Wirtschaft und Sozialstaat in Krisenzeiten – Dr. Markus Marterbauer

Zu ihrer Premiere als KitchenTalks-Moderatorin begrüßt Yvonne Gaspar den Chef-Volkswirt der Arbeiterkammer Wien, Dr. Markus Marterbauer. Dieser war bereits vor einigen Monaten zu Gast in unserem Podcast-Format Darüber sollten wir reden. Seit damals habe sich die Wirtschaft zwar ein wenig erholt, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise werden uns aber noch sehr lange beschäftigen. Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit, aber auch die schwierigen Startbedingungen für junge Arbeitnehmer machen Marterbauer Sorgen. Der Rückgang der Wirtschaftsleistung von 10 Prozent bedeutet, dass Österreich etwa auf das Niveau von 2015 zurückfällt. Dies sei an sich noch kein Drama; doch seien bestimmte Wirtschaftsbereiche und Gesellschaftsgruppen (Arbeitslose, kleine Selbständige) besonders stark von der Pandemie betroffen. Die Hilfe für diese Gruppen sei bisher viel zu schleppend angelaufen. Langfristig muss Wirtschaftspolitik darauf abzielen, die vielen Arbeitslosen wieder in Beschäftigung zu bringen bzw. gerade Jugendlichen die Chance zu bieten, um Zusatzqualifikationen zu erlangen. Auch hier gibt es noch sehr wenige konkrete Ansätze der Bundesregierung, so Marterbauer.

Im Folgenden geht es um das Wachstums-Wohlstands-Dilemma: wie schaffen wir mehr und mehr Wohlstand für eine größer werdende Zahl an Menschen, ohne die Ressourcen der endlichen Welt zu überfordern? Ist das wachstumsabhängige Bruttoinlandsprodukt der richtige Indikator, um Wohlstand zu messen? Da das BIP weder die Verteilung des Wohlstandes, noch Umweltschäden oder Lebensqualität miteinbezieht, ist es nur ein unzureichendes Instrument. Klar ist heute mittlerweile vielen, dass Wachstum an sich intelligent gestaltet werden muss, um Wohlstand (der sich mittlerweile wohl auch anders definiert als noch vor 100 Jahren) langfristig zu erhalten. Alternative Messgrößen wie zB das aus Bhutan bekannte Bruttonationalglück findet Marterbauer spannend, auch wenn diese natürlich auf das jeweilige Land angepasst werden müssen (er zählt einige Beispiele auf) – und somit einen internationalen Vergleich erschweren. Die Frage der Gerechtigkeit stünde aber immer im Mittelpunkt gesellschaftlicher Diskussion und zeitigt auch sehr viele unterschiedliche Sichtweisen. Chancengleichheit und das Leistungsprinzip stehen bei Österreichern sehr hoch im Kurs.

Marterbauer propagiert einen neuen Eigentumsbegriff: da an der Spitze der Reichtumspyramide sehr wenige Menschen sehr viel Geld und damit auch (politische und wirtschaftliche) Macht besitzen, muss man im Sinne des Fortbestandes der Demokratie eine Lösung finden. Öffentliches Eigentum müsse gestärkt werden. Als Beispiel führt er den öffentlichen Verkehr an: die Gesellschaft habe sich entschieden, Mobilität für alle möglich zu machen. Dies habe dazu geführt, dass es in diesem Bereich eine erhöhte Verteilungsgerechtigkeit gibt: jeder kann die Transportmittel nutzen. Weitere Beispiele sind das österreichische Pensionssystem und die zahlreichen, erfolgreichen Genossenschaften. Aktuell müssen wir uns entscheiden, in welche Richtung das Pflegesystem zukünftig gehen wird: Selbstvorsorge oder solidarische Hilfe über den Staat.

Die Vorteile eines gut ausgebauten Sozialstaates sind vielfältig, nicht zuletzt für den Wirtschaftsstandort. Gesicherte Pensionssysteme, Absicherungen bei Arbeitsentfall (und damit Verhinderung von Angstsparen) etc bilden eine Basis für eine gut funktionierende Wirtschaft. Menschen sind risikobereiter, wenn sie wissen, dass sie nicht ins Bodenlose fallen, wenn ihr Versuch schiefgeht, wie der Globalisierungsökonom Dani Rodrik an Hand historischer Untersuchungen gezeigt hat. Staaten mit gut ausgebauten Sozialsystemen (Nor, Swe, Dän, Ö) stehen auch heute mit an der Spitze der Wirtschaftsleistung.

Zum Abschluss des Gespräches geht es um alternative Wachstumsansätze, zB die degrowth-Bewegung. In Zukunft wird man diskutieren müssen, welche Bereiche der Wirtschaft und der Gesellschaft wachsen sollen (zb Pflegeleistungen), und welche nicht (Ressourcenverbrauch). Generelles Nullwachstum ist also kein Ziel dieser Denkrichtung. Wichtig wird hierbei der richtige Einsatz neuer Technologien sein – ohne sie wird eine Transformation nicht gelingen.

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Dr. Markus Marterbauer Wolfgang Müller CC BY SA 4.0

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