Experten berichten: Letzte Orte vor der Deportation

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Veranstaltungsdaten

Datum
24. 1. 2017
Veranstalter
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Ort
Festsaal der ÖAW
Veranstaltungsart
Diskussion
Teilnehmer
Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Doris Bures, Nationalratspräsidentin der Republik Österreich
Heidemarie Uhl, Historikerin
Monika Sommer, Historikerin, Kuratorin der Ausstellung
Dieter J. Hecht, Historiker
Michaela Raggam-Blesch, Historikerin
Doron Rabinovici, Historiker, Schriftsteller
Helga Feldner-Busztin, Zeitzeugin, Ärztin
Arik Brauer, Zeitzeuge, Maler, Grafiker, Bühnenbildner, Sänger, Dichter
Gerhard Baumgartner, Moderator, Journalist, Historiker

Eine aktuelle Ausstellung beleuchtet die letzten Orte vor der Deportation der Wiener Juden während des Dritten Reiches. Im ersten Teil unseres Berichtes darüber kommen Wissenschaftler/-innen und Historiker/-innen zu Wort, die sich mit diesem Thema und dessen Aufarbeitung beschäftigt haben. Im zweiten Teil folgen dann Berichte von Zeitzeugen.

Begrüßung an der Akademie der Wissenschaften

Anton Zeilinger:

Am 27.01.1945 wurde Auschwitz-Birkenau befreit. Erst seit 2005 ist dies der internationale Gedenktag an die Opfer des Holocaust.

In Österreich fielen etwa 66.000 Menschen dieser Vernichtungspolitik zum Opfer, dennoch gab es bekanntermaßen erst relativ spät eine Anerkennung und Würdigung der Opfer des Holocausts in diesem Land.

Seit 1991 gibt es ein offizielles Bekenntnis Österreichs zur Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus, und 1995 wurde der Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer gegründet. Seit 2000 steht ein Denkmal am Judenplatz.

Auch an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat es sehr lange gedauert, bis diese Zeit aufgearbeitet wurde: Seit 2013 hängt eine Gedenktafel am Eingang zum Festsaal und es liegt ein Gedenkbuch auf zur Erinnerung an Mitglieder und Angehörige der Akademie der Wissenschaften, die 1938-1945 vertrieben oder ermordet wurden.

2015 gab es eine Ausstellung und eine Broschüre zur Erinnerung an die biologische Versuchsanstalt der Akademie und ihren Mitgründer Hans Przibram, der 1944 in Theresienstadt ermordet wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde auch seine Büste in der Aula des Hauptgebäudes aufgestellt.

Ein weiteres Projekt ist in Arbeit: So sollen Filminterviews mit Holocaust-Überlebenden geführt und festgehalten werden, um jüngeren Generationen nicht nur Fakten, sondern auch Emotionen vermitteln zu können.

Einen Roman zu schreiben über Auschwitz, der den Leser nicht verletzt, das wäre eine Schande.

(Imre Kertész)

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Doris Bures:

Der Weg vom Parlament in die Akademie der Wissenschaften führt quer durch den ersten Wiener Gemeindebezirk und entlang zahlreicher bekannter Orte und Adressen, über den Heldenplatz zur Hofburg, den Michaelerplatz und den Graben, zum Stephansplatz bis zum Ignaz-Seipel-Platz, dem Ort, wo die Universität ihren Ursprung hat. Aber es liegen auch weniger bekannte Orte auf diesem Weg, Adressen, von denen jüdische Mitmenschen aus ihren Wohnungen deportiert wurden.

Diese Adressen erzählen die Geschichten von Menschen, von Familien und damit auch einen wichtigen Teil der Geschichte unseres Landes, die Geschichte darüber, dass Nachbarn ihre Mitmenschen ausgegrenzt, beraubt und verfolgt haben. Eine Geschichte, die in einem unvergleichbaren Massenmord endete – dem Holocaust.

Die Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau jährt sich heuer zum 72. Mal und ist Anlass des Holocaust-Gedenktages.

Um erinnern zu können, brauchen wir Wissen über die Vergangenheit, daher vermitteln wir heute Wissen über die Sammellager in Wien. Die Bilder der Menschen, die deportiert wurden, kennt jeder, wir wissen, wo sie hingingen und was dort geschah. Heute blicken wir auf jene Orte, wo die Koffer gepackt wurden. Vier Orte in Leopoldstadt, denn der Holocaust begann nicht in den Konzentrationslagern, er begann in unserer Mitte.

Die heute anwesenden Wissenschaftler/-innen helfen mit, die Verbrechen jener Zeit aufzuarbeiten, und Historiker/-innen ermöglichen es, dass aus den Erinnerungen der Überlebenden Geschichten geschrieben werden können.

