Wissenschaft, Medizin und ihre Feinde (BSA)

Gesellschaft

Im Rahmen des digitalen BSA-Gesprächsabends mit dem Titel „Wissenschaft, Medizin und ihre Feinde“ diskutieren der Onkologe Christoph Zielinski, die Gynäkologin und Vorsitzende der Ethikkommission der Sigmund Freud-Universität Barbara Maier und der Kommunikationswissenschafter Jakob-Moritz Eberl über den Kampf von Scharlatanen und Verschwörungstheoretikern gegen Wissenschaft und Forschung und seine Folgen sowie eine radikale Bildungsreform, um der herrschenden Wissenschaftsfeindlichkeit erfolgreich zu begegnen.

Sein Motiv, das Buch mit dem Titel „Die Medizin und ihre Feinde“ gemeinsam mit dem ehemaligen Chefredakteur des Profil Herbert Lackner zu schreiben, war ein „ganz banales“. Als sie gemeinsam im Cafe Landtmann saßen und einen Demozug beobachteten, entstand spontan die Frage, warum die Menschen den selbsternannten Gurus mehr Glauben schenkten als den Experten. Anhand des historischen Beispiels der „Pockenpandemie“ und der von Maria Theresia deswegen eingeführten Impfpflicht habe man versucht, die Argumente der Impfgegner wie Andreas Hofer zu analysieren. Dieser habe befürchtet, dass mit der Impfung der Protestantismus injiziert werde. In weiterer Folge, so Zielinski, wurde die Diskussion politisiert. In Wien fand beispielsweise eine impfkritische Veranstaltung mit Wohlwollen von Bürgermeister Karl Lueger statt. Hier zeige sich, dass eine der Wurzeln nationales, später dann nationalsozialistisches Gedankengut sei. Dazu kamen dann auch die Ideen der so genannten Lebensreformer wie Rudolf Steiner, die Nacktbader oder die Turnvereine mit ihrer Propaganda des „mens sana in corpore sano“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann eine große Wende: Grund dafür waren die Entdeckung der Wirksamkeit des Penicillins und die Polio-Impfung. Beides sei als Antwort auf große Krisen oder Katastrophen zu sehen. Unklar ist für ihn aber der neuerliche Umbruch, der in den letzten Jahren gekommen ist. Aus seiner Sicht gehe es dabei wohl um eine mangelnde Health Literacy: es werde dem Hausverstand das Wort geredet anstatt der medizinischen Bildung. Auch sei die Verbreitung dieser Ideen ein großes Geschäft, wie das Beispiel Robert Kennedy Jr. zeige.

Aufgrund ihrer Erfahrungen mit Schwangeren und Gebärenden weiß Barbara Maier, dass gerade in dieser Phase eine besondere Sensibilität gegenüber Impfungen bestehe und dass es hier leider auch Kollegen gäbe, die in dieser Situation falsch berieten und somit den Schutz der Frauen und der Babys gefährdeten. Es sei nicht gelungen, die Wichtigkeit der Impfung in die Bevölkerung zu tragen; sie sei moralisierend verbrämt, emotional aufgeladen und politisch falsch geframed worden. Wissen, Information und Evidenz seien nicht dasselbe. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden Verifikation und Falsifikation ausgesetzt, in der normalen Bevölkerung würden einfache Informationen aber sofort geglaubt. Ein selbst zweifelnder Wissenschafter sei nie so erfolgreich wie etwa Donald Trump. Die Kommunikation müsse überzeugender werden.

Für Jakob-Moritz Eberl sind die Gründe für die aktuell herrschende Wissenschaftsfeindlichkeit vor allem im politischen bzw. wissenschaftsbezogenen Populismus zu finden, der sich in Elitenfeindlichkeit, Schwarz-Weiß-Weltsicht und dem Focus auf das „Volk“ äußert. Aufgrund seiner Umfragen zeige sich, dass zum Beispiel 17 % der Österreicher der Meinung sind, dass Wissenschafter und Politiker unter einer Decke steckten, 26 % meinten, dass man sich mehr auf den gesunden Menschenverstand verlassen sollten – letzteres eine Rhetorik, die vor allem von Seiten der FPÖ aggressiv kommuniziert werde. Auch der Glaube an Verschwörungstheorien sei verbreitet: 13 % etwa glaubten an einen „Great Reset“. Ein sehr großer Bereich aber seien jene, die zu zweifeln begonnen haben, die laufende Desinformation habe also mittlerweile ihr Ziel erreicht. Im europäischen Vergleich sei Österreich bzgl. Vertrauen in die Wissenschaft immer auf einem der letzten fünf Plätze.

Im Weiteren werden am Beispiel der Impfung Möglichkeiten erörtert, die Wissenschaftsskepsis der Menschen zu beseitigen, etwa durch Informationskampagnen, wie Wissenschaft funktioniert, die Beförderung von wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Experten über die Medien, vor allem den ORF oder das verstärkte Implementieren von medizinischen Informationen ins Bildungssystem.

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BSA – Wissenschaft, Medizin und ihre Feinde-YOUTUBE Wolfgang Müller 1

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