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“Politische Korrektheit” – Angemessenheit des Umgangs miteinander

Im ersten Teil („Politische Korrektheit“ – Sprache und Gesellschaft)  unserer Serie zur “Politischen Korrektheit”, deren Kern wir wohlwollend auf die Formel der Bemühung um möglichst rücksichtsvollen Umgang miteinander gebracht haben, ging es nach einigen einleitenden Worten über die Aktualität des Themas vor allem um die komplexen und lebendig-dynamischen Beziehungen zwischen Sprache, Gesellschaft und Geschichte.

Ohne konkreter zu werden, was mögliche Konsequenzen des gesellschaftlichen (sprachlichen) Miteinanders betrifft, wollten wir ein erstes Bewusstsein für eine Sprachsensibilität schaffen, die um die zahlreichen bewussten und unbewussten Bedeutungs- und Mitteilungsnuancen sprachlicher oder sonstiger gesellschaftlich konventionalisierter Äußerungsformen weiß, und die dadurch erst das Fundament schafft für einen angemessen rücksichtsvollen Umgang miteinander.

Nun wollen wir, da wir eine entscheidende Triebfeder der “Politischen Korrektheit” so gut nachvollziehen können, den Versuch machen, konkreter zu werden hinsichtlich unseres tatsächlichen Miteinanders.

Rücksicht nämlich bedeutet vor allem Angemessenheit im Umgang miteinander, und beide Begriffe sind nicht zu trennen. Angemessenheit ist aber über den im weitesten Sinne “objektiven“, d.h. faktischen Gehalt der mitgeteilten Information hinaus zu verstehen als eine interpersonale, also zwischenmenschliche Form der Wahrheit.1 Dazu zählt gegebenenfalls nicht nur ein anderer, besonnenerer Ausdruck für die mitzuteilende Information, sondern mitunter bereits eine situationsangemessene und verantwortliche Selektion der mitgeteilten “objektiven” Informationen selbst, in Extremsituationen zum Beispiel.

Als „kommunikativen oder dialogischen Wahrheitsbegriff2 kann man mit dem Philosophen Johannes Heinrichs den Wahrheitsbegriff als „Grundlagen- oder Inbegriff der sprachpragmatischen Normen3 verstehen, also der Normen des zwischenmenschlichen Handelns mit sprachlichen Äußerungen (von griech. πρᾶξις, praxis: Handlung):4Von den Strukturen der kommunikativen Gegenseitigkeit her kommt ihm eine Normativität [Verbindlichkeit, M.T] zu, auch im ethischen Sinne.“5

Wenn man nun aber verbindliche Normen des zwischenmenschlichen Handelns festsetzen möchte – und das muss man immer von den Strukturen der Freiheit und Gegenseitigkeit her tun -, dann wird man schnell feststellen, dass man nicht mehr als allgemeine Empfehlungen und elementare Grundsätze struktureller Art angeben können wird (was schon eine ganze Menge ist!).

Unmöglich ist es, offensichtlich, angesichts der unermesslichen Mannigfaltigkeit und Komplexität der (zwischenmenschlichen) Wirklichkeit, verbindliche Normen des angemessenen Umgangs miteinander festzulegen, die über das strukturell Grundsätzliche hinaus – und das sind Situationsangemessenheit und rücksichtsvolle Gegenseitigkeitdie Vielzahl der Einzelfälle en détail reglementierten.

Wir haben bereits erwähnt, dass in Einzelfällen selbst eine Lüge beispielsweise angemessener sein kann als der “erbarmungslose” Fakt – denn der Mensch hat Erbarmen: Er hat anders als die „reine“ Sachinformation ein Gefühl und eine Verantwortung für die Verfassung seines Gegenübers und dessen wahrscheinliche Aufnahme der Mitteilung und Reaktion darauf. Wie Stöcke und Steine können Worte auch und “Wahrheiten”, bewusst nun oder unbewusst, verletzen.

