In Your Face

Donald Trump

Wieso fühle ich mich heute wie am Tag nach dem Brexit-Votum? Weil wieder einmal alle Prognosen komplett daneben gelegen sind? Weil ich es nicht wahrhaben will – auch wenn ich Clinton wenig abgewinnen konnte? Weil die Börsen verrückt spielen und die Angst der Finanzwirtschaft vor einem unberechenbaren (weil unbestochenen) Kandidaten ausdrücken?

Das Volk hat gesprochen. Und hat das Establishment in Grund und Boden gewählt. Zuerst mit der Wahl Trumps zum Spitzenkandidaten der Republikaner – gegen alle Widerstände der eigenen Partei. George W. Bush erklärte noch am Wahlabend, daß er NICHT Donald Trump gewählt hat. Und jetzt die demokratische Parteiführung mit dieser unerwarteten und sehr schmerzhaften Niederlage. Denn nicht nur die Präsidentschaft wurde verloren, auch der Senat wurde nicht zurückerobert. Das Repräsentantenhaus war sowieso nicht zu gewinnen. Damit ein Durchmarsch für Trump – und in seinem Windschatten die republikanischen Parlamentsmitglieder.

In. Your. Face.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß Bernie Sanders Donald Trump geschlagen hätte. Die Demokraten haben sich diesen Sieg selbst gestohlen, mit den aufgeflogenen Manipulationen und mit den Superdelegates, die vom Partei-Establishment dazu eingesetzt werden können, um unliebsame Kandidaten zu verhindern.

Diese Wahl reiht sich ein in den Trend, der weltweit zu spüren ist. Die Suche nach dem starken Mann, und die Abkehr vom politischen Establishment. Nun kann man bei Trump anführen, daß er finanziell sicher zum Establishment gehört – aber eben nicht zum Politischen. Letzteres hat seinen Kredit bei den Leuten verspielt, indem vor allem die Arbeiterschaft sich selbst überlassen wurde und keine wirksamen Maßnahmen gegen die Exzesse der Großkonzerne eingeführt wurden. Ähnliche Ergebnisse sind auch bei den kommenden Wahlen in Europa zu erwarten (Österreich, Frankreich, Deutschland).

Der amerikanische TV-Kanal CNN mutete etwas lächerlich an in seinem Versuch, zu erklären – sei es über historische Vergleiche von Wahlergebnissen oder über den Vergleich von Auszählungsgraden in unterschiedlichen Bezirken -, warum seine offensichtliche Favoritin Hilliary Clinton immer noch gewinnen könnte, nicht realisierend, daß das Ergebnis schon klar vorhersehbar gewesen war. Der Trend war in fast allen umkämpften Staaten (Ausnahme Virginia) gleich: Clinton begann mit Vorsprung und verlor sukzessive an Boden, bis Trump sie rechts und links überholte. Der rust belt, das ehemals industrielle Herz der USA, das zur blue wall gezählt wird, ging erstmals seit 1988 nahezu komplett verloren.

Die sogenannten Reagan-Demokraten wählten diesmal wieder republikanisch. Keine Jobs, keine Zukunftsaussichten – das treibt jeden Wähler irgendwann in die Hände eines Populisten. Bei Frauen hatte Clinton nur einen knappen Vorsprung, der turnout der Latinos reichte nicht, um die angry white votes zu kompensieren. Letztere sind auch der Grund, warum die Wahlprognostiker so weit danebenlagen: Die Wähler lassen sich nicht mehr in die Karten schauen.

Was Trump jetzt macht? Gute Frage. Er hat in beiden Häusern eine Mehrheit. Die Republikaner können es sich sicher nicht leisten, ihren eigenen Kandidaten, der ihnen so einen überragenden Sieg geschenkt hat, zu blockieren. Was Trump von seinen teils skurrilen Wahlversprechungen umsetzen wird, bleibt abzuwarten. Die Freiheit, Amerika komplett umzukrempeln, hat er jedenfalls. Mit der Ernennung des neunten Höchstrichters wird er diese Institution auf absehbare Zeit konservativ färben. Mit Russland wird er wohl nicht auf Konfrontation gehen, etwas, das man von Clinton erwarten musste. Was er im Nahen Osten plant, wie stark er Amerika dort involvieren will, werden die nächsten Monate zeigen.