Das Interview führt Gerhard Baumgartner.

Woher kommt der Anstoß für dieses Thema?

Heidemarie Uhl:

Wenn Sie die Adressen Kleine Sperlgasse 2a, Castellezgasse 35, Malzgasse 7 oder 16 hören, dann wird Ihnen das gar nichts sagen, aber das sind ganz bedeutende Orte in der Geschichte des Holocaust. An diesen Orten – in ehemaligen Schulen – wurden vier Sammellager eingerichtet, und von diesen vier Sammellagern wurde die weitaus große Mehrheit der österreichischen Opfer des Holocaust in die Vernichtungslager deportiert. 45.000 von insgesamt mehr als 66.000 österreichischen Opfern, nicht nur Wiener. Hier wurden die Menschen in Turnsälen untergebracht.

Im Besuch dieser Orte mit Zeitzeugen wird das Ausmaß dieser Grausamkeit erst deutlich, sich vorzustellen, wie sie das erlebt haben.

Eine ganz wesentliche Motivation ist auch, diese Orte der nächsten Generation, den Jugendlichen, ins Bewusstsein zu rücken. Ich habe mit jungen Leuten im Rahmen der Ausstellung zum Novembergedenken gesprochen, und sie haben gesagt, Wien sei für sie eine Black Box; sie kennen alle die Bilder von Auschwitz, von Wien haben sie jedoch kein Bild.

Die Ausstellung ist noch bis zum Sommer in der Krypta des äußeren Burgtores zu sehen. Warum dieser Ausstellungsort?

Heidemarie Uhl:

Die Krypta ist ein besonders wichtiger Ort: 2013 wurde beschlossen, dass hier keine Gedenkfeiern mehr stattfinden, es soll ein Lern- und Vermittlungsort werden. Ein Ort, an dem jedem interessierten Staatsbürger Geschichte vermittelt werden kann.

Frau Dr. Sommer, Sie als Kuratorin waren ja vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Die Orte, um die es geht, sind heute ganz normale Gebäude mitten in der Stadt, denen ihre schreckliche Vergangenheit nicht anzusehen ist. Wie geht man damit kuratorisch um?

Monika Sommer:

Es war unsere erste Herangehensweise, die Normalität dieser Häuser ins Zentrum zu rücken und trotzdem „Tiefenbohrungen“ vorzunehmen. Es sind alles Schulen, und gerade deswegen ist es uns so ein großes Anliegen, die historische Bedeutung dieser Orte mit dieser Ausstellung hervorzukehren.

Es sind einerseits die vier Häuser, die im Zentrum der Ausstellung stehen, aber es brauchte noch eine zweite Herangehensweise an diese Ausstellung. Wir haben uns entschieden, ganz genau den Prozess dieser Deportationen anzuschauen, nämlich: Was passiert wirklich mit den einzelnen Menschen von der Benachrichtigung, dass sie einberufen werden, bis zu den Deportationen über den Aspang-Bahnhof?

Wir haben diesen Prozess sequenziert in fünf Kapitel – wobei uns dann schnell klar geworden ist, dass wir damit die Geschichte der Täter, durch die Darstellung des Machtinstruments, zu sehr in den Vordergrund rücken.

Wir haben dann beschlossen, das zu konterkarieren und jeder einzelnen dieser Sequenzen Aussagen von Zeitzeugen gegenüber zu stellen. So konnten wir durch ihre Portraits, in diesen einzelnen Etappen dieser Deportation, die Sichtweisen der Opfer ins Zentrum rücken.

Das Hauptproblem bei solchen historischen Ausstellungen ist ja zumeist, dass man Bilder sucht. In diesem Fall sind wir aber meistens auf das Bildmaterial der Täter angewiesen…

Monika Sommer:

Die Frage ist immer: Welche Quellen hat man? Und natürlich gibt es die Alben der Täter, denen wir dann Bilder der Opfer gegenüberstellen mussten. Zum Glück war uns das auch möglich, denn es gibt Briefe, es gibt Stammbücher und es gibt natürlich die Erinnerungen.

Die Interviews wurden von Michaela Raggam-Blesch und Dieter Hecht geführt. Wie waren denn diese Interviews, welche Bedeutung haben diese Sammellager in der Erinnerung der Überlebenden?

Michaela Raggam-Blesch:

Es war uns ein Anliegen, auch Informationen zu bekommen über das Leben in den Sammellagern, über das sehr wenig bekannt war. Deswegen haben wir eine Reihe von Interviews mit Überlebenden geführt.

Dabei war dann sehr interessant, dass für eben jene, die tatsächlich aus Wien deportiert wurden, das Sammellager ein mieser Ort von vielen miesen Orten war, die sie im Laufe ihrer Deportationsgeschichte erlebt haben.

