Michael Lüders: Wer den Wind sät …

wer den wind sät
Gesellschaft

Allzu oft vergessen wir, dass wir selbst diejenigen sind, die die Welt, in der wir leben, mit unseren Handlungen tagaus, tagein neu erschaffen. Und dass unsere Handlungen Konsequenzen haben, egal ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Schnell vergessen wir die Zusammenhänge, in die eine gewisse Situation eingebettet ist und haben den oberflächlichen Eindruck, dass etwas nahezu grundlos entstanden ist.

Wir versuchen dann, das scheinbar unerklärlich Entstandene irgendwie zu begreifen. Wir sind zwar verständlicherweise nicht imstande, die unzähligen, für uns unbekannten Faktoren bei verschiedenen Sachverhaltsanalysen in Betracht zu ziehen, aber das eigentlich Besorgniserregende ist, dass wir die kausale Wirkungsweise unserer Taten nicht zu verfolgen vermögen.

Wir betrachten die Wirklichkeit wie einen Schnipsel, sehen immer nur eine Finalität, der wir machtlos ausgeliefert sind. Und dann die ewige, immer gleiche Frage: Wie konnte das nur passieren?

Diese Frage stellen sich viele Menschen, wenn sie mit den erschütternden aktuellen Ereignissen und Umwälzungen im Nahen Osten und in Europa (aber auch auf der ganzen Welt) konfrontiert sind.

Zu Recht! Manche sind zu jung und hatten daher keine Möglichkeit, Ereignisse mitzuverfolgen, die sich irgendwann in einer mehr oder weniger fernen Vergangenheit abgespielt haben. Sie kennen also nur die jetzige Situation. Und andere, die Älteren, sind oft nicht darin geübt, Verbindungen herzustellen und verschiedene Bilder in eine ganzheitliche Geschichte zu verweben – oder sie sind einfach nur vergesslich oder uninteressiert.

Zum Glück gibt es wertvolle Bücher wie Michael LüdersWer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“, welches wohl ganz zu Recht eine der meistbeachteten geschichtlich-politischen Analysen der letzten Jahre ist.

Es liefert dem Leser die Genese der Situation im Nahen Osten und somit auch den nötigen Kontext, um die verstörenden aktuellen Ereignisse zu verstehen und richtig einordnen zu können. Es handelt sich um ein Musterbeispiel dafür, dass man ein Buch über ein so hochkomplexes Thema sachlich fundiert und spannend schreiben kann, ohne den Leser mit unwichtigen Daten und Details zuzuschütten und zu überfordern.

Ich habe dazu ein Gespräch mit Michael Lüders geführt:

Lieber Herr Lüders, was auf der Rückseite Ihres Buches geschrieben steht, ist nicht bloße Werbung. Sie halten das Versprochene ein, und man hat nach dem Lesen des Buches wirklich den Eindruck, eine entsprechende Vorbildung bekommen zu haben, die es einem ermöglicht, viele Geschehnisse im Orient besser zu verstehen. Oder anders ausgedrückt: Sie helfen dem uneingeweihten Leser und vermitteln ihm einen Kontext, ohne den er sich kein ganzheitliches Bild über die aktuellen weltbewegenden politischen Ereignisse machen kann. Dafür danke ich Ihnen persönlich, aber auch im Namen einer breiten Leserschaft!

Vielen Dank für Ihr Lob!

Wie gut ist Ihrer Meinung nach der durchschnittliche europäische Bürger ins tagespolitische Geschehen eingeweiht?

Die meisten Westeuropäer sind gegenwärtig besorgt über den sozialen Druck, dem sie sich ausgesetzt sehen. Die Mittelschicht droht in ihrem unteren Drittel abzurutschen. Die mittlere Mittelschicht hofft, ihren Lebensstandard zu halten. Die Flüchtlingskrise wird nunmehr zum Fokus von Ängsten und Sorgen: Die Ausländer, die Muslime sind an allem schuld! Die westlichen Medien folgen überwiegend einem Mainstream, der nur schlecht über das tagespolitische Geschehen informiert.

Ein Schwarz-Weiß-Denken herrscht vor, wobei „wir“ im Westen stets zu den „Guten“ zählen. Das „Böse“ schlechthin verkörpert aus dieser Perspektive gegenwärtig vor allem Russland und namentlich Putin.
Gibt es irgendwelche konkreten Merkmale, anhand derer die Nachrichtenzuseher ganz klar durchschauen können, dass es sich um Falschmeldungen handelt, oder ist ganz einfach davon auszugehen, dass nahezu alles, was wir serviert bekommen, immer nur eine angepasste Halbwahrheit ist?

Wir müssen anfangen, selber verstärkt zu denken und zu recherchieren, uns auszutauschen. Ansonsten müssen wir uns in der Tat mit angepassten Halbwahrheiten begnügen.

Ihr Buch hat sich ja richtig gut verkauft. Das deutet ganz klar auf ein immenses Interesse für das Thema hin. Aber auch, dass es ein Bedürfnis nach einem ganzheitlichen Verständnis eines für uns alle so wichtigen Gegenstands gibt. Wie wurde Ihr Buch in den Mainstream-Medien wahrgenommen und behandelt? Wurden Sie marginalisiert, zensuriert? Und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

„Wer den Wind sät“ ist von den überregionalen Qualitätszeitungen komplett ignoriert worden, es hat nicht eine einzige Besprechung gegeben. Aber im Hörfunk und im Fernsehen hat es viel positive Resonanz gegeben.