Es zeigt sich jedenfalls, daß die Auseinandersetzung zwischen denen, die etwas zu verteidigen haben (und damit die herrschende Elite unterstützen), und denen, die sich bereits am Abstieg befinden, die neue Trennlinie der Gesellschaft ist. Da geht’s nicht mehr um rechts und links, um Republikaner oder Demokraten. Die Wähler erwarten sich von Trump keine Wunder, sie kennen seine Fehler. Die Sanders-Wähler sind zu Hause geblieben – die rust-belt-Staaten, die er in den Vorwahlen gewann, gingen alle an Trump. Beide Wählergruppen sind mit dem herrschenden System so unzufrieden, dass sie jeden wählen würden, der sich gegen die Elite stellt. Und man kann es ihnen nicht verübeln.

Was wurde aus der Krise 2008 gelernt? Die privaten Schulden wurden der öffentlichen Hand übergeben. Das soll eine faire Lösung sein?

Arbeitsplätze wurden dank der Globalisierung in die ganze Welt exportiert. Boni für Finanzjongleure sind höher als vor der Krise. Und dann wundert man sich, daß die Leute sauer sind?

Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken. Das schreibe ich immer wieder. Wenn die Eliten versagen, versagt die Gesellschaft. Der einfache Bürger schaut auf zu seinen Vorbildern. Und wenn diese reihenweise in Skandalen und Korruptionssümpfen versinken, kippt das System. An diesem Punkt sind wir.

Griechenland hat es vorgemacht. Kaum etwas hat sich dort geändert – oder kennt jemand einen jener Milliardäre, die in die mannigfachen Korruptionsskandale verwickelt waren und ihre Schäfchen rechtzeitig ins Ausland gebracht haben? Bezahlt soll die Zeche am Ende wieder vom Steuerzahler werden – während Großkonzerne und wohlhabende Bürger ihre Gewinne reihenweise in den Steueroasen verstecken, um daran nicht beteiligt zu sein.

Nun, wenn man so ein System aufbaut, dann darf man sich nicht wundern, wenn sich der einfache Bürger irgendwann angewidert ab- und Populisten – aktuell vor allem auf der rechten Seite – zuwendet und die ungeliebte Globalisierung durch wiederaufkeimenden Nationalismus ersetzt.

Trump hat diesen Zug ebenso ausgenutzt, wie es Hofer, Orban, Kaczynski und auch Erdogan vormachen. Über diese zu schimpfen, wird zu wenig sein. Das sagt der Wähler seit Jahren. Man muß ihn irgendwann auch ernst nehmen. Das heißt nicht, dass man auch gegen Flüchtlinge und sonstige Außenseiter hetzen muss. Aber daß man das zerstörerische Wirtschaftssystem, das die Politik seit Reagan und Thatcher vor sich hertreibt, reformiert und die Menschen am unermesslichen Reichtum, der jedes Jahr erwirtschaftet wird, fair beteiligt.

Ob Trump jemand ist, der so eine Revolution anführt, ist mehr als unwahrscheinlich. Aber vielleicht wachen die Entscheidungsträger jetzt endlich aus ihrem Wahn auf und erkennen, wie weit sich vor allem der Westen von seinen eigenen Werten verabschiedet hat. Wenn nicht, dann wird sich der Trend zum Extremismus verstärken und die politische und wirtschaftliche Mitte der Gesellschaft weiter implodieren. Was dann folgt, kann sich jeder mit einem Blick auf die Geschichte ausrechnen!

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trump-won The Daily Beast
Donald Trump Donald Trump in your face Gage Skidmore CC BY SA 2.0 us

Diskussion (8 Kommentare)

  1. Lieber Christian, bis auf die Einschätzung, dass dieser Sieg nicht prognostiziert wurde. Seit ca. 14 Tagen bis drei Wochen gab es auf The Young Turks Berichte über einen stabilen Vorsprung von Trump. Nur wurde darüber, zumindest in Europa, im Mainstream geschwiegen. Für mich die wahre Überraschung war, dass wirklich hier die Meinungsforscher richtig lagen. Das dürfte in den USA professioneller laufen als bei uns. Danke für deine Artikel

