Elementarinformatik – Dachschaden vorprogrammiert?

LebensweltenPädagogik neu gedacht

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz in Deutschland fordert Elementarinformatikunterricht im Kindergarten. Unter Elementarinformatik kann man sich früheste digitale Medienbildung vorstellen, also bereits aktiven Unterricht im Kindergarten zum Umgang mit Computern und Computerprogrammen.

Dazu sollte man noch vorausschicken, dass die Ständige Wissenschaftliche Kommission aus Wissenschaftlern verschiedener – in erster Linie pädagogischer – Bereiche besteht, allerdings ist kein einziger Arzt dabei. Soweit ich gesehen habe auch kein Psychologe, Psychiater oder Neurowissenschaftler. Leider! Sonst wäre die Forderung für Elementarinformatik vermutlich sofort diskussionslos verworfen worden.

Manfred Spitzer, einer der renommiertesten Neurowissenschaftler unserer Zeit, ließ die Forderung nicht unkommentiert und verfasste 16 Seiten mit dem Titel „Digitalisierung in Kindergarten und Grundschule schadet der Entwicklung, Gesundheit und Bildung von Kindern“.

Säße ein Arzt in der Kommission, wären die ersten Einwände gegen Elementarinformatik Inaktivität, Übergewicht, Diabetes und Adipositas nebst Myopie, Kurzsichtigkeit. Soweit die rein körperlichen Folgen digitaler Mediennutzung von Kleinkindern.


Je mehr digitale Mediennutzung, desto mehr psychische Fehlentwicklungen
Viel erschreckender noch sind die Folgen für die kognitive und psychosoziale Entwicklung sowie die seelische Gesundheit, denn mit jeder zusätzlichen Stunde, die Kinder täglich mit Bildschirmmedien verbringen, verdoppeln sich die familiären Probleme durch emotionale Störungen.

Ein Grund dafür liegt in der Einsamkeit. Dass Mediennutzung einsam macht, wird nicht mehr bestritten. Was jedoch bei Kindern, die allein vor dem Bildschirm sitzen, gänzlich entfällt ist das Gefühl der Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe. Unter „Shared Attention“, kann man sich die gemeinsame bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache vorstellen. Das beginnt damit, dass nicht nur Eltern ihre Kinder auf Dinge hinweisen, wie beispielsweise Blumen, Vögel oder andere Schönheiten in der Natur, sondern auch, dass die Eltern sich die Zeit nehmen, aktiv auf das einzugehen, was ihr Kind ihnen zeigt. Kindliche Erfahrungen mit authentischem Interesse helfen ihm zu lernen, wie sich zielgerichtete Aufmerksamkeit entwickelt.

Machen Kinder hingegen die Erfahrungen geteilter Erlebnisse und bewusster Achtsamkeit nicht, entsteht ein Mangel an Austausch und eine Form von Einsamkeit. Gerald Hüther spricht in diesem Zusammenhang von einem Sozialisationsdefizit, das er als Ursache von AD(H)S sieht. Aus seiner Sicht ist es also keine Krankheit, die auf möglichen Störungen des Hirnstoffwechsels basiert. Daher wird auch keine Medikation benötigt, sondern positive Sozialisationserfahrungen mit Familienmitgliedern und Gleichaltrigen.

Erst wischen, dann gehen
Trotzdem gibt es Eltern, die der Meinung sind, dass möglichst frühe Erfahrungen mit Tablets und Smart Phones auf Kinder förderlich wirken. Nein, liebe Eltern, wenn Euer Kind über den Touch Screen wischen kann, bevor es gehen gelernt hat, ist es kein kleiner Einstein. Im Gegenteil, es ist sehr unwahrscheinlich, dass es dadurch einer wird. Denn ein Kind braucht für erfolgreiches Lernen und eine gute kognitive Entwicklung Interaktion, Haptik, Sensorik und Motorik. Und es muss lernen, seine Hände auf unterschiedlichste Arten zu bewegen und zu greifen je nach Art des Gegenstandes, den es halten möchte. Kinder, die viel wischen verlernen einen Stift zu halten.

Bei der Nutzung eines Touch Screens gibt es keine Interaktion und auch die Motorik wird nicht aktiviert, wenn das Kind allein vor dem Bildschirm sitzt. Die einzige haptische Erfahrung dabei ist das harte, starre Glas der Oberfläche, das so gut wie keine sensomotorischen Reize zulässt und erst recht keine, die mit dem Inhalt des Gesehenen zu tun haben könnten. Kinder müssen sich viel bewegen und sie müssen viel be-greifen, damit Lernen so stattfinden kann, wie es menschengerecht ist, also das genaue Gegenteil von dem, was digitale Medien ihnen bieten.

Was passiert, wenn Informationen auf unser Gehirn treffen?
Bevor eine Information in unser Bewusstsein eindringen kann, muss sie erst den Frontallappen passieren, der entscheidet, ob die spezifische Information besser in der linken oder in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet wird. Während die rechte Gehirnhälfte für Emotionen, Träume, Phantasie, Ideen, Kreativität und Kunst zuständig ist, ist links alles verortet, was mit Vernunft, Logik und analytischen Überlegungen zu tun hat. Für bewusste Überlegungen im Zustand der Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und Achtsamkeit sind die Beta Wellen unseres Gehirns verantwortlich, genauso wie bei der Erledigung von Aufgaben, Lösung von Problemen und der Planung von Tätigkeiten, eben allem, womit wir uns bewusst gedanklich auseinandersetzen. Egal welche Information auf uns einwirkt, sie hat keine Möglichkeit, die Zensur des Frontallappens zu umgehen.

