Der Mensch produziert Chaos

Menschengemachtes Chaos (1)
Lebenswelten

Damit diese ganze Geschichte einen Sinn ergibt, ist es wichtig zu erwähnen, dass auf einer Reise nach Südafrika ungefähr acht Monate zuvor mein Freund neben mir ausgeraubt worden war. Es geschah mitten am Tag, auf einer Straße voller Menschen, die Polizei ging vorbei und niemand half uns auf irgendeine Art. Danach hatte ich immer ein Gefühl von Unsicherheit und Angst, weil die sehr schwache Selbstsicherheit, die ich zuvor hatte, weg war.

Ich hatte bisher mit der Gewissheit gelebt, dass man sicher sein sollte, wenn Menschen um einen herum sind, wenn man in der Innenstadt ist und – am wichtigsten – wenn Polizei in der Nähe ist. Diese Gewissheit war nun wie weggeblasen. Nach diesem Vorfall hatte ich nichts mehr, worauf ich mich verlassen konnte. In meinem Kopf konnte jederzeit alles passieren, und niemand würde irgendetwas dagegen tun. Und ich war auf die Idee gekommen, alleine nach Marokko zu reisen …

(aus Erste Begegnung)

Der nächste Tag kam.

Es war Zeit für mich, Geld zu holen, um die Unterkunft bezahlen und ein paar Lebensmittel einkaufen zu können. Es war nur noch eine einzige Flasche Wasser übrig. Ich wollte nicht rausgehen, also wartete ich ein bisschen und verbummelte noch etwas Zeit. Gegen Mittag ging ich endlich nach unten und fragte nach dem Weg zum nächsten Geldautomaten. Ich bekam eine ungefähre Erklärung, schaute auf die Karte und ging los, verwirrt und ängstlich.

Ich hatte vor, mein Smartphone draußen nicht allzu oft zu benutzen, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, und versteckte es zwischen meiner Hose und meiner Unterhose. Ich war extrem aufmerksam gegenüber den Bewegungen um mich herum… und da bewegte sich eine Menge.

Ich wurde sehr ängstlich, noch mehr als zuvor; ich merkte mir jeden einzelnen Stein in den Wänden, um den Rückweg zu meiner Unterkunft wiederfinden zu können.

Menschengemachtes Chaos (2)

Ich versuchte, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Ich hielt meinen Blick gesenkt, ignorierte die Männer, die mich anschauten oder mir ziemlich aufdringlich die Waren anboten, die sie verkaufen wollten. Alles um mich herum machte mir Angst. Jede Person war ein möglicher Angriff. Ich wusste ja nicht, ob ich diesen Leuten vertrauen konnte und wie sie miteinander umgingen.

In den Straßen war eine Geräuschkulisse, die ich nicht entschlüsseln konnte. Leute redeten miteinander, ständig fuhren Motorroller vorüber und hier und da plärrte Musik aus irgendeinem Lautsprecher. All dies vermengte sich zu einem konstanten Hintergrundlärm.

Menschengemachtes Chaos (3)

Doch in meinem Kopf war es totenstill. Es war still, weil ich paralysiert war von all dem, was um mich herum geschah. Versteht mich nicht falsch, ich war schon in sehr ähnlichen Umgebungen gewesen, in Situationen, die viel gefährlicher und viel eigenartiger waren als diese. Und da wusste ich noch nicht, wie viele Welten der Planet Erde birgt!

Diesmal war es anders. Diesmal war ich verunsichert, ich war alleine, ich hatte niemanden, der im Notfall für mich da sein würde, ich hatte keinen Plan B und keine Kuscheldecke. Ich realisierte dabei, dass ich mein Leben so strukturiere, dass ich immer weiß: Wenn etwas schiefgeht, habe ich noch eine andere Option. Auch wenn die nicht besonders toll ist, ist es wie eine Kuscheldecke, zu der ich notfalls flüchten kann. Doch hier hatte ich das nicht; und zwar überhaupt nicht, nicht von meinen früheren Erfahrungen, nicht von meinen Vorurteilen, nicht von meinem Selbstbewusstsein, nicht von irgendeiner anderen Person, nicht vom Alleinsein und nicht von meinem Mut.

Menschengemachtes Chaos (4)

Ich sah jeden, der an mir vorüberging, ganz vorsichtig an. Einmal kam ein Mann auf mich zu, so wie Dutzende andere. Er sah in meine Richtung, und ganz plötzlich öffnete er seine Arme und rief irgendetwas. Mein Herz begann zu rasen, meine Beine waren wie Pudding und meine Hände kalt und zittrig wie die Blätter eines Baums im Winter. Im nächsten Moment sah ich, dass er mit jemandem sprach, der hinter mir war. Ich hatte also gar keinen Grund zur Sorge.

Blöderweise blieb ich aber mit einem Gefühl der Panik in den Knochen zurück, so dass ich zehn Minuten danach noch immer zitterte. Ich versuchte aggressiv, mich selbst zu beruhigen, ein bisschen Rationalität in meinen Kopf zu bekommen, mich an die Person zu erinnern, die ich bin: an die reale, normale und logisch denkende Iulia, nicht dieses verängstigte Kaninchen, das in Panik gerät, wenn es seinen eigenen Schatten sieht…

Nach kurzer Zeit gab ich auf und ging zurück zum Hostel.

Menschengemachtes Chaos (5)

Ich hatte einen Freund, der am nächsten Tag nach Marrakesch kommen wollte. Ich überlegte mir, dass ich heute einfach das Essen auslassen würde, obwohl mein Magen rumorte. Ich hatte noch ein bisschen Wasser übrig, würde also problemlos überleben. Ich legte alles in die Hände des nächsten Tages; dann würde ich rausgehen müssen, um meinen Freund zu treffen, dann hätte ich keine Wahl mehr. Morgen würde ich also losgehen, um Geld zu holen, etwas zu essen und mich normal zu benehmen.

Morgen würde ich mutig und rational sein, mit beiden Füßen auf dem Boden stehen und meiner Angst nicht mehr nachgeben.

Menschengemachtes Chaos (6)

P.S.: Es ist sehr wichtig zu betonen, dass das, was ich hier erzähle, nicht die Realität von Marokko ist. Die Realität von Marokko ist das, was du erfahren wirst, wenn du dort hinfährst. Mir ging es so, weil ich bis oben hin aufgeladen war mit verschiedenen Gefühlen, die ich nicht auf gesunde Art verarbeitet hatte. Versteht also meine Geschichten bitte als Bericht einer Reise zu mir selbst und nicht als ein Reisetagebuch für Marokko mit konkreten Tipps!

Menschengemachtes Chaos (7)

Übersetzung Englisch-Deutsch: Martin Krake

Credits

Image Title Autor License
Menschengemachtes Chaos (2) Menschengemachtes Chaos (2) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Menschengemachtes Chaos (3) Menschengemachtes Chaos (3) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Menschengemachtes Chaos (4) Menschengemachtes Chaos (4) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Menschengemachtes Chaos (5) Menschengemachtes Chaos (5) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Menschengemachtes Chaos (6) Menschengemachtes Chaos (6) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Menschengemachtes Chaos (7) Menschengemachtes Chaos (7) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0
Menschengemachtes Chaos (1) Menschengemachtes Chaos (1) Iulia Farcane CC BY-SA 4.0

Diskussion (Ein Kommentar)

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