    1. Hallo Derbert. Die USA-weiten Umfragen hab ich nicht so genau verfolgt, da sie angesichts des Wahlsystems ja leider wenig aussagen. Aber in den Battleground-states, v.a. in der blue wall, waren sich die meisten sicher, daß Clinton vorne bleibt. Dort passierte offensichtlich die größte Überraschung.
      Du hast aber recht, daß es nicht „alle“ waren, das war übertrieben. Man merkt ja, daß dieser Beitrag mit etwas viel „Emotion“ geschrieben wurde, da gehören Übertreibungen leider dazu. 😉

  2. Hi lieber Christian! Du hast mit fast allem Recht, bis auf Deinen Einstiegssatz. Das Volk hat nicht gesprochen. Oder besser es hat sich für Clinton ausgesprochen, die im Popular Vote fast 200.000 Stimmen mehr hat. Bei all den rechten Recken von Strache bis LePen erstaunlicherweise kein Wort mehr von direkter Demokratie am heutigen Tag. Wir werden deren Anhänger daran erinnern, wenn sie von Wählerbetrug sprechen, sobald Strache die Mehrheit der Stimmen hat, aber nicht den Kanzler stellen darf.

    1. Hallo Christoph ! Direkte Demokratie wäre eine eigene Diskussion, da habe ich wie Du weißt meine Vorbehalte (angesichts der Geschichte und des Wissens um Manipulation der Massen).
      Popular Vote hin oder her – er hat im herrschenden System klar gewonnen (va wenn man sieht, woher er kam) und für mich ist das immer nachvollziehbarer. Sogar Michael Moore hat vorhergesagt, daß Trump gewinnen wird, und der ist am Ohr der Leute.

    2. Das ist Unsinn, Das wäre so wie zu behaupten, dass doch eigentlich nicht der Wählerwille ist, wenn bei uns trotz Stimmenverlust eine Partei mehr Mandate hat als zuvor.
      Das ist das Wahlsystem. Und dieses wird vom Volk durch die Wahl akzeptiert. Will man dieses ändern braucht man nur Leute die antreten es zu ändern und Leute die diese wählen.

      1. @Gerhard – das ist allerdings leichter gesagt als getan in einem System, das per Definition keine Opposition zuläßt. Denn wenn man erst einen ganzen Staat gewinnen muß um das System zu verändern, ist ads schlimmer wie die Kärntner 10%-Hürde, die es lange Jahre für den EInzug in den Landtag benötigte, und somit allen kleineren Parteien einen Einzug verweigerte.

  3. Dieser Artikel von Michael Mendizza, beschreibt sehr klar was großen Anteil am Wahlerfolg in den USA hatte, daher viel Spaß beim Lesen!

    „Media has a major role to play in the mediation of consciousness, the mediation of reality.
    Jerry Mander

    Three points of view:

    To help bring some perspective to the shock many are feeling I invite you to hold and ponder together three interrelated points of view.

    The next president was predicated in 1978 in Jerry Mander’s The Four Arguments for the Elimination of Television. In our conversation below Jerry described how Form is Content and why our 45th President Elect did not simply fall out of the sky. He was created by the carefully crafted forms that shape corporate media, the most powerful propaganda enterprise on earth, and how this form shapes the content of our consciousness, what we believe and feel. Fundamental changes in the nature and structure of this form gave rise to the content we experience and that defined the next president. They are insurable.
    https://ttfuture.org/academy/jerry-mander/jerry-mander
    Having explored the use of propaganda in the rise and exploitive effectiveness of Nazism The Fairness Doctrine emerged from the Nuremberg War Crime Trials, 1945-1949. The policy introduced in 1949 required the holders of broadcast licenses to present controversial issues of public importance and to do so in a manner that was — in the Commission’s view — honest, equitable, and balanced. The FCC eliminated the Doctrine in 1987, (Ronald Reagan). Robert F. Kennedy Jr, does a great job of describing how the elimination of the Fairness Doctrine transformed relatively clear and effective journalism in the United States into opinion and sensationalized propaganda and how this expanded Jerry’s prophesy.
    https://www.youtube.com/watch?v=BWZMOQcDnyk
    Unrestricted by reason, balance and unbiased objectivity Chris Hedges in American Irrationalism describes the current landscape.
    http://www.truthdig.com/report/item/american_irrationalism_201610305

    “We are blinded to our depressing reality by the avalanche of images disseminated by mass media. Political, intellectual and cultural discourse has been replaced with spectacle. Emotionalism and sensationalism are prized over truth. Highly paid pundits who parrot back the official narrative, corporate advertisers, inane talk shows, violent or sexually explicit entertainment and gossip-fueled news have contaminated cultural life. “Reality” television, as contrived as every other form of mass entertainment, has produced a “reality” presidential candidate.

