Wir bleiben noch – Chancen für eine neue sozialdemokratische Erzählung

In dieser Online-Diskussionsrunde des BSA Döbling, die von Mag. Maximilian Eberl moderiert wird, werden die Gründe für die ausbleibenden Wahlerfolge sozialdemokratischer Parteien in ganz Europa analysiert.

Die Politologin Univ.-Prof. Dr. Regina Kreide, Co-Autorin des Buches Verbündet euch, stellt fest, dass die politischen Erzählungen momentan von den neoliberalen und den nationalen Kräften dominiert werden. Auch das konservative Narrativ der Grünen, die auf Wirtschaftswachstum mit ökologischem Anstrich setzen, scheint erfolgreich zu sein. Die Diskussion über Produktionsverhältnisse, Rechte der Arbeiter und gerechte Verteilung der Profite wird aber in all diesen Strömungen nicht geführt. Anzustreben wäre für alle linken Kräfte (nicht nur sozialdemokratische) eine umfassende, gemeinsame Erzählung auf Basis eines demokratischen Sozialismus.

Historisch gesehen waren erfolgreiche Erzählungen immer ein Steckenpferd der Sozialdemokratie, meint Dr. Felix Butzlaff, Politologe und Co-Autor des Buches Genossen in der Krise. Seit Beginn dieses Jahrtausends hat die Sozialdemokratie aber nicht nur keine Antworten auf die Fragen der Menschen mehr, sondern sie hat offensichtlich auch aufgehört, nach diesen zu suchen. Auch in der Vergangenheit musste man mit politischen Gegnern hart um die Durchsetzung linker Ideen ringen; dieses Ringen findet heute aber nicht mehr statt.

Für den Politologen Univ.-Prof. Markus Wagner wird der Wert einer Erzählung für den Erfolg von Parteien überschätzt: die meisten Wähler denken bei ihrer Entscheidung weniger komplex, als es sich Parteistrategen und Wissenschaftler oft eingestehen wollen.

Auch der Schriftsteller Daniel Wisser, dessen Buch Wir bleiben noch titelgebend für diese Veranstaltung war, sieht in der Fokussierung auf das Erfolg bringende Narrativ einen Irrweg. Die Bücher von Thilo Sarrazin bis Sahra Wagenknecht mündeten in eine permanente Nabelschau und führten zur Aufspaltung der Linken, da die Autoren bestimmte Gruppen ausschlossen/angriffen. Eine Erzählung lebt literarisch gesehen meist von der Kraft des Erzählers, und nicht unbedingt vom Inhalt. Seit den 90erjahren haben viele europäische sozialdemokratische Parteien einige Erzählungen der Konservativen übernommen (Tony Blair, Gerhard Schröder etc). Im medialen Auftritt hecheln sie den rechten und konservativen Parteien hinterher und wollen sie kopieren: der unbändige Wunsch, vom Boulevard wieder hofiert zu werden, ist aber ebenfalls ein Irrweg, meint Wisser.

Ohne Erzählung kann man keine kollektive Politik machen, kontert Dr. Butzlaff: denn über die Erzählung werden Menschen in Parteien eingemeindet. Daraus kann an ein sozialdemokratisches Bauchgefühl (Hannah Arendt sprich von gelebter Erfahrung) entstehen, welches die Wahlentscheidung der Menschen beeinflusst, ohne das Wahlprogramm zu kennen. Die ideologische Auseinandersetzung im wissenschaftlichen Elfenbeinturm, wer denn nur der Aufrechtere Linke ist, gehört nicht zu so einem Narrativ.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung wird über die Rolle von Persönlichkeiten in Parteien/im Wahlkampf, die Auswirkungen des gesellschaftlichen Strukturwandels (Verschwinden der Arbeiterschaft, neue Bewegungen) auf den Niedergang linker Parteien, potenzielle neue Wählergruppen (zB Migranten, die künftig wählen können), die notwendige Abkehr von Spin-Doktoren, der Umgang mit rechten Mitbewerbern und die Rückgewinnung der Wähler und viele weitere Themen, auch unter Einbindung des Publikums,  diskutiert.

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Chancen für eine neue sozialdemokratische Erzaehlung Wolfgang Müller 1

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