Falsch, eine gibt es: Hypnose. Die Hypnose manipuliert den natürlichen Weg der Informationsverarbeitung und geht ohne Umwege direkt ins Unterbewusstsein.  Deshalb setzt die Hypnosesituation ein großes Vertrauen voraus, weil Fähigkeiten des Bewusstseins in diesem Zustand reduziert sind. Der Filter setzt aus genauso wie der bewusste Wille. In diesem Zustand ist man auffallend empfänglich für Suggestionen, also manipulativer Beeinflussung, bei der die Manipulation häufig nicht wahrgenommen werden kann.  

Wie uns der Bildschirm in seinen Bann zieht
Das Bildmaterial des Fernsehers wird mit 25 Bildern pro Sekunde aufgenommen. Für das Auge ergibt sich dadurch eine flüssige Bewegung. Das Fernsehgerät selbst arbeitet mit 50 Hertz, einem Vielfachen der 25 Bilder pro Sekunde. Gehirnwellen werden ebenfalls in Hertz gemessen. Somit sind die Informationen und die Aktivität des Gehirns auf einer Wellenlänge. Durch die Kombination aus den 25 Bildern pro Sekunde und zusätzlich den häufigen Bildwechseln innerhalb der Sekunden wird das Gehirn bereits nach einer halben Minute vom Fernsehapparat mit Alpha Wellen getaktet, denselben Wellen wie beim Tagträumen und unter Hypnose. Der Fernsehende ist also in gewisser Weise hypnotisiert und dem ausgeliefert, was die Sendung ausstrahlt- eine Erkenntnis, zu der bereits 1969 Herbert Krugman kam.

Im Alphawellenzustand wird die Aktivität der linken Gehirnhälfte verlangsamt, rationales Denken, Logik und Analytik setzen praktisch aus, während die rechte Gehirnhälfte und damit die Gefühle aktiviert werden. Was in diesem Zustand auf das Gehirn eintrifft, wird daher emotional beurteilt und nicht hinterfragt. Fernsehen beeinflusst schon durch das Hinschauen allein, was besonders die Werbung gerne für ihre Zwecke nützt. Dagegen können sich nicht einmal Erwachsene wehren, was man oft am Gesichtsausdruck und der Körperhaltung erkennen kann.

Meine sehr laienhafte Überlegung zu diesen Informationen:
Ist es möglich, dass ein kindliches Gehirn, wenn es durch häufige Nutzung von Bildschirmen an Alpha Wellen gewöhnt ist, die Taktung in Beta Wellen nicht mehr als angenehm empfindet? Daher nicht mehr umspringt und in weiterer Folge nicht mehr in den Zustand bewusster Achtsamkeit und Aufmerksamkeit kommt?

Hypnose als Belohnung
Wer weiß, dass ein Kind binnen 30 Sekunden vom Fernsehgerät in einen Zustand versetzt wird, der der Hypnose gleicht und daher manipulative Beeinflussungen kaum abgewehrt werden können, wird den Fernsehapparat als Werkzeug für Belohnung zukünftig vermutlich nicht mehr in Erwägung ziehen. Shared Attention ist die Alternative: Das gemeinsame authentische Erleben von Eindrücken, das Angreifen, Anschauen, darüber Sprechen und das Weitererzählen sind das, was es für eine gesunde Entwicklung von Kindern braucht. Das tatsächliche Leben, mit seinen Erfahrungen, mit der sozialer Interaktion, mit Beziehung, authentischen Gefühlen, Freude, Lachen aber auch vielleicht einmal Weinen – Informationsverarbeitung in Beta Wellen eben.

Buchtipps:
Die Smartphone Epidemie von Manfred Spitzer
Digitale Demenz von Manfred Spitzer
ADHS aus neurobiologischer Sicht. Das „Almprojekt“ von Prof. Gerald Hüther von Kerstin Beiler-Raabe

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Bild 030_Elementarinformatik – Dachschaden vorprogrammiert
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Diskussion (Ein Kommentar)

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  1. Wieder einmal eine Inspiration, was Frau Kostka schreibt und vor allem räumt sie in kritisch-fundierter Weise auf mit schwachsinnigen Ideen, die auf unsere Kinder losgelassen werden, „im Vertrauen auf wissenschaftliche Erkenntnisse“….
    Im Einklang mit Gerald Hüther beschreibt sie, was Kinder wirklich brauchen, nämlich unmittelbares Erleben mit allen Sinnen.
    Man muss wirklich aufpassen, dass die Medien- und Konsumindustrie keinen Zugriff auf die psychische Gesundheit unserer Kinder bekommt. Dafür sind Eltern, Pädagogen, ElementarpädagogInnen und PsychologInnen sowie ÄrztInnen verantwortlich. Wir alle Erwachsenen im Grunde.
    Als Psychologe kann ich nur unterschreiben, was Frau Kostka so klar auf den Punkt bringt.