Um überhaupt angemessen handeln zu können, muss man sich je auf sein Gegenüber und die jeweilige konkrete Situation ganz einlassen, und das in der Komplexität ihrer Wirklichkeit. Das ist ein Zusammenspiel unzähliger Einflüsse, von den gesellschaftlich-kulturellen Gepflogenheiten und Konventionen des Umgangs und Ausdrucks hin zu den ganz individuellen (biografischen und psychischen) Eigenheiten des jeweiligen Gegenübers und der Geschichte und Aktualität der eigenen Beziehung, die man zu ihm hat – um einiges Wesentliches zu nennen. Hier kann es keine verbindlichen allgemeinen Regeln geben, und alles Erlaubte und Angemessene erhält sein Recht allein aus der Gegenseitigkeit der Beziehung und dem wechselseitigen Bemühen, sich auf den je anderen einzulassen – und zwar um seiner selbst willen.

Von hier aus wird auch klar, wenn wir uns wieder dem “Sammelbegriff” der “Politischen Korrektheit” zuwenden, dass die Aufgabe des gesamtgesellschaftlichen und lebendigen Austauschs über bestimmte und möglichst rücksichtsvolle Redeweisen und Ausdruckspraktiken vor allem auch darin besteht, ein Bewusstsein und eine Sensibilität bei einzelnen Individuen zu schaffen für bestimmte Ausdrucks- und Problemzusammenhänge.

Darüber hinaus können aber solche Empfehlungen prinzipiell nicht gehen, wie niemals ethische Empfehlungen nach einem starren Raster oder Regelkatalog “kategorisch” auf das Leben anzuwenden sind. Und freilich ist, sich wahrhaft einzulassen auf den je anderen, weitaus anspruchsvoller, als einem bestimmten Regelkatalog zu folgen.

Wird aber Letzteres zu starr, und sei es auch aus gutem Willen, entfremdet es den Handelnden vom Leben selbst und verhindert ironischerweise womöglich gerade dort eine Angemessenheit des Umgangs miteinander, wo man sie erstrebte, weil man der Komplexität der Wirklichkeit nicht mehr gerecht wird. Und anstelle sich aufrichtig darum zu bemühen, was der Gesprächspartner im Kerne sagen möchte, wenn auch vielleicht in einer zunächst für einen selbst befremdlichen Ausdrucksweise, reagiert man so empfindlich auf diese Art des Ausdrucks selber, dass die weitere Kommunikation dadurch enorm erschwert, wenn nicht gar ganz behindert wird – und sei es nur ein Wort, an dem man sich aufreibt.

Anstelle sich auf den Anderen ganz einzulassen, um herauszufinden, was er wirklich sagen möchte, und dadurch im Gespräch zu einer Gemeinsamkeit zu finden, stünde dann die Bemühung um den korrekten Ausdruck – wo sie sich losgelöst von der konkreten Situation verselbstständigt hat – gerade aber dieser möglichen Gemeinsamkeit im Weg: Und wir werden Zeugen einer gefährlich unbewussten Werteverschiebung von einer neuen Empfindlichkeits- und Oberflächlichkeitskultur. Vom Wesen der Mitteilung zu ihrer Form, von den Begriffen, die in den Wörtern liegen, zu den Wörtern selbst, und von Einfühlung zu Starrsinn. Wo das nicht mehr eingesehen wird, ist der Punkt erreicht, an dem einstmals im Kern vernünftige Bemühung umzuschlagen droht in Dogmatik und Ideologie, und anstelle von Verbindung unter den Menschen stiften diese nichts als Entzweiung.

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1 Heinrichs unterscheidet, reflexionslogisch ausdifferenziert, vier Dimensionen des Wahrheitsbegriffs: 1) die ‘objektive’ Richtigkeit der Sachinformation, 2) die ‘subjektive’ Wahrhaftigkeit oder Authentizität, 3) die ‘interpersonale’ „Wahrheit als Verantwortung“ und 4) die ‘mediale’ Sinn-Kohärenz der Aussage (Vgl. Johannes Heinrichs: Sprache. Band 3: Die Handlungsdimension, 2008, S. 299ff.).
2 Ebd. S. 299.
3 Ebd.
4 Zu Heinrichs engerem Begriff von Sprachpragmatik als sonst üblich, vgl. ebd. S. 15-49 (Einleitung).
5 Ebd. S. 299.


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