Der Weisheit letzter Schluss -Erziehungsmaßnahmen

Meinung

Ein kommentierender Wochenrückblick – KW 14/24

Erziehung ist keineswegs etwas, was wir mit dem Verlassen des Kindes- bzw. Jugendalters oder der so genannten „Unmündigkeit“ hinter uns lassen, Erziehungsmaßnahmen sind – auch wenn sie anders genannt werden – ebenso Bestandteil des Lebensalltags als Erwachsener.

So setzt man im Rechtssystem auf die Präventivwirkung von angedrohten Strafen. Man lässt die Menschen also mit erhobenem Zeigefinger wissen, was sie zu erwarten haben, wenn sie diesen oder jenen Rechtsbruch begehen. Nun ist aber Angst noch nie der beste Ratgeber gewesen: den einen verdirbt es die Lebensfreude, sie werden zu angepassten, im schlimmsten Fall gebrochenen Menschen; die anderen ignorieren solche Warnungen, rebellieren durch ihr Verhalten erst recht dagegen und nehmen eine allfällige Bestrafung in Kauf, so sie denn kommt. Auch in der Pädagogik hat diese Methodik genau jene Effekte gehabt, die offensichtlich tief im Menschen verankert sind. Es braucht also anderes, besseres.

Die Unwirksamkeit sowie die negativen Auswirkungen dieser getarnten Erziehungsmaßnahmen auf ein besseres Menschsein zeigt sich auch in Ereignissen der vergangenen Woche.

Am massivsten ist es aktuell an den vielen Meldungen zu Straftaten von noch strafunmündigen Jugendlichen festzumachen. Betrachtet werden dabei vor allem die Taten selbst und die für sie „gesellschaftlich notwendigen“ Sühnemaßnahmen. Von einer Verschärfung bei den Regelungen der Strafmündigkeit ist da zu lesen, ebenso vom Schaffen einer Möglichkeit, jugendliche Straftäter in Erziehungsheimen unterzubringen. Was einerseits durchaus berechtigt ist, wird andererseits weder der jeweiligen Person noch der Situation, in der sich diese Person befindet, gerecht. Hier treffen Hobbes-Jünger, für die der Mensch des Menschen Wolf ist und daher gezähmt, ja sogar gezüchtigt werden muss, auf jene, die felsenfest vom Guten im Menschen überzeugt sind und ihn durch seine Umwelt geformt sehen – wie Jean-Jaques Rousseau. Demnach gelte es vor allem auf das Umfeld und die Menschen zu achten, von denen Heranwachsende umgeben sind. Vorbilder sind gefragt – aber, wo bitte sind sie? Ich komme später nochmals auf diesen Gedanken und diese Frage zurück.

Schauen wir in die Schulen, so gab es zuletzt in Finnland einen schaurigen Mord eines 12-Jährigen an einem Alterskollegen, weil er sich – so der kolportierte Ermittlungsstand – gemobbt fühlte. Auch in Deutschland und Österreich sind die Bildungsanstalten – glaubt man der Berichterstattung – voll mit Problemkindern, die gebändigt oder sogar suspendiert werden müssen. Was aber sind die tiefliegenden Gründe für diese Ereignisse und dieses Verhalten?

Es ist völlig klar, dass das Zusammenleben gewissen Regeln unterliegt, die sich aber – idealistisch gedacht – durch unser Menschsein logisch ergeben müssten. „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“, heißt es da etwa sprichwörtlich. Auch die Religionen kennen „goldene Regeln“, die ähnliches ausdrücken; und in der Philosophie wird viel über Ethos und Ethik nachgedacht – mit den gleichen Schlussfolgerungen. Einer Logik wie dieser kann man sich doch nicht verschließen – oder etwa doch? Was also ist das eigentliche Problem?