    Mass culture, because it speaks to us in easily digestible clichés and stereotypes, reinforces ignorance, bigotry and racism. It promotes our individual and collective self-glorification. It sanctifies nonexistent national virtues. It takes from us the intellectual and linguistic tools needed to separate illusion from truth. It is all show business all the time.”

    From my conversation with Jerry Mander:
    (Note: this conversation preceded mobile computers and social media which together and exponentially expand the power and influences the forms and forces Jerry describes.)

    There are really hundreds of arguments (For the Elimination of Television and implicitly Corporate-Social Media) which are described in four categories. The first is Environmental. The second is Political. The third is Personal in terms of personal consciousness. And the fourth deals with Communications, what kinds of information pass through the media, and what kinds don’t?

    The environmental argument is based on how we have moved our consciousness inside artificial forms – from the natural world to that of a mediated reality. Television has a major role to play in the mediation of consciousness, the mediation of reality.

    The political argument explores how the use of advertising and television benefits some people more than other people. Advertising and television provide an extremely powerful tool unify consciousness, which is more immediate, more direct and faster than anything that proceeded it.

    The third argument describes how television effects people. What it does to kids. What it does to the way we understand ourselves. What it does to thinking. What it does to us psychology.

    The fourth argument explores how television threatens democracy. Television accepts certain kinds of information while rejecting others. Conversations like this would be boring on television and yet violence, sex and sports work well. The medium has a built in bias.

    How does this bias affect our experience and the programs we see on television?

    Television exploit a genetic fight-flight tendency in human beings. Our most important skill when living in a pre-industrial environment was the ability to react to things that were unusual. We had to be aware of changes in the environment for survival. Television comes along and presents images which triggers the same genetic response. If something violent is happening on television, we will react. We may be intellectually aware that the violence is not “real” but our emotions don’t discriminate. They react. It is part of our survival reflex and advertisers and programmers exploit this tendency as much as possible.

    To exploit means to use something to one’s advantage or to take advantage of another weakness. Advertisers, and the corporations they serve, are extremely sophisticated in exploiting television in this way especially when it comes to children.The invest millions of dollars to uncover where our children are most vulnerable or impressionable and design programs to appeal to these weaknesses.

    It became very clear, observing my kids watching television, that they were entering into an artificial reality, one where people no longer remember what the world was like without television.It is a reality cut off from the natural world – one created and controlled by a limited number of corporations to sell people products they really didn’t need.

    I was very, very worried about that and with good reason. We already have a generation of people who don’t know that there was ever a world without a television. They can’t imagine what life would have been like without television. Look how we have moved through the technological age and how it has established a new reality that has no relationship to the intrinsic values of nature. This is tremendously tragic and the main reason I wrote the book.

    You describe very clearly how this new reality, driven by television, is spreading like a huge wave all over the globe.

    It came out of love for my own kids and also the observation that the next generation won’t care about, or even remember nature. They won’t remember the experiences, thoughts and feelings which happen outside of television’s mediated reality. They won’t care about it, which of course will doom us.

    The full interview; https://ttfuture.org/academy/jerry-mander/jerry-mander

    PS
    We deeply conditioned by these forms and forces. Do take the time to hold and explore all three perspectives together. Then act.“

    1. Hallo Stefan ! Danke für den ausführlichen Artikel.
      Meiner Meinung nach fehlt hier (klarerweise, da aus früherer Zeit) der immer wichtiger werdende Bereich der Sozialen Medien, die eine teils ganz andere Wirkung auf das Wahlverhalten von Menschen haben können, als das Fernsehen. Das wäre eine eigene Diskussion.