Für jene, die im Sammellager waren und dann aber entlassen wurden – meist aufgrund des Schutzes durch ein nicht-jüdisches Familienmitglied -, waren das Sammellager und die Erfahrungen, die sie dort gemacht haben, mit die traumatischsten Erlebnisse.

Und von diesen Menschen haben wir die detailliertesten Beschreibungen bekommen über das Sammellager, weil diese Erfahrungen eben nicht überlagert wurden durch Erfahrungen des Ghettos und der KZs.

Wir haben schon die Problematik der Täterquellen angesprochen, Herr Doktor Hecht. Gibt es überhaupt andere Quellen, um diesen Täterquellen noch etwas entgegenzusetzen?

Dieter Hecht:

Lange Zeit dachte man, dass es da keine anderen Quellen gäbe. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass es diese sehr wohl gibt, wenn man mit Zeitzeugen oder deren Hinterbliebenen spricht.

Auch durch Personen, wie z.B. Martin Vogel, der in Wien als Jugendfunktionär überleben konnte, kommt man dann an Material. Aufgrund seiner Tätigkeit war er mit sehr vielen Jugendlichen in Kontakt, die dann deportiert und ermordet wurden. Sehr viele von diesen Jugendlichen haben ihm vor ihrer Deportation Fotos gegeben, ihm Briefe geschrieben oder sogar Fotoalben bei ihm deponiert.

Diese Quellen konnten wir alle verwenden und so letztendlich auch andere Geschichten – aus Sicht der Opfer – erzählen.

Dr. Rabinovici, Sie haben 2000 ein Buch über das Wiener System der Deportationen geschrieben. Welche Rolle spielen die Sammellager, und warum hat man sich erst so spät mit dieser Thematik befasst?

Doron Rabinovici:

Hier ist ein System aufgebaut worden von Eichmann, in dem einerseits die Kultusgemeinde zu einem Werkzeug der eigenen Vernichtung wird, und andererseits ist es ja so, dass die Juden vor den Augen aller sich einfinden müssen, mit Gepäck, Schlüsseln, mit Lebensmittelkarten, das muss alles abgegeben werden, um dort vor eine Kommission zu treten, die entscheidet, wer deportiert wird und wer nicht.

Wir kennen die Gründe, warum es in Österreich so lange gedauert hat, sich damit auseinander zu setzen. Österreich sah sich lange nur als erstes Opfer Hitlers, und da waren die Opfer, die auf Hitlers Liste an erster Stelle standen, dieser offiziösen (halbamtlichen) Position im Weg.

Im Sammellager tritt uns die Frage nach der Täter-Opfer-Perspektive am schärfsten entgegen. Man kann das nicht verstehen aus der Perspektive des Opfers – so brutal das klingt, denn es ist ja der Täter, der das Verbrechen erdacht hat und der auch die Opfer belügt, an jeder Stelle.

Der Historiker steht vor der problematischen Situation, dass er das Verbrechen nur von der Täterperspektive aus überblicken kann. Diese aber hat ihre blinden Flecken – denn man spricht dann etwa von den Vernichtungskapazitäten der Gaskammer.

Es ist aber erst die Opferperspektive, die ermöglicht zu erkennen, was das Verbrechen bedeutet.

Dann gab es noch eine besondere Gruppe der Opfer: Das waren jene, die gezwungen wurden mitzuarbeiten, Teil des Ganzen zu sein und versucht haben, die anderen dort z.B. zu verpflegen. Und sie mussten ja verstehen, welcher der Täter was für eine Position hat, von wem man was erfragen kann, wer der ist, der noch zugänglich ist.

Diese Perspektive ist besonders interessant, weil sie eigentlich unsere Perspektive ist. Wir versuchen ja, die einzelnen, individuellen Unterschiede herauszuarbeiten. Und sie ist auch deswegen interessant, weil die Opfer jedes Mal damit konfrontiert sind, dass ihre Hoffnungen zerstört werden, dass sie belogen worden sind, dass das, auf was sie einzugehen versucht haben (“Wenn man das tut, kommt man durch”) nicht stimmt. Und sie stehen dann vor dem Unerklärlichen am Ende, vor dem auch wir stehen in der Forschung.

Dieser Teil des Berichtes behandelt die Beweggründe für die Ausstellung über die Sammellager in Wien und warum es so wichtig ist, darüber zu berichten. Im zweiten Teil kommen Zeitzeugen zu Wort.

Zum zweiten Teil mit Zeitzeugenberichten geht es hier.

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Diskussion (Ein Kommentar)

  1. […] Den ersten Teil mit Gesprächen mit Historiker-/innen findet ihr hier. […]