Zwei besonders krasse Beispiele, wo das menschengemachte Rechtssystem kläglich zu versagen droht bzw. bereits versagt hat, sind jene des nach wie vor inhaftierten Investigativjournalisten und WikiLeaks-Gründer Julian Assange sowie der Fall von zu Unrecht verurteilten Postbeamten in Großbritannien. Zu Assange habe ich in den letzten Wochen schon jede Menge geschrieben, daher halte ich mich diesbezüglich dieses Mal sehr kurz: Demnächst wird klar werden, ob die USA die vom High Court in London geforderten Garantien vorlegen können, womit Assange aus Sicht der Richter an die Vereinigten Staaten ausgeliefert werden könne. Ist das nicht der Fall, geht es im Mai in eine Berufungsverhandlung gegen diesen Auslieferungsantrag. Verblüffend ist in diesem Zusammenhang nach wie vor die Tatsache, dass die von Assange aufgedeckten vermeintlichen Kriegsverbrechen der USA niemals vor Gericht gekommen sind und daher auch jene, die sie mutmaßlich begangen oder befohlen haben, niemals zur Verantwortung gezogen wurden. Dafür wird der Überbringer der schlechten Nachricht seit Jahren in einem Hochsicherheitsgefängnis wie ein Schwerverbrecher oder Terrorist weggesperrt – was seine erzieherische Wirkung auf Journalisten nicht verfehlt. „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd“ zitiert auch der Liedermacher Reinhard Mey ein bekanntes Sprichwort in seinem hörenswerten und schon 1996 erschienenen Song „Sei wachsam“. Diese Vorgangsweise der „Mächtigen“ ist also schon ein alter Hut. Was sie nicht weniger bedenklich oder gar gefährlich macht. Heute könnte dieses Lied durchaus das Attribut „Verschwörungstheorie“ oder „Schwurbelei“ bekommen.

Der andere Fall ist ebenso bedenklich: In Großbritannien wurden 2003 Postmanager fälschlicherweise für in den örtlichen Postfilialen scheinbar verschwundene Gelder verantwortlich gemacht, was dazu führte, dass Hunderte des Diebstahls und Betrugs beschuldigt und viele sogar ins Gefängnis gesteckt wurden. Zurück blieben Leben, Ehen und Ruf, die von da an in Trümmern lagen. Dass die Causa noch nicht zu den Akten gelegt wurde, verdanken die Betroffenen Alan Bates (dessen Leben auch eine britische Mini-TV-Serie mit dem Titel „Mr. Bates vs. The Post Office“ gewidmet ist), der im letzten Oktober einen Antrag auf Wiedergutmachung des ihm zugefügten Schadens von seinem ehemaligen Dienstgeber beantragt habe. Dazu hat er kürzlich im dafür eingerichteten Ausschuss ausgesagt. Tatsächlich verantwortlich für die verschwundenen Gelder waren aber horrende Fehler im IT-System. Der „Skandal“ ist bis heute nicht vollständig aufgearbeitet und es wird sich zeigen, in wie weit den noch lebenden Opfern Gerechtigkeit widerfahren wird.

Für Gerechtigkeit wollen auch die gewählten Politiker sorgen, zumindest so lange bis sie dann tatsächlich gewählt werden.

Dass das meist nicht gelingt, zeigt auch der aktuelle Sozialbericht 2024, der am 9. April vom zuständigen Ministerium vorgestellt wurde und der dem „Kampf gegen die Armut“ ein schlechtes Zeugnis ausstellt. So wird darin bescheinigt, dass die „untere Hälfte“ (fast) nichts besitzt, also quasi von der Hand in den Mund lebt. Diese Bezeichnung „Hälfte“ zeigt wohl auch deutlich, dass es die Mittelschicht bzw. der Mittelstand, die so gerne als Zielgruppen politischer Wahlkampagnen adressiert werden, in der Realität nicht (mehr) gibt. Ein Armutszeugnis für den Wohlfahrtsstaat.

In der Slowakei wurde am vergangenen Sonntag ein neuer Präsident gewählt, der den in Österreich verbreiteten Medienberichten zu Folge als Handlanger des „russlandfreundlichen“ Premiers Fico gilt. Diese Zuschreibungen – wie sie aktuell auch das gewählte slowakische Staatsoberhaupt Peter Pellegrini erfahren muss – sind aber brandgefährlich, da sie zur weiteren unerwünschten Spaltung der Gesellschaft(en) beitragen. Eine differenzierte Sichtweise tut Not, wenn man der Wahrheit auch nur ansatzweise auf die Spur kommen will. Beim Thema Russland kann man sich aber im Moment mit einer solchen Wahrnehmung ohnehin nur den Mund verbrennen. Denn auch jeder, der den Frieden im Auge oder auf der Zunge hat, wird als Freund des russischen „Diktators“ Putin gesehen. Es wird aber – und die Geschichte hat es uns und wird es uns wieder lehren – nichts an zu diesem Ziel führenden Verhandlungen vorbeiführen. Und am Schluss wird sich herausstellen, dass zwar ein Sieger kolportiert wird, eigentlich aber alle Beteiligten verloren haben.

