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Das Kastensystem in Indien

Im modernen Indien existiert das soziale Übel in verschiedenen Formen. Es ist verantwortlich für die Festschreibung eines tief in einer uralten, glorreichen Zivilisation verankerten sozialen Systems. Eine Form dieses sozialen Übels scheint sich festgesetzt zu haben und ist ein belastender Teil der Psyche der Inderinnen und Inder: das verabscheuungswürdige Kastensystem.

Ich denke, dass jeder, der Indien schon einmal besucht hat oder irgendetwas über die soziale Realität in diesem Land weiß, schon einmal dem Kastensystem begegnet ist. Und wenn nicht, kann man ohne Weiteres eine Menge Material finden, um über die Abscheulichkeiten und Ungerechtigkeiten, die durch das Kastensystem existieren und in seinem Namen ausgeübt werden, zu lesen und es zu verstehen.

Das Kastensystem, das man im heutigen Indien findet, ist eine moderne Manifestation des Varna-Systems, das in alten indischen Gesellschaften vorherrschte. In diesen Gesellschaften wurden die Menschen in vier Kategorien eingeteilt: Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Shudras.

Diese Einteilung basierte auf dem Beruf und entsprach daher in gewisser Weise der Einteilung der Arbeit. Doch wurde diese Einteilung bis heute von den meisten als eine Hierarchie angesehen und war dies wohl auch tatsächlich seit der Konzeption dieses Systems.

Die Brahmanen waren für die Vermittlung von Bildung und Wissen verantwortlich. Die Kshatriyas waren Krieger und für den Schutz des Staates und der Gemeinschaft, aber auch für die Verwaltung zuständig; in der indischen Sozialstruktur gehörten Könige und Minister dieser Kaste an. Die Vaishyas hatten für die Grundbedürfnisse des Lebens wie Essen und Unterbringung zu sorgen und organisierten daher alle Arten von Produktion und Handel, die für das Funktionieren der Gesellschaft nötig waren. Die Shudras schließlich hatten alle anderen Arbeiten zu erledigen, die für das Wohlergehen der Gesellschaft notwendig waren, und mussten damit häufig den anderen Klassen assistieren oder dienen.

In einfachen Worten war wohl der rationalste Grund für diese Einteilung, dass verschiedene Mitglieder einer Gemeinschaft unterschiedliche Verantwortlichkeiten oder Aufgaben für ihr reibungsloses Funktionieren übernehmen sollten. Doch für die meisten von uns scheint ein solches Verständnis sehr naiv, und es kann nicht das wahre Motiv sein hinter einem sozialen System, das seit längst vergessenen Zeiten benutzt wurde, um schreckliche Grausamkeiten auszuüben.

Man könnte jedoch auch annehmen, dass mit der Zeit der Grundgedanke, der der Erfindung des Varna-Systems zugrunde lag, sich in einem solchen Ausmaß veränderte, dass er leichtfertig fehlinterpretiert wurde, um den nicht offen eingestandenen Motiven der Angehörigen höherer Klassen zu dienen. Und so wurde und wird er bis heute bei allen Mitgliedern der Gesellschaft missverstanden.

Die Tätigkeiten und Verantwortungsbereiche der Brahmanen und Kshatriyas wurden in einem positiven Licht gesehen und daher als höherstehend betrachtet. Die Aufgaben der Shudras galten dagegen mehr und mehr als niedrig und schmutzig – ungeachtet der Tatsache, dass es außerordentlich wichtig war, dass jemand diese Arbeiten übernahm, da ohne diese die Funktion und das Wohlergehen der Gesellschaft nicht zu gewährleisten war.

