, dem durch den Geist geholfen wird, wirst du täglich immer mehr verstehen. Ein Beobachter zu sein, bedeutet, sich nicht mehr zu beschweren, sich von Verurteilungen zu verabschieden und ganz langsam in Harmonie mit dir in eins zu werden. Der Nährboden für Harmonie befindet sich nicht im Verstand – sie ist die Sprache deines Herzens. Was so viel heißt, dass die Liebe aus dir spricht. Wenn du so lebst, dann verändern sich die Situationen, die die Gegenwart bilden, und alles beginnt, so zu laufen, wie es dein Weg sein soll.

Gedanken verbrennen Zeit, verbrennen die Seele. Die Zeit zerstreut sich, weil sie keinen Körper findet. Ein Körper muss mit Zeit gefüllt werden, er wird so bunt. Manchmal sehe ich dunkle Farben in menschlichen Körpern, sie sind Teile von Traumata, die sie in ihren Leben hatten. Diese dunklen Farben müssen einem bewusst gemacht werden und du sollst es aussprechen:

Ich mag sie (diese Farbe) nicht mehr! Ich lege sie nun ab und gehe meinen eigenen Weg.

Also gehst du weiter, und du weißt: Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Es ist nicht mehr nötig, die Bestätigung anderer zu suchen; z.B. die von der Familie, von deinem Freund oder von irgendjemand anders. Denn wenn du deinen wahren Weg gehst, betrittst du deinen eigenen Raum der Realität.

Wenn du Angst verspürst

Du hast dermaßen Angst, wahrhaftig zu sein. Warum? Warum betrügst du dich permanent? Was stellt es denn für ein Risiko dar, wenn du dich dafür entscheidest, echt zu sein? Vielleicht fühlst du deshalb Angst, weil andere Menschen sich entscheiden könnten, dich zu verlassen, weil du so bist wie du bist? Ach! Das ist doch wahrlich ein Segen.

Diesen Hürden zu begegnen, ist wichtig. Begegne jenen, die die dich wirklich lieben. Sag ihnen, was in deinem Herzen vorgeht. Tue es ohne Bestätigung und Billigung. Tue es, ohne Angst davor zu haben, jemand anders zu schaden. Denn wenn du ehrlich bist, dann schadest du nicht, sondern es entsteht Verständnis!

Wenn du damit anfängst, auf diese Weise zu leben, wirst nicht nur du dich verändern. Auch die Menschen, die dich lieben, erkennen den Wandel in dir und, inspiriert durch dich, verändern sich ebenso. Deine Liebe macht es möglich.

Mein lieber Freund Roberto Buscaioli sagt:

Was du mit Liebe tust, ist immer jenseits von Gut und Böse.”

Was ist nun das wirklich das Gute und das echt Böse?

Darauf habe ich keine Antwort, denn jeder muss seine eigene Wahrheit finden. Es gibt ein paar universale Realitäten, aber all die anderen unterscheiden sich von einander, weil wir eben auch alle individuell und verschieden sind. Mit den Gedanken werden die Wahrheiten formuliert. Mit den Taten ausgeführt. Nur du selbst kannst dir deine eigene Wahrheit bilden.

Nun sage ich Auf Wiedersehen, und zwar mit dem folgenden Gedicht, welches Dali verfasste (und ich es nach meinem Verständnis wiedergegeben habe):

Ich lernte die menschliche Liebe kennen, doch sie war besitzergreifend.
Ich lernte ihre Freundschaft kennen, doch sie war missbräuchlich.
Ich lernte ihre Hilfe kennen, doch sie war erniedrigend.
Ich lernte ihr Mitgefühl kennen, doch sie war herablassend.
Ich lernte ihren Schutz kennen, doch er war voller Hintergedanken.
Ich lernte ihre Gerechtigkeit kennen, doch sie war parteiisch.
Ich lernte ihre Geradlinigkeit kennen, doch sie war brutal.
Ich lernte ihre Ehrlichkeit kennen, doch sie war nur Schein.
Ich lernte den menschlichen Glauben kennen, doch er war ein Gefängnis.
Ich lernte ihre Philosophie kennen, doch sie war nur Asche.
Ich lernte ihre Wissenschaft kennen, doch sie war blind.
Ich lernte ihre Gesellschaft kennen, doch sie erfüllte mich nicht.
All das habe ich kennengelernt,
und da ich mich daran störte,
realisierte ich, dass ich noch nicht an mein Ende gelangt war.

In Liebe
Dali

Übersetzung Englisch-Deutsch: Anna Dichen

Credits

Image Title Autor License
To be true To be true Thomas Fellinger CC BY-SA 4.0

Diskussion (Ein Kommentar)

  1. hearty ! thx