Auch in Ungarn gibt es Medienberichten folgend eine neue Protestbewegung. Angeführt wird sie vom Ex-Mann der ehemaligen ungarischen Justizministerin Péter Magyar, der – obwohl er Teil des „System Orbán“ war – nun eine Bürgerbewegung gestartet hat, die das Ziel hat, das Volk an die Macht zu führen und den amtierenden Ministerpräsidenten abzulösen. Als Speerspitze wird er wohl in der Zeit nach Orbán eine führende Rolle einnehmen wollen. Seine geschiedene Frau weiß über ihn nur das Schlechteste zu berichten. Welcher Erziehungsstrategie soll man als Bürger nun folgen? Die Wahrheit ist wieder einmal schwer zu eruieren, es geht einmal mehr darum, wer sich glaubwürdiger zu inszenieren im Stande ist.

Für die horrenden Pressemeldungen zum „Sommer im April“ gilt ähnliches. Da die Wahrheit für den Normalsterblichen schwer recherchierbar ist, gilt auch hier der Glaubensgrundsatz. Tatsache ist jedenfalls, dass der Mensch die Natur schon lange an die Zügel nehmen will und ihr so manches zumutet, was bei ethischer Betrachtung nur zu Problemen führen kann. Als Teil eben dieser Natur tut der Mensch gut daran, sich mit dieser zu arrangieren und sich nicht selbstherrlich über sie zu stellen. Ich empfehle an dieser Stelle einmal mehr die Bücher des Philosophen und Biologen Andreas Weber. Der „Klimawandel“ wäre kein Thema, wenn wir im Einklang mit „Mutter Natur“ lebten, denn so wie diese sind auch wir als Spezies in der Lage, uns geänderten Bedingungen anzupassen. Und daran, sowie an einem stark geänderten Bewusstsein unserer Rolle in der Natur gilt es zu arbeiten. Dazu wird aber leider auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EMGR) nichts ändern, der Klimaschutz nun einklagbar gemacht hat. Die intensive Beschäftigung einzig und allein mit dem Klimawandel birgt nämlich die Gefahr, uns vom Wesentlicheren abzulenken.

Kommen wir abschließend noch zu den anfangs gestellten Fragen zurück. Da ging es um das Umfeld, in dem Menschen aufwachsen und leben sowie um Vorbilder. Wir suchen sie mitunter vergeblich. Wir finden sie überall dort, wo ein Mensch bereit ist, sich seines Menschseins zu besinnen und Menschlichkeit walten zu lassen, ja ein menschliches Leben zu führen. Auf diese Weise wird es nicht zu Lebensbedingungen kommen, die als unmenschlich erlebt werden. Auf diese Weise werden Menschen daran arbeiten, Situationen zu ändern, die bei anderen Leid(en) verursacht. Auf diese Weise wird sich die Welt tatsächlich zum Besseren ändern, an allen Ecken und Enden. Bleibt noch die Gretchenfrage, wer damit beginnen soll. Die Antwort kennen Sie bereits, liebe Leserinnen und Leser: ein jeder von uns, also Sie selbst. Und das trotz aller Ungerechtigkeit, die auch oder sogar gerade jene erleben, die sich für das Gute, Wahre und Schöne einsetzen.

Bildrechtelinks:

Peter Pellegrini: https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Pellegrini#/media/Datei:Peter_Pellegrini,_2024.jpg

Péter Magyar: https://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A9ter_Magyar#/media/Datei:P%C3%A9ter_Magyar.jpg

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WG – 2024 KW14-DE-IPHP Wolfgang Müller CC BY-SA 4.0
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