Im heutigen Verständnis und in der üblichen Praxis wird die Zugehörigkeit zu einer Kaste jedoch durch die Geburt entschieden und nicht mehr durch den Beruf. Und dies ist die Wurzel all der Abscheulichkeiten und irrationalen Praktiken, die unter dem Vorwand des Kastensystems gerechtfertigt werden. Die Kaste durch die Geburt zuzuordnen, hat zunächst zu einer Konkretisierung des Systems in einer völlig verzerrten Form und dann zu seiner Verankerung geführt. Die weitere Folge war, dass den Angehörigen der niedrigeren Kategorien des hierarchischen Systems kein Recht zur freien Wahl ihres Berufes mehr zugestanden wurde und sie in ein Leben voller Armut, Ausbeutung und Missbrauch durch die Angehörigen der höheren Klassen gezwungen wurden.

In früheren Zeiten war einer Person, die in eine Shudra-Familie geboren worden war, keine Bildung erlaubt und sie musste den Beruf ihrer Familie ausüben. Doch mit der Zeit hat sich dies nach und nach geändert, und im heutigen Indien hat jeder das Recht auf Bildung. Tatsächlich erhalten Angehörige der sogenannten niederen Kasten sogar Förderungen und Erleichterungen im Bildungssystem, um mit den Angehörigen der höheren Kasten mithalten zu können, denen diese Vorteile und Chancen schon seit ewiger Zeit zur Verfügung stehen. Tatsächlich ist die Kastenpolitik ein komplexer und sehr wichtiger Teil des politischen Szenarios in Indien.

Doch Jahrhunderte der Ausbeutung und Unterdrückung der Angehörigen niederer Kasten durch die Höhergestellten haben zu schwerwiegenden Verwerfungen in den sozialen Strukturen Indiens geführt. Ich möchte behaupten, dass die Kastenzugehörigkeit im Denken fast aller Inder noch immer einen wichtigen Platz einnimmt. Viele verabscheuen das Kastensystem und tun ihr Bestes, um jegliche Aktivität zu vermeiden, die es auf irgendeine Art unterstützt. Doch es gibt auch noch immer viele, die stolz sind auf ihre Kaste und an den Normen des Systems festhalten.

Eine bedeutende Manifestation von Einfluss und Macht des Kastensystems lässt sich an den Heiratspraktiken in Indien beobachten. Es ist eine Realität, dass Ehen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kasten üblicherweise nicht gutgeheißen werden, und konservative Inder bevorzugen bis heute eine Heirat innerhalb ihrer jeweiligen Kaste. Auch wenn dies nicht für die gesamte moderne indische Gesellschaft gilt, heiratet doch ein großer Teil noch immer Ehepartner der eigenen Kaste. Viele Gesellschaften lehnen Heiraten zwischen den Kasten sogar vehement ab, und von Zeit zu Zeit werden Menschen, die eine Heirat außerhalb ihrer Kaste beabsichtigen, mit extremen Schritten daran gehindert und dafür bestraft.

Die verschiedenen sozialen Sitten zeigen klar, dass es zwischen den Hierarchien des Kastensystems keine Durchlässigkeit gibt, was zu einer extremen Ausprägung von Hierarchisierung in der indischen Gesellschaft geführt hat. Ja, die moderne Manifestation des uralten Varna-Systems ist eine vollkommen unnötige soziale Praxis, die keinerlei Sinn hat und abgeschafft gehört. Und doch ist sie eine Realität, die nicht ignoriert werden kann.

Tatsächlich konnte das Kastensystem bis heute trotz enormer Anstrengungen und unzähliger Gesetze nicht gänzlich aus der indischen Gesellschaft entfernt werden. Viele Praktiken, die darauf zurückgehen, werden heute als Straftaten verfolgt. Doch scheint das Kastensystem die Psyche vieler Inder so durchdrungen zu haben, dass sie Personen noch immer aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit diskriminieren.

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

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Varanasi2 Varanasi2 TimBrighton CC BY-SA 2.0

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  1. […] beteiligt war, sind die Taten der Menschen, so auch eine Diskriminierung auf der Basis der Kasten– und Religionszugehörigkeit, ein Ergebnis ihres Glaubenssystems. Und solche […]