Grundsätzlich macht man sich nicht beliebt, wenn man gegen den Strom schwimmt – andererseits kann man aber auch ertrinken, wenn man mit ihm schwimmt.
Donald Trump wird der neue Präsident Amerikas sein. Kann man schon über die weiteren politischen Strategien der USA im Nahen Osten irgendwelche Voraussagen machen?

Es ist zu früh, um Aussagen über die künftige Politik Donald Trumps zu machen, egal in welchem Bereich. Wird er sich um ein neues Verhältnis zu Russland bemühen? In diesem Fall müsste er sich mit mächtigen Teilen des amerikanischen Establishments anlegen, die an einer Normalisierung der Beziehungen zu Moskau nicht interessiert sind – aus machtpolitischen und wirtschaftlichen Gründen nicht. Außerdem braucht jede Rüstungsindustrie ein Feindbild.

Heute gehört viel Mut dazu, über die Gewalttaten und Ungerechtigkeiten in der Politik Israels gegenüber den Palästinensern zu sprechen. Es spielt keine Rolle, wie fundiert und belegt die Fakten in der Argumentation sind, man wird sofort als Nazi abgestempelt. Sie sind einer dieser mutigen Menschen. Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich deswegen oft rechtfertigen müssen?
Es macht in Deutschland wirklich keinen Spaß, israelische Politik zu kritisieren. Man sieht sich sehr schnell dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt.

Dadurch, dass der Beck-Verlag ein sehr renommierter Verlag ist und zudem sehr viel Judaica veröffentlich hat, sind direkte Angriffe auf mich allerdings ausgeblieben. Trotzdem vermeide ich es, in der Öffentlichkeit Vorträge zu diesem Thema zu halten, weil das Risiko, bewusst missverstanden zu werden, sehr groß ist – selbst bei allergrößter Sachlichkeit.

Die Angst vor dem Islam ist in Europa ein großes Thema. Diese wird von den Medien, von Gruppen und Einzelnen geschürt, die sich einen Vorteil von einer solchen Stimmung erhoffen. Welcher Vorteil wäre das, und was kann man tun, um aufklärerisch eine Entschärfung zu bewirken?

Das Thema „Islam“ ist überall in Europa ein Reizthema, aus vielen Gründen. Wie kann man die Stimmung entschärfen? Das ist schwer zu sagen und sicher von Land zu Land unterschiedlich.

Dennoch werden die Muslime auf lange Zeit nicht aus ihrer Rolle als „Sündenböcke“ herauskommen. Der Islamhass von heute ähnelt in seinen Grundmustern sehr dem Antisemitismus in der Vergangenheit.

Offenbar brauchen Gesellschaften immer einen „Blitzableiter“. Solange sich die sozialen Gegensätze verschärfen, wird sich daran wohl auch nicht viel ändern.

Gibt es Ihrer Meinung nach hinter all diesen kriegerischen Auseinandersetzungen einen Masterplan, den die Machtelite verfolgt, um ein bestimmtes, uns unbekanntes Ziel zu erreichen? Was muss ganz konkret verwirklicht werden, damit die zuständige Machtelite sagen kann: „Jetzt reicht es, es ist kein Krieg mehr nötig, wir müssen keine Gewalt mehr anwenden, das Ziel ist erreicht“?

Einen „Masterplan“ irgendeiner Machtelite gibt es sicher nicht – wohl aber die Entschlossenheit der Großmächte, ihre Interessen mit allen Mitteln zu verteidigen, auch militärischen. Das ist gefährlich, wie die Beispiele Ukraine und Syrien zeigen. Bei aller berechtigten Kritik an russischer Politik – die westliche Politik ist nicht weniger selbstbezogen, „verkauft“ sich aber gerne unter der Überschrift: „Wir treten ein für unsere Werte.“ Da ist viel Heuchelei im Spiel.

Sie haben ja in Damaskus in einer anderen Zeit arabische Literatur studiert. Können Sie uns eines oder mehrere Bücher empfehlen, die als Brücke zwischen den Kulturen dienen könnten?

Ein Buch ist ein unbedingtes Muss: Der 2015 erschienene historische Roman „Samarkand“ von Amin Maalouf, einem Franko-Libanesen. Er verbindet erzählerisch Orient und Okzident und schlägt einen historischen Bogen von dem großen persischen Universalgelehrten Omar Khayyam, der vor 1000 Jahren lebte, bis in die Gegenwart.

Wie sehen Sie in diesen bewegten Zeiten die Rolle von Bürgerbewegungen, die sich wie „Idealism Prevails“ für mehr Eigenverantwortung, Mitmenschlichkeit, freisinniges Denken und bürgerliche Freiheiten einsetzen? Also Bürgerbewegungen, die eine bildende Plattform bieten und die es als ihre Aufgabe ansehen, über wichtige Themen aus allen Lebensbereichen frei zu berichten, aber vor allem auch, die Menschen auf einer zutiefst humanistischen Ebene miteinander zu verbinden und einen Austausch zu fördern.
Bürgerbewegungen können zu einem Bewusstseinswandel beitragen. Das ist insofern sehr wichtig, als die politisch Verantwortlichen meist zu unbeweglich sind, um von sich aus auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren oder sie überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen.