Friedensbewegter Gesellschaftskritiker – im Gespräch mit Dr. Hannes Hofbauer

Der Publizist und Verleger Dr. Hannes Hofbauer ist zu heute zu Gast bei Yvonne Gaspar in einer neuen Folge der Kitchen Talks. Der studierte Wirtschafts- und Sozialhistoriker leitet seit 1990 den Promedia-Verlag in Wien. Gesellschaftspolitisch ordnet er sich im linken Spektrum ein: seit seiner Politisierung im Zuge der Anti-AKW-Bewegung in Österreich setzt der sich für eine gerechte Gesellschaft ein und ist überzeugter Anhänger der weltweiten Friedensbewegung (Antiimperialismus).

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Welt durch die USA und ihr Militär beherrscht. Diese Zeit dürfte sich gerade dem Ende zuneigen.

Einen Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit bildet Osteuropa und dessen Integration in die Europäische Union: viele Osteuropäer immigrierten in den Westen, viele Betriebe gehören nun westlichen Eigentümern – die Umwälzungen waren und sind enorm. Wie auch im Westen scheinen alle Regierungen dieser Region der Coronakrise hilf- und konzeptlos gegenüberzustehen.

Im Folgenden geht Hofbauer auf die Geschichte des Promedia Verlages und seine Tätigkeit als Verleger näher ein: pro Jahr kommen im Verlag etwa 20 Bücher heraus. Fokus des Verlags sind politische Sachbücher, Kulturgeschichte und sozialwissenschaftliche Texte. Inhaltlich soll möglichst die gesamte Breite eines Themas behandelt werden: zB wurde vor zwei Jahren ein gegenüber China eher wohlwollendes Buch veröffentlicht; aktuell wird ein Werk vorbereitet, dass sich kritisch mit dem imperialen Aspekt der Neuen Seidenstraße und der Rettung des Kapitalismus durch die chinesische Regierung auseinandersetzt. Wichtig ist dem Historiker, dass die veröffentlichten Bücher historisch verifizierbar sind: persönliche Spekulationen sind ihm eher ein Dorn im Auge.

Während Westeuropa in der Gesundheitskrise aka Corona das Glück hatte, dass viele osteuropäische Ärzte und KrankenpflegerInnen hier ihren Dienst verrichteten, fehlten in deren Heimatländern tausende Gesundheitsbedienstete.

Eine gerechte Sozialpolitik könnte z. B. vorgeben, dass man dem Gesundheitspersonal oder der Müllabfuhr mehr Gehalt bezahlt, als Bankern. Denn Letztere sind für das Funktionieren einer Gesellschaft weniger wichtig, wie die Krise gezeigt hat. Auf EU-Ebene wäre es entscheidend, dass die Sozialpolitik europaweit angeglichen wird, und es nicht bei einer rein ökonomischen Union bliebe, denn eine Gemeinschaft kann langfristig nicht funktionieren, wenn es keine gleichen Arbeits- und Sozialrechte gibt, da dadurch der Wettbewerb nach unten vorangetrieben wird.

Es ist zu hoffen, dass die rigorosen Coronamaßnahmen nicht zu einer massiven Veränderung des Menschen und der Gesellschaft führen: wenige Sozialkontakte, mehr Selbstoptimierung (auch durch künstliche Intelligenz, Robotik etc.) und Einzelkämpfertum sollten nicht die Basis eines „neuen“ Menschen werden. Auch wenn Hofbauer nicht an einen gesteuerten Umbau der Gesellschaft glaubt (Great Reset), so sind die Gewinner der bisherigen Veränderungen (im monetären wie im machttechnischen Sinne) doch recht eindeutig zu erkennen.

Die fehlende Gegenposition der Linken zu aktuellen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, autoritäre Tendenzen europäischer Politiker und Regierungen, das Versagen der EU in der Krise, die Sinnhaftigkeit der Coronamaßnahmen, das Buch Lockdown 2020  und die Plattform keinzustand.at sind weitere Themen dieses informativen Gesprächs.

Credits

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Dr. Hannes Hofbauer Wolfgang Müller 1

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