Lernen und Leben in Indien

Seit nun fast zwei Jahren bin ich als Reisende in der Welt unterwegs. Was nach dem Studium als Asienreise für einige Monate gedacht war, wurde zu einem Langzeitprojekt und meinem aktuellen Lebenskonzept. Reisen mit dem Sinn, zu lernen, zu wachsen und meine Umgebung, meine Mitmenschen und mich selbst besser kennenzulernen.

Das erste Land, in das ich 2015 aufbrach, war Indien. Es hat mich seitdem nicht mehr losgelassen, und ich bin inzwischen schon das dritte Mal für mehrere Monate am Stück hier. Als ich zum ersten Mal indischen Boden betrat, wusste ich sofort: Dieses Land ist etwas Besonderes.

Es ist in seiner Kultur einzigartig und steckt voller Widersprüche. An einem einzigen Tag kann man sich zwischen unterschiedlichen Extremen bewegen, von absolut begeistert bis hin zu sprachlos und manchmal auch erschüttert über einige Umstände in diesem Land. Die Schönheit und Offenheit der Menschen, die vielfältige Kultur und Spiritualität auf der einen – und der viele Müll, der Lärm und die größtenteils noch immer herrschende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen auf der anderen Seite. Dies sind einige wenige der vielen Widersprüche und Extreme dieses Landes.

Dadurch dass hier alle Sinne täglich so vielfältig angesprochen werden, habe ich das große Potenzial für mich entdeckt, ganz genau hinzuschauen, was in meiner Umgebung passiert, und mehr über die Menschen und die Welt generell zu lernen.

In Indien hilft es einem schon oft, eine gute und gesunde Intuition zu entwickeln. Eine innere Stimme, die einem sagt, was in welcher Situation das Richtige zu tun ist. Dies ist generell eine gute Eigenschaft, die auf Reisen benötigt und nach und nach immer mehr ausgeprägt wird.

Meine Reise beginnt zunächst mit einer einmonatigen Yogalehrerausbildung in einem traditionell indischen Ashram in der Wüste Rajasthans. Nach Abschluss dieses Trainings beginnen sich viele Türen und Möglichkeiten zu öffnen. Durch das Kennenlernen des indischen Ashramlebens und den intensiven Einblick in die Welt des Yoga habe ich zum ersten Mal auf eine profunde und authentische Art und Weise die Ursprünge dieser uralten Philosophie kennengelernt.

In Indien wird Yoga als ein Lebenskonzept verstanden, das den Übenden letztendlich durch kontinuierliche Praxis dazu führt, seinen Geist mit der universellen Energie zu verbinden – denn das ist es, was Yoga eigentlich bedeutet: „Einheit mit dem Universum“. Und auch wenn die eigenen Ziele vielleicht nicht ganz so hoch gesteckt sind, so kann Yoga einem immerhin dabei helfen, in einen Zustand der inneren Ruhe und Akzeptanz zu kommen.

Der Weg dorthin besteht nicht nur aus den körperlichen Übungen, den Asanas, sondern beinhaltet insbesondere auch Meditation als sehr wichtiges Element, sowie Karma Yoga, der selbstlose Service, Rituale wie Mantra-Rezitation und Ayurveda als ganzheitliches Gesundheits- und Ernährungskonzept. Das Lernen in diesem Bereich hört niemals auf. Und wer Feuer gefangen hat, kann seine Fühler in alle Himmelsrichtungen ausstrecken und weiter lernen, weiter erfahren, weiter üben.

Ich setze meine Reise durch Indien und später auch durch einige Länder Südostasiens fort, während sich mein roter Faden von ganz allein auf meinem Weg etabliert.

Der innere Wunsch zu lernen, das Erlernte anzuwenden und in meinem Leben zu etablieren, führt mich zu längeren Meditations-Retreats, Yogazentren und Massagekursen in den Ländern, die ich bereise. Es sind Orte, wo ich wachsen und meinen Durst nach mehr Erfahrung befriedigen kann. Doch immer wieder zieht es mich zurück nach Indien. Das Land der Widersprüche, des Yoga, der gelebten Spiritualität und einer riesigen Bandbreite an Religionen.

In diesem Moment, während ich diesen Text schreibe, befinde ich mich im oberen Norden Indiens. Ich besuche diese Region bereits zum vierten Mal auf meiner Reise. Dharamsala, meine Heimat auf begrenzte Zeit, ist sehr beliebt bei Reisenden und vor allem bekannt dafür, dass sich seit 1959 das Exil des Dalai Lama hier befindet, als er und viele andere Tibeter gezwungen waren, ihr Land aufgrund der gewalttätigen Okkupation durch China zu verlassen.

Der Mittelpunkt mit dem bedeutenden Tempel und Wohnsitz des Dalai Lama stellt die Stadt McLeod Ganj dar. Wer mehr über tibetischen Buddhismus erfahren oder lernen möchte, kommt hierher. Was mich persönlich neben meinem tiefen Interesse an der buddhistischen Philosophie schon so oft in diese Region gezogen hat, ist außerdem das indische Gesundheitssystem Ayurveda und ein sehr inspirierender und vielwissender ayurvedischer Arzt, bei dem ich mehr über dieses ganzheitliche Körperkonzept lerne und studiere.

Wenn ich auf die vergangenen zwei Jahre zurückschaue, bin ich erstaunt und dankbar, wohin mich meine Reise geführt hat. Alles fing mit meiner Leidenschaft für Yoga und dem Wunsch zu reisen an und führte mich zu einem tiefen Interesse an der indischen Kultur, Ayurveda, Meditation und Buddhismus. Ich habe in dieser Zeit viele neue Seiten an mir entdeckt und meine Reise zu meinem Leben gemacht

Anstatt von einem Ort zum nächsten zu reisen und möglichst viele Länder zu besichtigen, bin ich lieber zurückgekehrt an Orte, die mich angezogen und fasziniert haben. Wo es mir gefiel, habe ich meinen temporären Wohnsitz errichtet und mir Zeit genommen, Dinge zu lernen und zu vertiefen. Dieses Konzept des Reisens hat sich im Laufe der Zeit entwickelt und etabliert, es ist zu meinem Leben geworden.

Ich kehre dabei immer wieder für einige Zeit in meine Heimat Deutschland zurück und plane dann, wie es weitergeht. Dies ist gut, um den Bezug zu meinem „alten Leben“ zu behalten sowie um innezuhalten und „Check-ins“ mit mir selbst zu machen:

Was habe ich gelernt? Was mache ich damit? Und wohin wird mich meine Reise als Nächstes führen?

Lernen und leben in Indien - Sonnenuntergang

Ich möchte mit dieser Artikelserie meine Erlebnisse und Erfahrungen teilen sowie Einblicke in Themen und Gedanken geben, die mich auf meiner Reise beschäftigen. In meinem nächsten Artikel wird es um das Thema Ayurveda gehen und wie ich es auf meinen Reisen und in meinem Leben integriere.

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Lernen und leben in Indien Lernen und leben in Indien Lisa-Maria Dau CC bY-SA 4.0
Lernen und leben in Indien - Sonnenuntergang Lernen und leben in Indien – Sonnenuntergang Lisa-Maria Dau CC BY-SA 4.0

Diskussion (Ein Kommentar)

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  1. Wunderschöne Beiträge!! Ich bin gespannt auf die noch folgenden !!