Was schenken wir unseren Kindern #06: Seelenfrieden

LebensweltenPädagogik neu gedacht

Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar alles auch anders sein. Und manchmal, zu anderen Stunden, könnte nichts anders sein, ist nichts unverbindlich und leicht und jeder Atemzug, den wir tun, ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal.

Die Taten unseres Lebens, die wir die guten nennen und von denen zu erzählen uns leichtfällt, sind fast alle von jener ersten „leichten“ Art, und wir vergessen sie leicht. Andere Taten, von denen zu sprechen uns Mühe macht, vergessen wir nie mehr, sie sind gewissermaßen mehr unsere als andere, und ihre Schatten fallen lang über alle Tage unseres Lebens. (aus „Kinderseele“ von Hermann Hesse)

Ende 1918, etwa zeitgleich mit dem Ende des ersten Weltkriegs, verfasste der damals 41jährige Hermann Hesse eine autobiographische Kindheitserzählung, in der er sich an typische Erlebnisse zurückerinnert, an den dominanten Vater, an den „Diebstahl“ einer Feige aus dem Arbeitszimmer seines Vaters und die daraus resultierenden Gewissensbisse, Selbstzweifel und Sorgen eines Elfjährigen.

Kriegsende

Im zur Neige gehenden Jahr 1918 durften die Menschen sich endlich daran gewöhnen, dass der erste Weltkrieg ein Ende gefunden hatte. Friede machte sich langsam und vorsichtig breit. Die Menschen mussten neu lernen, wie sich ein Leben in Sicherheit anfühlt.

Viele Familienväter waren an der Front gefallen. Jene, die zurückgekehrten waren, waren traumatisiert, Fremde für ihre Kinder, das Familiengefüge ein anderes als davor. Die Frauen hatten über Jahre die Arbeiten der Männer übernommen und auf diese Weise dafür gesorgt, dass das Leben so normal geblieben war, wie es trotz des tobenden Krieges irgend möglich war. Viele von ihnen ließen sich nicht mehr in die gesellschaftliche Rolle zurückdrängen, die vor dem Krieg üblich gewesen war.

In dieser Neuauflage des Lebens Ende der 1910er Jahre reflektierte Hesse über seine eigene Kindheit, mit damals noch starren Familienstrukturen und einem Rollenbild, das diskussionslos war. Die Strenge des Vaters stand dem unerschütterlichen Mitgefühl der Mutter gegenüber, obwohl beide Elternteile in ihrer Haltung Liebe und Sorge ausdrückten.

Die innere Spaltung des kleinen Hermann Hesse

Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand.“, waren das Resultat der Handlungen des Vaters, die sich im kleinen Hermann manifestiert hatten. Hin- und hergerissen zwischen dem Reiz Verbote zu brechen, gleichzeitig den Vater stolz zu machen, dann wiederum das Aufbegehren gegen den richterlichen und richtenden Erwachsenen, die seelische Befreiung aus den inneren Vorwürfen, wenn ihm wieder einmal vergeben wurde.

Herausforderung – Bestrafung – Vergebung – Erleichterung – Versöhnung wurden zu einem immer wieder stattfindenden Reigen, in dem sich die innere seelische Spaltung des Kindes ausdrückte. Es spürte seine Schwäche, fühlte sich minder und wertlos, fühlte sich schuldig und böse, weil es gegen die Anweisungen des Vaters gehandelt hatte, begehrte aber ein ums andere Mal wieder auf und genoss dabei für kurze Zeit seine Macht.

Dreißig Jahre später war dem erwachsenen Hesse der damals empfundene innere Zwiespalt noch immer so vertraut wie als Elfjährigem. Er erinnerte sich an den kindlichen Wunsch, den Eltern zu gefallen und die diametral dazu stehende Lust, Regeln zu brechen, an den Mut, der ihn stark gemacht hatte, nur um kurze Zeit danach die Demütigung zu erfahren, wenn seinem Aufbegehren gegen den Vater durch denselben jäh ein Ende gesetzt wurde:

Man fühlte Streben und Ehrgeiz in sich, man nahm redliche und leidenschaftliche Anläufe zum Guten […] zum Gehorsam gegen die Eltern und zum schweigenden, heldenhaften Ertragen aller Schmerzen und Demütigungen […] immer wieder erhob man sich, glühend und fromm, um sich Gott zu widmen und den idealen, reinen, edlen Pfad zur Höhe zu gehen […] und immer wieder blieb es ein Anlauf, ein Versuch und kurzer Flatterflug.“

Hesses inneres Kind

Dank der autobiographischen Erzählung, in der Hesse seine Erinnerungen so niederschrieb, wie er sie in der kindlichen Perspektive empfunden hatte, hat der Leser Einblicke in die Kinderseele.

Die Beziehung zum Vater war für Hesse herausfordernder und schwieriger als die zur Mutter. Vermutlich auch prägender. Auf jeden Fall schmerzvoller. Dafür war – so seine Erinnerungen – ihm die Liebe seines Vaters die Wertvollere, weil sie schwerer zu erlangen war. Wenn der Vater ihm nach einer aus dessen Sicht angemessenen Zeit der Bestrafung, verziehen hatte, genoss er die Versicherung, dass alles wieder gut war: „Als ich im Bett lag, hatte ich die Gewissheit, dass er mir ganz und vollkommen verziehen habe – vollkommener als ich ihm.

In diesem Satz drückt er seinen ureigenen kindlichen Wunsch nach Nähe, nach Versöhnung und nach Frieden mit dem Vater einerseits und in sich selbst andererseits aus, während er gleichzeitig spürt, dass in ihm innerlich ein Rest an Groll haften bleibt, den der Vater aber offenbar ablegen kann. Das Wissen um die Vergebung des Vaters lässt Ruhe in der Kinderseele einkehren, indem er versteht, dass sein Vater trotz der Strafe im Vergebungsprozess die Beziehung bzw. Bindung wieder herstellt.

Unbewusste Therapie

Die gedankliche Beschäftigung mit seinem kindlichen Ich und die Reflexionen aus seiner Kindheit sind eine Auseinandersetzung mit Hesses innerem Kind, obwohl diese Therapieform am Anfang des 20. Jahrhunderts noch gänzlich unbekannt war.

Hesse spürte offenbar instinktiv, dass zur Aufarbeitung der Verletzungen aus der Kindheit ein Wiedererleben der einstigen Gefühle und das Analysieren der damaligen Perspektive, also der des Kindes, nötig war. In „Kinderseele“ gelang es Hesse durch das Verschriftlichen seiner Gefühle seinen Heilungsprozess literarisch zu unterstützen.

Bewusste Therapie

Nicht umsonst wird Hesse als „Autor der Krise“ bezeichnet, denn in seinen Werken bricht immer wieder eine ihn quälende Selbstanalyse durch. Sein psychischer Zustand war nicht stabil, aber mit professioneller Hilfe gelang es ihm als junger Mann innerliche Verkrustungen aufzubrechen, um die einstigen Verletzungen und Ängste ans Licht zu bringen, die ein strafender Erziehungsstil, Missachtung und Liebesentzug in Kindern bewirken.

Die Auseinandersetzung mit psychoanalytischen Methoden bestärkte ihn darin, sich den Konflikten aus seiner Kindheit zu stellen und beeinflusste seine Werke maßgeblich. Am deutlichsten drückt Hesse den kindlichen Schmerz in „Demian“ aus, zu dem „Kinderseele“ als Vorstufe gesehen werden kann, als einem ersten sich vorsichtigen Einfühlen und bewussten Hinspüren. Im Anschluss an die Fertigstellung von „Kinderseele“ verfasste Hesse einen Brief an seine Schwester Adele, in der er ihr den Weg darin als „extrem gerade Psychologie und Liebe zur Wahrheit“ beschrieb, seinen Weg: zurück in eine ungeschminkte Vergangenheit, eine Erinnerung ohne Weichzeichner, der er realistisch begegnet, um eben jene Wahrheit zu erkennen, die es braucht, damit er die Folgen der Verletzung der kindlichen Würde annehmen konnte.

Die kindliche Würde

Wenn aber Würde, Liebe, Wertschätzung und Respekt ein selbstverständlicher Anteil an dem Erfahrungsschatz der Kindheit sind, dann ist Resilienz keine Frage mehr.
Dann ist offene Kommunikation das Werkzeug zum Miteinander.
Dann wird Achtsamkeit zur Wechselwirkung zwischen sich selbst und den anderen. Dann gelten Autonomie und Freiheit für alle.

Wer sich in den Weihnachtstagen Zeit für das Befinden seines inneren Kindes nimmt, wird spüren, welche Verletzungen noch nicht verheilt sind.

Es ist die Zeit, genau zu fühlen, was Du brauchst und was Dir guttut.

Heilung bringt Ruhe.

Mit der Ruhe spürst Du die Liebe.

Und mit der Liebe wirst Du Dir Deiner Würde bewusst.

Wenn wir Menschen erst einmal erfasst haben, welchen Wert die Würde hat,
wenn wir so handeln, dass sie ein unumstößliches Gut ist,
ein unantastbares Heiligtum, das unter keinen Umständen in Frage gestellt wird,
dann finden wir unseren inneren Frieden. Jeder für sich.

Und dann gibt es den Frieden auch im Außen, der genau so unumstößlich, genau so selbstverständlich und genau so unantastbar ist, wie die Würde selbst.

Credits

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PNG – 019-DE-PC Wolfgang Müller CC BY-SA 4.0
Was-schenken-wir-unseren-Kindern-06-Seelenfrieden-Podcast-von-Simone-Kostka